Vier Lektüreempfehlungen Wer hat Angst vor dem Feminismus?

Die aktuellen Verlagsprogramme kündigen für das Frühjahr 2021 einiges zum Thema Feminimus an. Warum ist das so? Und welche Titel sind besonders spannend? Wir haben vier Empfehlungen.

Von: Stephanie Metzger/Martina Boette-Sonner

Stand: 24.03.2021 | Archiv

"El violador eres tu" – "Der Vergewaltiger bist du". Die Protest-Performance von Las Tesis aus Chile gegen Gewalt gegen Frauen hatte weltweit zu ähnlichen Protesten geführt, wie hier in Rom. | Bild: Patrizia Cortellessa/Pacific Press/pa

Sie sind laut, sie sind viele und sie sind wütend. Tausende Frauen und Queers skandieren den Satz: "Der Vergewaltiger bist du!". Und du ist: der Staat, die Polizei, der Richter, der Minister. Dazu strecken sie wütend Arme und Zeigefinger in die Luft, zeigen symbolisch auf die, die sie meinen.

Im November 2019 hatte das chilenische Künstlerinnenkollektiv Las Tesis in Santiago zu einem Protestmarsch gegen Gewalt gegen Frauen aufgerufen. Die Protestierenden skandierten ein Manifest, in dem sie das Patriarchat, strukturellen Sexismus und Gewalt gegen Frauen anklagten. Sie stampften zu lauten Beats, reckten die Fäuste in den Himmel, schlugen in die Luft. Dazu trugen sie schwarze Augenbinden und schrille Outfits. Das Video des Aufmarschs ging viral, Song und Choreographie wurde binnen kürzester Zeit weltweit adaptiert, eine internationale Hymne des Protests. Was 2019 auf den Straßen als Anklage gegen Strukturen, Institutionen und gewalttätige Männer in die Welt erscholl, hat jetzt seinen Weg in eine Kampfschrift gefunden. "Verbrennt eure Angst. Ein radikalfeministisches Manifest" ist eines der zahlreichen Bücher zum Thema Feminismus, die in diesem Frühjahr auf den Markt kommen.

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Performance colectivo Las Tesis "Un violador en tu camino" | Bild: Colectivo Registro Callejero (via YouTube)

Performance colectivo Las Tesis "Un violador en tu camino"

Warum die Flut an Literatur zum Feminismus?

Es herrscht offensichtlich Klärungsbedarf darüber, was der Begriff Feminismus aktuell meint. Der Feminismus ist inzwischen in der Mitte der Gesellschaft angekommen, worauf die Verlage zu reagieren scheinen. Die #MeToo Debatte hat dabei aber auch klar gemacht: Von Gleichberechtigung und Gerechtigkeit kann noch keine Rede sein. So hat auch eine jüngere Generation von Frauen den Feminismus wieder für sich entdeckt. Dabei umfasst der Begriff inzwischen viele Facetten, Feminismus ist globaler geworden, schließt Debatten über Geschlecht und Gender ein und verbindet sich mit Antirassismus und queeren Bewegungen. In einer veränderten medialen Situation erzeugt das Netz zudem neue Sichtbarkeiten, lässt die Auseinandersetzungen schneller werden. Den einen Feminismus gibt es nicht. Nicht zuletzt als Reaktion auf radikale antifeministische Tendenzen, wie sie etwa bei der Neuen Rechten zu finden sind, muss gestritten werden, es müssen Fragen gestellt werden und es muss analysiert werden. Wie etwa bei den Autorinnen Hilkje Charlotte Hänel, Carolin Wiedemann, Las Tesis und Priya Basil.

Überblick und Ratgeber: "Wer hat Angst vorm Feminismus" von Hilkje Charlotte Hänel

Die Autorin und Philosophin Hilkje Hänel verortet ihr Buch "Wer hat Angst vorm Feminismus: Warum Frauen, die nichts fordern, nichts bekommen" gleich im Vorwort in der Historie des Feminismus. Die Schwarze Aktivistin Sojourner Truth, eine noch in die Sklaverei hineingeborene Frau, wird ihr ebenso zur Referenzfigur wie Clara Zetkin, Hedwig Dohm, Simone de Beauvoir, Audre Lorde oder Trinh Thi Minh Hà. Ein umfassender, ja hoher Anspruch des Buches, der hier zu Beginn formuliert wird, den die Autorin aber auch einlösen kann. Hänel bringt die Leserschaft gut lesbar in 18 Kapiteln mit Titeln wie "Machtlos und sexy", "Für wen machen wir Feminismus", "Wohin mit dem männlichen Anspruchsdenken" auf den Stand der Debatte.

