"Der Untertan" als Podcast Wie ein Mensch zum Untertan wird

Nach oben buckeln, nach unten treten: Diederich Heßling ist fies, feige und rücksichtslos. Heinrich Manns Roman "Der Untertan" ist eine beißende Karikatur auf den deutschen Ungeist. Jetzt als Podcast.

Von: Judith Heitkamp/Martin Zeyn

Stand: 25.03.2021

Heinrich Mann | Bild: picture alliance/akg-images

Heinrich Manns Roman ist eine Reise in die Abgründe des Kaiserreichs. Genial Manns Beschreibung der Persönlichkeit, die autoritäre Systeme am Laufen hält - und schmerzlich seine psychologische Hellsichtigkeit. Aber der Typus der Hauptfigur 'Diederich Heßling' war nicht nur unter Wilhelm I und II vertreten. Wer heute von Diederich lese, denke an Donald, Trump nämlich, den Untertan an der Macht, schrieb die Wochenzeitung "Die Zeit". Selbst groteske literarische Figuren können also einen Wiedergänger in der Wirklichkeit bekommen. "Der Untertan" mag zwar über 100 Jahre alt sein, aber seine Ironie und seine Analyse des autoritären Charakters machen den Roman zu einem der wichtigsten deutschen Romane des 20. Jahrhunderts.

Namenlose Zivilfeigheit

"Ein weiches Kind", mit Schlägen zugerichtet, lernt Diederich schnell, wie ein erfolgreicher deutscher Mann sein muss: schneidig, rücksichtslos und von "namenloser Zivilfeigheit" - so Kurt Tucholsky in seiner Besprechung. Befehlen und gehorchen übt der Untertan in Schule, Studentenverbindung und in Liebessachen: "Am Geburtstag des Ordinarius bekränzte man Katheder und Tafel. Diederich umwand sogar den Rohrstock." Dem Militär und dem Kaiser gilt seine Bewunderung, Dienst leisten will er aber lieber nicht: "Ja, Diederich fühlte wohl, daß alles hier, die Behandlung, die geläufigen Ausdrücke, die ganze militärische Tätigkeit vor allem darauf hinzielte, die persönliche Würde auf ein Mindestmaß herabzusetzen. Und das imponierte ihm; es gab ihm, so elend er sich befand, und gerade dann, eine tiefe Achtung ein und etwas wie selbstmörderische Begeisterung." Als Fabrikchef macht er liberalen Gedanken und nicht blonden Elementen den Garaus, wo's nur geht.

"Dieses Buch Heinrich Manns, heute, gottseidank, in aller Hände, ist das Herbarium des deutschen Mannes. Hier ist er ganz: in seiner Sucht, zu befehlen und zu gehorchen, in seiner Roheit und in seiner Religiosität, in seiner Erfolganbeterei und in seiner namenlosen Zivilfeigheit. Leider: es ist der deutsche Mann schlechthin gewesen; wer anders war, hatte nichts zu sagen, hieß Vaterlandsverräter und war kaiserlicherseits angewiesen, den Staub des Landes von den Pantoffeln zu schütteln."

Kurt Tucholsky, 1919

Eine Erklärung für den Faschismus?

Ein Jahrhundertroman, unterhaltsam, erschütternd und klug. Und mit großer Weitsicht verfasst, denn 1945 musste Mann feststellen: "Als ich die Gestalt des Untertan aufstellte, fehlte mir von dem ungeborenen Faschismus der Begriff, und nur die Anschauung nicht". Und so ist "Der Untertan" seit seinem Erscheinen (als zusammenhängender Roman 1918, der Vorabdruck wurde am 13. August 1914, nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs, abgebrochen) von ungebrochener Aktualität.

"Die Wirkungsgeschichte dieses erst nach umständlichen Verzögerungen erschienenen  Romans zeigt, dass er immer wieder aktuell gelesen wurde und gelesen werden kann – weil die Untertanenmentalität, die Muster, die im Zentrum stehen, immer wieder übertragbar sind. Heinrich Mann war Visionär, ohne sich dessen bewusst zu sein – im ersten Weltkrieg hat er bitter über seine Untertan-Figur gesagt, er hätte sie unterschätzt. Er hatte das Gespür und den scharfen Blick und das künstlerische Vermögen, diesen Stoff nachvollziehbar zu gestalten. Dabei enthält der Roman nur vermittelt eine moralische Anklage – die Satire funktioniert durch Ironie."

Prof. Dr. Ariane Martin, Präsidentin der Heinrich-Mann-Gesellschaft

Das Echo beim Erscheinen des Buches? Sehr gespalten. Für völkische Stimmen war es eindeutig eine Schmähschrift. Liberale bezeichneten es als scharfe, treffende Satire. Heinrichs Manns Neffe Klaus schrieb damals, "Der Untertan" sei ein erschreckend prophetisches Buch, es käme einfach alles schon vor. Zu den größten Kritikern Heinrich Manns gehörte sein Bruder Thomas. Der formulierte in seinen "Betrachtungen eines Unpolitischen", die er 1915 zu schreiben begann, einen offenen Angriff gegen das Kulturverständnis Heinrichs: "Kultur (...) gegen Zivilisation, Geist gegen Politik, Geist ist deutsch, Zivilisation ist französisch, der Weltkrieg der Krieg der Zivilisation gegen Deutschland, die Zivilisation 'deutschfeindlich' und der Bruder: 'romanisiertes Literatentum', ein 'Boulevard-Moralist' und 'Bummelpsychologe', (...) Vertreter der 'französischen Bösartigkeit und Rhethorik'."

