Post-Corona-Generationenvertrag Welche Perspektiven braucht die Jugend?

Im Moment möchte wirklich niemand jung sein: keine Partys, kein Gruppenbildung, kaum eine Chance, sich zu verlieben. Stattdessen Online-Unterricht und pauken mit den genervten Eltern. Das kann nicht alles sein. Ein Kommentar.

Von: Niels Beintker

Stand: 07.05.2021

Jugend im Corona-Lockdown | Bild: Bayerischer Rundfunk 2021

Sie stehen bei der Bank unter den Bäumen, im etwas abgelegenen Winkel des Parkstreifens. Ein bisschen wirkt es, als sollte man sie nicht sehen hier. Hören kann man sie hingegen, erzählend, gerne laut lachend. Warum auch leise? Ich kenne sie schon, soweit man von "kennen" sprechen kann, nach den paar Begegnungen während meiner Spaziergänge. Immer wieder frage ich mich, ob sie – mal zu viert, mal zu fünft – das überhaupt dürfen: zusammenstehen, ohne die verordneten ein Meter fünfzig, ohne Maske. Vermutlich begehen sie gerade eine Ordnungswidrigkeit. Aber ich kann sie gut verstehen. Wo sonst können sie sich im Augenblick treffen, all das, was sie beschäftigt, einmal hinter sich lassen, vielleicht sogar vergessen für eine kurze Zeit?

Haben wir die Jugend vergessen?

Seit mehr als einem Jahr bestimmt die Pandemie den Alltag der Gesellschaft. Der Schutz vor Ansteckung, Krankheit und Tod infolge einer Infektion hat – völlig zurecht – oberste Priorität. Zugleich zeigt sich: Es gibt Gruppen, deren Schicksal im Zuge der vielen Verordnungen und Bestimmungen der Pandemie-Bekämpfung übersehen wird. Kinder und mehr noch Jugendliche – auch die aus dem Park – sind eine davon. Sie haben niemanden, der sie so unterstützen kann, dass sie mit ihren Perspektiven – und auch mit ihren Sorgen und Nöten – wirklich Gehör finden, in der Politik. Große, als systemrelevant erachtete Unternehmen haben enorme Hilfsgelder erhalten. Junge Menschen lange Zeit nicht einmal öffentliche Aufmerksamkeit. Das ändert sich vielleicht gerade. Die Ankündigungen der Ministerinnen für Bildung und für Familie zielen aber zuerst auf das Nachholen von Schulstoff. Als ob das jetzt das allerwichtigste für diese Generation wäre: nachsitzen.

Die fehlende Unterstützung junger Menschen wird besonders deutlich mit Blick auf das Thema Impfen. Es gibt bislang keinen Impfstoff für sie und so auch kein Impfangebot, immerhin gibt es Grund zur Hoffnung, dass sich das bald ändert. Dennoch kommen Kinder und Jugendliche in der begleitenden Diskussion um die Rücknahme der Einschränkungen für Geimpfte und Genesene nicht vor. Es ist wichtig, dass über die Rückkehr zu Grundrechten diskutiert – und dieser Vorgang nicht als Privileg verstanden wird. Nur haben junge Menschen dabei das Nachsehen. Einen großen Teil der Pandemie haben sie daheim verbracht, haben sich, so möglich, digital unterrichten lassen und dabei auf so vieles verzichtet, was ihr Leben, ihren Alltag ausmacht: Abhängen mit der Clique, Quatschen, Sport, Musik, anderes mehr. Es wird vermutlich noch eine ganze Weile so weitergehen für sie, schon allein deshalb, weil nicht klar ist, wann es ausreichend Impfdosen gibt. Das aber sagt niemand derer, die über Lockerungen und eine zaghafte Rückkehr zur Normalität befinden. Junge Menschen kommen in all den Planungen nicht vor. Und es gibt derzeit auch nicht wirklich eine Antwort auf die Frage, wie lange sich diese Generation weiter im Lockdown befinden wird. Sie hat im Augenblick keine Perspektive.

Die letzten beim Impfen

Dabei sind junge Menschen in einer Lebenszeit, die man gerne mit Truman Capotes Wort der "wunderbaren Jahre" beschreibt. Ob das im Einzelfall stimmt, mag besser eine jede und ein jeder selbst entscheiden (und die Eltern halten sich dabei bitte raus!). Die Phase zwischen der späten Kindheit und dem frühen Erwachsenenalter ist eine des Ausprobierens und Entdeckens, und – gewiss nicht im Sinn eines unerbittlich leistungsorientierten Schulsystems – eine Zeit der Reife. Junge Menschen suchen mehr und mehr ihren eigenen Weg, entwerfen konkrete Pläne für ihr Leben, stellen vieles infrage, was sie umgibt – von der körperlichen Entwicklung ganz zu schweigen. Sie müssen dabei nicht derart auf den Putz hauen wie Holden Caulfield, Edgar Wibeau oder andere Rebellinnen und Rebellen, von denen die Literatur erzählt. Nur brauchen sie in dieser Lebenszeit unbedingt auch Frei-Räume jenseits des Elternhauses und der Schule – Orte, an denen ihnen niemand vorschreibt, wie sie sich nun zu verhalten haben, Orte, an denen sie unter sich sein und der übrigen Welt den Mittelfinger zeigen können. Leider gibt es diese Räume derzeit nicht. Und auch hier weiß niemand, wie lange diese Situation andauern wird: eine Situation, die mit Erfahrungen wie Einsamkeit, Isolation und immer mehr auch mit seelischer Verwundung verbunden ist. Kinder- und Jugendärzte, ebenso Psychologen, sind in großer Sorge angesichts dieser Entwicklung. Junge Menschen sind in diesem Sinne auch eine vulnerable Gruppe. Auch wenn man den Begriff anders deuten und begreifen muss.