Dabei wird klar: Es ist die binäre Geschlechteridee, also die Idee, dass es naturgegeben zwei Geschlechter, nämlicher "Männer" und "Frauen" gibt, die patriarchale und sexistische Strukturen begründet. Im Zusammenspiel mit einer heteronormativen Ordnung, die besagt, dass das Zusammenleben und die Sexualität zwischen Mann und Frau Normalfall ist, werden klare Rollen definiert, den Geschlechtern soziale Räume zugeordnet und Verhaltensregeln festgelegt. Ein sexistisches Korsett, in dem wir leben. Und das in unterschiedlichen kulturellen Kontexten, Schichten, biographischen Konstellationen mehr oder weniger eng geschnürt ist. Für Frauen und Männer. Allerdings sind es immer noch die Männer, die profitieren. Was die zahlreichen Beispiele, durch die das Buch extrem anschaulich und zugänglich wird, deutlich machen: Welcher Mann muss nachts im Park Angst haben? Welcher Mann muss Angst haben, dass ihm Drogen ins Getränk gemischt werden? Männer brauchen keine Quote, weil ihnen qua Geschlecht Kompetenz zugesprochen wird.

Hänel bleibt in ihrem Buch aber nicht nur bei der Analyse des Status quo. Sie gibt auch Hinweise, wie Veränderungen möglich sind. Die beginnen im Kopf. Das Buch liefert sehr konkrete Überlegungen auf zentrale Fragen wie: Wie erziehen wir Kinder? Wie gehen wir mit Transfrauen um? Zwischen Überblick und Ratgeber ist Hilkje Hänel so eine zugängliche Einführung zum Thema gelungen. Wer eine Zusammenschau des modernen Feminismus lesen will und Anregungen, wie man aus der Geschlechterfalle kommen könnte, dem sei das Buch empfohlen.

Gegenmodelle: "Zart und frei. Vom Sturz des Patriarchats" von Carolin Wiedemann

Vieles von dem, was Hilkje Hänel über die aktuelle Debatte liefert, ist auch bei der Soziologin und Journalistin Carolin Wiedemann in "Zart und frei. Vom Sturz des Patriarchats" zu lesen. Zunächst klärt auch Carolin Wiedeman historische Linien der feministischen Bewegungen, analysiert klug und klar aktuelle antifeministische Strömungen etwa bei den Neuen Rechten, im konservativen bürgerlichen Lager oder die Kritik innerhalb der Linken, dass der Feminismus das soziale Projekt, den Klassenkampf, aus dem Blick verliere. Gegen letztere Kritik setzt Wiedemann ein ganzes Kapitel über den Zusammenhang von Patriarchat und Kapitalismus. Dass beide Hand in Hand gehen, macht sie historisch am Privateigentum fest, das Geschlechterrollen und sexistische Muster befördert. Womit sie letztlich formulieren kann: Feministische Kritik ist immer auch Kapitalismuskritik. In Verbindung mit dem Queerfeminismus, der also alle Geschlechter mit denkt, bezeichnet Feminismus ein großes universales Projekt der Emanzipation für alle.

Wie dieses Projekt in konkrete Praxis führt, zeigt der zweite, titelgebende und besonders lesenswerte Teil des Buches. Hier blickt Wiedemann deskriptiver und journalistischer auf Formen und Lebensmodelle, die versuchen, sich jenseits von patriarchalen Ordnungen oder sexistischen Muster zu verorten. Internationale Protestbewegungen – wie etwa die Performance von Las Tesis – werden ebenso thematisiert wie Workshops, in denen auch Männer ihre Rolle kritisch reflektieren, oder Workshops für Sexualität jenseits von Sexismus. Wiedemann lässt Menschen zu Wort kommen, die polyamourös leben, neue Formen von Familie austesten oder Coparenting praktizieren, wo die Erziehung von Kindern nicht nur durch die leiblichen Eltern geleistet wird. Diese Einblicke in Alternativen, in denen es nie um Dogmatismus geht, sind erhellend, inspirierend und erhalten im Buch besondere Schlüssigkeit dadurch, dass Wiedemann auf die Argumentationslinien im ersten Teil zurückgreift. Das große universale emanzipatorische Projekt Feminismus wird anschaulich. Auf seine Umsetzung in die Praxis wird man durch die Lektüre neugierig. Die Lust, zart und frei zu leben, ist zumindest geweckt.