Zum 150. Geburtstag Heinrich Manns ist "Der Untertan" fast ungekürzt zu hören - 19 Folgen in einer historischen Aufnahme mit Hans Korte. Alle Teile ab dem 25. März 2021 als Podcast. Und im Radio in den radioTexten auf Bayern 2, immer donnerstags ab 21:05 Uhr.

Heinrich Mann - Der Untertan | Bild: SZ - Montage BR zum Audio Heinrich Mann Der Untertan (1/19)

"Diederich Heßling war ein weiches Kind ..." Er hat viel Angst vor seinem strengen Vater, petzt und schikaniert schwächere Mitschüler. Zum Studieren geht er aus der Kleinstadt Netzig nach Berlin und landet in der Studentenverbindung Neuteutonia. Und er lernt die junge Agnes Göppel kennen. [mehr]

Heinrich Mann - Der Untertan | Bild: SZ - Montage BR zum Audio Heinrich Mann Der Untertan (2/19)

Neuteutonia sei's Panier! - Diederich genießt das Berliner Verbindungsleben. Noch mehr imponiert ihm das Militär, besonders, weilt dort "... die persönliche Würde auf ein Mindestmaß herabgesetzt wird". Dann kommt die Nachricht, dass sein Vater im Sterben liegt. [mehr]

Heinrich Mann - Der Untertan | Bild: SZ - Montage BR zum Audio Heinrich Mann Der Untertan (3/19)

Das Militär ist doch nicht so großartig und Diederich hat es lieber ganz schnell wieder hinter sich gelassen - leider, leider, ein schlimmer Fuß. Im Februar 1892 demonstrieren in Berlin die Arbeitslosen und dem Helden steht eine unvergessliche Begegnung mit seiner Majestät, Kaiser Wilhelm II, bevor. [mehr]

Heinrich Mann - Der Untertan | Bild: SZ - Montage BR Heute | 21:05 Uhr BAYERN 2 zum Audio Heinrich Mann Der Untertan (4/19)

Aus Agnes Göppel und Diederich Heßling ist ein Liebespaar geworden. Die beiden treffen sich heimlich - wenn er Zeit für sie hat und seine Karriere nicht leidet. Eines Tages kommt Besuch von Wolfgang Buck, Sproß einer im heimatlichen Netzig wichtigen Familie. [mehr]

Heinrich Mann - Der Untertan | Bild: SZ - Montage BR 22.04. | 21:05 Uhr BAYERN 2 zum Audio Heinrich Mann Der Untertan (5/19)

Diederich hat Agnes abserviert - schließlich würde sie ihre Reinheit nicht mit in die Ehe bringen. Frisch ausgestattet mit einem Doktortitel in Chemie und einem Kaiser-Wilhelm-Schnurrbart nimmt er Abschied von der Studienzeit in Berlin und macht sich auf die Heimfahrt nach Netzig. [mehr]

Heinrich Mann - Der Untertan | Bild: SZ - Montage BR 29.04. | 21:05 Uhr BAYERN 2 zum Audio Heinrich Mann Der Untertan (6/19)

Als neuer Chef der Papierfabrik regiert Diederich nun sein eigenes Reich, kündigt die Zerschmetterung seiner Gegner an und benutzt dabei viele Kaiser-Zitate. Beim alten Buck gibt er sich liberal, beim Bürgermeister dagegen schneidig national. Kaisertreue über alles! Dann fließt Blut ... [mehr]

Heinrich Mann - Der Untertan | Bild: SZ - Montage BR 06.05. | 21:05 Uhr BAYERN 2 zum Audio Heinrich Mann Der Untertan (7/19)

Dass einer seiner Arbeiter erschossen wurde, findet Diederich nicht falsch - viel schlimmer scheinen ihm die Äußerungen des liberalen Fabrikbesitzers Lauer. Im Ratskeller setzen sich die nationalen Kräfte durch, es wird weitergezecht. [mehr]

radioTexte - Eine Sendung auf Bayern 2 | Bild: Bayern 2 zum Audio Heinrich Mann Der Untertan (8/19)

"Skandalaffäre" um Diederich Heßling - nachdem gegen Fabrikbesitzer Lauer Anklage wegen Majestätsbeleidigung erhoben wurde, wird der junge Fabrikdirektor Heßling von den einflussreichen Bürgern Netzigs geschnitten. Schließlich hatte er Lauer provoziert. Wirtschaftlich läuft es auch nicht gut. [mehr]

radioTexte - Eine Sendung auf Bayern 2 | Bild: Bayern 2 zum Audio Heinrich Mann Der Untertan (9/19)

