Blut und Spiele Sponsering der Fußball-WM nur gegen bessere Arbeitsbedingungen?

6500 Arbeitsimmigraten sind in Katar gestorben, meldete der Guardian. Einige norwegische Fußball-Clubs fordern den Boykott der WM. Die FIFA tut wenig. Müssen jetzt die Sponsoren eingreifen? Ein Kommentar.

Von: Martin Zeyn

Stand: 17.03.2021

Karl-Heinz Rummenigge (zweiter von links) 2013 mit Quatars Fußballfunktionär Hassan Al Thawadi | Bild: BR

Es war der Guardian, der vor vier Wochen eine Recherche präsentierte: 6500 migrantische Arbeiter sind in den letzten Jahren in Katar gestorben. Eine schockierende Zahl. Bei einer vollbesetzten Arena wären das in München jeder zehnte Besucher. Als die WM vergeben wurde, sorgten sich viele um die Gesundheit der Profispieler. Wie sollte bei über 40 Grad Celsius Sport betrieben werden? Die Stadien kühlen? Eine ökologische Katastrophe. Also wurden die Spiele in den Winter verlegt. Niemand aber scheint daran gedacht zu haben, was es bedeutet, bei über 40 Grad auf einer Baustelle zu arbeiten. Jetzt sind 6500 Menschen tot. Mehr Menschen als in allen Mannschaften mitspielen, die an der WM teilnehmen werden. Ein Gedankenspiel: Was wäre, wenn alle Teams plus Betreuer plus Funktionäre bei der Anreise sterben würden? Fände dann die WM statt? Mit der B-Mannschaft? Würde es einen Erinnerungskult geben wie für die acht Fußballer von Manchester United, die 1958 bei einem Flugzeugabsturz umkamen?

Menschenleben, die nicht zählen 

Deutlich wird, es gibt zwei Arten von Menschenleben. Was Funktionäre etwas bei den Corona-Regeln vorgemacht haben (da geben wir nichts drauf), wird doppelt deutlich bei der WM. Damit macht sich die FIFA zu einem Büttel eines Landes, in dem das Leben von ausländischen Gastarbeitern nichts gilt. Wobei es auch andere Stimmen gibt, einige NGOs haben sich ausdrücklich gegen einen Boykott ausgesprochen. Denn die Aufmerksamkeit, die sich jetzt auf Katar richtet, habe durchaus schon zur Verbesserung der Lage der Arbeitsimmigranten geführt. Sylvia Schenk von Transparancy International hinterfragt die Datenlage des Guardian. Denn der Golfstaat selbst gibt keine Auskünfte über Arbeitsimmigranten.

Wie blutig darf Sport sein? 

Und wir als Öffentlichkeit? Wieso regen nur norwegische Vereine und der holländische Fußballverband an, dass ihre Nationalmannschaften nicht teilnehmen sollten? Was können wir tun? Was muss sich ändern? Zumindest fordern, dass es Mindeststandards auf den Baustellen gibt, wie es die deutsche Textilindustrie tut beim Lieferkettengesetz. Und damit das auch mit deutlich mehr Nachdruck geschieht, drohen wir dem DFB an, ihm die Gemeinnützigkeit zu entziehen. Weil ein Verein nicht davon profitieren darf, dass Menschen sterben. Und in Zukunft sollten die Fernsehrechte nur eingekauft werden, wenn klar ist, dass die Menschenrechte und das Leben der Bauarbeiter zumindest einem minimalen Schutz unterliegen. 


Vielleicht ist deswegen Katar gar nicht der ideale Ansprechpartner, vielleicht sogar nicht die FIFA. Sponsoren mussten in den letzten Jahren lernen, dass nicht nur der Werbeträger selbst, sondern auch das Umfeld eine wichtige Rolle spielt. Wenn also die Sponsoren aussteigen, weil der Werbeträger in Verruf gerät, dann wird die FIFA aktiv werden. Denn entgangene Sponsoringeinnahmen sind ein echtes Argument, mehr Druck auf Katar ausüben. Und der Golfstaat will ja die WM nutzen, um sein Image zu verbessern. Schlechte Presse und Boykottaufrufe sind da nicht eben hilfreich. Und am Ende könnte es sein, dass ein tolles Fußballfest auch zu höheren Mindestlöhnen und zu besseren Arbeitsbedingungen am Golf führen wird. Dann hätten wirklich alle gewonnen.