Politisch-poetisches Manifest: "Verbrennt eure Angst" von Las Tesis

Mit "Verbrennt eure Angst. Ein radikalfeministisches Manifest" führt das chilenische Künstlerinnen-Kollektiv Las Tesis seine Performance, die von Chile ausgehend über die ganze Welt lief, weiter. Ein großes "Wir" trägt die Erzählung, die Anklage, die Kampfschrift. Denn – so der Ausgangspunkt – nahezu jeder Frau ist in irgendeiner Weise schon Gewalt, Sexismus, Übergriffigkeit widerfahren. "Was eine von uns erlebt, erleben wir alle", heißt es im Text, der – das verhehlen die Autorinnen nicht – aus einer großen Wut heraus geschrieben ist: "Wir sind Nervensägen, und das soll uns recht sein. Es soll uns recht sein, immer das Gleiche zu sagen, denn noch gibt es Leute, die nicht verstehen, sei es, weil sie nicht können, sei es, weil sie nicht wollen."

Es gibt zwar die analytischen Teile, oder auch Poesie in Form von politischen Gedichten. Eigentlich geht es aber um Agitation und Anklage. Drastisch werden Männer, Staat, Polizei des Sexismus und der Gewalt beschuldigt. Sanft oder zart ist hier nichts, denn es geht nach Las Tesis ja darum, dass ein politischer Feminismus die Welt verändern sollte! Ein hoher Anspruch, mit Leidenschaft und Mut zum politischen Manifest formuliert. Und mit großem Ernst geschrieben.

Feministische Selbstbefragung: "Im Wir und Jetzt" von Priya Basil

Genau den gegenteiligen Ton zum Manifest von Las Tesis schlägt Priya Basil in ihrem Essay "Im Wir und Jetzt. Feministin werden" an. Der Titel zeigt bereits: auch Basil macht ein "Wir" stark. Entscheidender Motor ihres Textes ist allerdings die Selbstbefragung: Was heißt für sie, Priya Basil, feministisch sein? Priya Basil hat indisch-stämmige Eltern, ist in London geboren, in Nairobi aufgewachsen, hat in England studiert und lebt seit 2007 in Berlin. Sie kennt sehr patriarchal strukturierte Gesellschaften, unter denen ihre Mutter und die Großmutter litten, zwei wichtige Figuren für den Text. Aber auch die feministischen Bewegungen und Theorien, sie engagiert sich in NGOs und hat ein breites aktivistisches Netzwerk. Im Essay verbindet sie diese Pole. Sie stellt die Erinnerung an die Mutter und die Großmutter, neben Gesellschaftsanalyse und die eigenen Erfahrungen. Ein Projekt, bei dem Basil mit anderen Aktivistinnen für eine Ausgabe ein Frauenmagazin kaperte, wird etwa zum Prüfstein für ihre feministische Standortbestimmung. Die Fallstricke dabei sind brillant beschrieben und reflektiert. Insgesamt liegt die Qualität dieses Essays in der Verbindung von analytischem Tiefgang und literarischer Sprache. Priya Basil mischt Erinnerungen, Zitate von Hannah Arendt, Judith Butler und anderen mit Metaphern, Wiederholungen oder Mehrstimmigkeit. Am Ende beschreibt sich Basil als im Kleid des Feminismus angekommen.

"Jetzt, da ich in das unglaubliche, ständig weiterwachsende Gewand aus all euren Stimmen geknöpft bin, ist das feministische Bewusstsein auch meine Voreinstellung. Das soll nicht heißen, dass ich nicht weiterhin zu dieser abgenutzten alten Garderobe, mit ihrer Stapelware zurückkehre – sei brav, sei freundlich, sei gefügig, gehorche den etablierten Mustern und Erwartungen. Doch wenn ich das mache, verhakt sich etwas. Und falls ich es nicht sofort merke, sehe ich es später, wie die Laufmasche in der Strumpfhose, die man erst beim Ausziehen entdeckt."

(Priya Basil: Im Wir und Jetzt)

Und doch ist der feministische Kampf ein endloser. Basil schreibt sehr früh, dieser Kampf hat keinen Sieger, sondern bedeutet, unermüdlich Fragen zu stellen, zuzuhören, solidarisch zu sein, eine Vielzahl von Arenen zu betreten. Immer wieder. Aber nie allein. Denn auch Basil beschwört letztlich ein Kollektiv an ihrer Seite: divers, verlässlich, solidarisch. "Feministisch sein heißt," schreibt Basil, "Fragen sämtlicher Frauen so zu behandeln, als könnten sie die eigenen sein." Feminist*in Sein ist ein Prozess, der nicht aufhört und höchst komplex ist. Der das Selbstbild jedes Menschen in den Grundfesten erschüttert, aber auch die Gesellschaft, in der wir leben. Es braucht Mut, feministisch zu sein. Nach der Lektüre von "Im Wir und Jetzt" hat man Lust auf diesen Mut.

Das Gespräch über die vier Bücher können Sie im Podcast des Büchermagazins Diwan von Bayern 2 hören.