Immerhin - Diederichs Schwester Magda Heßling ist zwischenzeitlich so gut wie unter die Haube gekommen. Jetzt beginnt der Prozess gegen Lauer, als dessen Verteidiger sich ausgerechnet der junge Buck herausstellt. Diederich plant, alles herunterzuspielen ... [mehr]

radioTexte - Eine Sendung auf Bayern 2 | Bild: Bayern 2 zum Audio Heinrich Mann Der Untertan (10/19)

Im Prozess sieht es nicht gut aus für den liberalen Lauer. Und die Stimmung kippt. Diederich wittert Morgenluft. Doch noch muss Bürgermeister Scheffelweis aussagen, der es sich wie immer mit keinem verscherzen will. [mehr]

radioTexte - Eine Sendung auf Bayern 2 | Bild: Bayern 2 zum Audio Heinrich Mann Der Untertan (11/19)

Nach der spektakulären Verurteilung Lauers ist Diederich obenauf in Netzig. Aufnahme in den Kriegerverein, Besuch von Wolfgang Bucks Verlobter Guste Daimchen. Dabei kommt es zu einer sehr zweideutigen Situation in der Papierfabrik ... sie kriechen gerade aus der Ecke mit den Lumpensäcken hervor. [mehr]

radioTexte - Eine Sendung auf Bayern 2 | Bild: Bayern 2 zum Audio Heinrich Mann Der Untertan (12/19)

Diederich hat das Gerücht verbreitet, Guste Daimchen und ihr Verlobter Wofgang Buck seien Halbgeschwister. Bei einer Laienspielaufführung in der "Harmonie" rücken die Netziger vom Buck-Clan ab. Diederich schäkert mit der Dichterin und politisiert mit ihrem Mann, dem Regierungspräsidenten. [mehr]

radioTexte - Eine Sendung auf Bayern 2 | Bild: Bayern 2 zum Audio Heinrich Mann Der Untertan (13/19)

Weiterhin Theateraufführung. Diederich arbeitet an seiner nationalen Mission und an der gesellschaftlichen Stellung. Außerdem provoziert er die Pastorentochter Käthchen Zillich. [mehr]

radioTexte - Eine Sendung auf Bayern 2 | Bild: Bayern 2 zum Audio Heinrich Mann Der Untertan (14/19)

Diederich will in die Politik und paktiert dafür sogar mit dem verhassten Maschinenmeister und Sozialdemokraten Napoleon Fischer. Die Männer wollen sich gegenseitig bei der Stadtverordnetenwahl unterstützen. Noch wichtiger: Der Tee bei Frau von Wulckow. [mehr]

radioTexte - Eine Sendung auf Bayern 2 | Bild: Bayern 2 zum Audio Heinrich Mann Der Untertan (15/19)

Politik: Eine Hand wäscht die andere - es muss unbedingt ein Kaiser-Wilhelm-Denkmal her. Dafür würde er auch sein Haus verkaufen, verspricht Diederich. Und nachdem Buck doch lieber Schauspieler werden will, haben Diederich und Guste Daimchen sich gekriegt und sind jetzt ein offizielles Paar. [mehr]

radioTexte - Eine Sendung auf Bayern 2 | Bild: Bayern 2 zum Audio Heinrich Mann Der Untertan (16/19)

Diederich, noch im Rausch des Kaiser-Wilhelm-Erlebnisses in Rom, bemüht sich um eine "Partei des Kaisers". Ihr Programm: der Kaiser. Ihr Ziel: den demokratischen Sumpf Netzigs trocken legen. Guste wird vernachlässigt. [mehr]

radioTexte - Eine Sendung auf Bayern 2 | Bild: Bayern 2 zum Audio Heinrich Mann Der Untertan (17/19)

Wahltag. Komplizierte Gemengelagen, undurchsichtige Nebenabsprachen zwischen Kaisertreuen, Freisinnigen und Sozis. Und Showdown am Wirtschaftsstandort Netzig: An wen geht die Papierfabrik Gausenfeld? [mehr]

radioTexte - Eine Sendung auf Bayern 2 | Bild: Bayern 2 zum Audio Heinrich Mann Der Untertan (18/19)

Verleumdungen und Intrigen ruinieren die Gesundheit des alten Buck. Gewonnen haben Diederich und seine Maxime "Zuerst das eigene Wohl - und gerecht war die Sache, die Erfolg hatte!" Er ist mittlerweile Großaktionär von Gausenfeld und Generaldirektor. [mehr]

Heinrich Mann - Der Untertan | Bild: SZ - Montage BR zum Audio Heinrich Mann Der Untertan (19/19)

Glanz und Gloria! Diederich bekommt sein Kaiser-Wilhelm-Denkmal! Die Familie kuscht, Käthchen ist willig, die Bucks sind am Ende. Ende gut, alles gut. Wenn das Wetter mitspielt ... [mehr]