Einsamkeit statt Gemeinschaft

Zum Lebensgefühl, zur Situation einer Jugend in Deutschland gehören heute aber nicht nur die unendlich vielen Tage mit Kontaktbeschränkungen und Einsamkeit. Es kommt anderes dazu, etwa die Kosten der verschiedenen Finanzpakete, Nachtragshaushalte und Notkredite. Nach Berechnungen der Deutschen Bank könnte die Gesamtsumme der Rettungsmaßnahmen 1,9 Billionen Euro betragen – in etwa so viel wie die Deutsche Einheit. Die Finanzierung der Schulden, die im Zuge der Pandemie aufgenommen wurden und werden, ist bislang nicht geklärt. Es ist zu vermuten, dass die Kinder und Jugendlichen von heute – also die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer von morgen – auch dafür einstehen müssen. Wäre das aber nicht erst einmal die Aufgabe der Generation ihrer Eltern? Und vor allem auch derer, für die das keine allzu große Schwierigkeit bedeutet?  Sind wir nicht eine Solidargemeinschaft?

Ein Schuldenberg als Erbe

Zu den gewaltigen Schulden kommt die Welt, die den Kindern und Jugendlichen hinterlassen wird – nein: die wir Erwachsenen den Kindern und Jugendlichen hinterlassen. Der Lebensstil der Gesellschaften in den westlichen Industrienationen, unser Lebensstil, hat erheblich zum globalen Temperaturanstieg und zum damit verbundenen Klimawandel beigetragen. Und längst sollte uns klar sein, dass die Maßnahmen zur Begrenzung der Temperaturerhöhung um anderthalb Grad eher einer Schadensbegrenzung dienen als einer wirklichen Korrektur. Die Kinder und Jugendlichen von heute müssen die Kosten unserer Bequemlichkeit und unseres Konsums tragen. Das Bundesverfassungsgericht hat kürzlich mit seinem Urteil zum Klimaschutzgesetz und zum Abbau des Kohlendioxid-Budgets auf diese Entwicklung hingewiesen. Es erinnerte daran, dass der Staat eine Verantwortung für künftige Generationen habe und diese auch bei der Gesetzgebung berücksichtigen müsse. Die natürlichen Lebensgrundlagen müssten der Nachwelt so überlassen werden, damit – Zitat – "nachfolgende Generationen diese nicht nur um den Preis radikaler eigener Enthaltsamkeit bewahren könnten".

Zu den Merkwürdigkeiten des Erwachsenseins gehört die Vorstellung, in einem bestimmten Alter noch einmal jung sein zu wollen. Die Jugend wird dabei gerne idealisiert, sie ist ja nicht nur ausschließlich sonnig oder rosig. Die Frage ist aber, ob man angesichts der Situation junger Menschen im Jahr 2021 noch immer einen solchen Wunsch hegt. Oder ob man lieber ernsthaft eingestehen sollte, dass man mit den Jugendlichen von heute lieber nicht tauschen würde.

Jetzt sind die Jungen dran

Was uns, die ganze Gesellschaft und nicht allein die Politik, dazu bringen sollte, den Generationenvertrag neu zu denken – und das nicht mit Blick auf die Rentenpolitik (auch das ein Thema, das auf die jungen Menschen von heute unweigerlich zukommen wird – und das in der momentanen Diskussion keine Rolle spielt). Es sollte vielmehr darum gehen, Generationengerechtigkeit in einem sehr viel umfassenderen Sinn zu verstehen. Das Geld spielt in diesem Sinn gar keine vorrangige Rolle. Sondern das Verständnis, die Empathie, das Mitgefühl und die daraus erwachsenden Handlungen. Die Gesellschaft, die in der Pandemie so viel Solidarität mit den älteren Generationen gezeigt hat, sollte nun endlich auch die Augen für die Sorgen und Nöte junger Menschen öffnen – und diese unbedingt ernst nehmen. Auch sie verdienen, wie die Älteren, unsere Solidarität in der jetzigen Zeit, aber ebenso angesichts der Entwicklungen, die uns in den kommenden Jahren bevorstehen. Die Bewältigung der Folgen der Pandemie wird vermutlich längere Zeit in Anspruch nehmen.

Es wäre einer Jugend in Deutschland sehr zu wünschen, dass die Gesellschaft nach vielen Monaten der Beschränkungen und Verbote nicht einfach zurückkehrt in den Alltag vor dem Frühjahr 2020. Dass die vielen Wochen in Isolation und Einsamkeit – und ihre seelischen Folgen – nicht einfach übergangen werden, dass an den Schulen und überhaupt in unserer Gesellschaft weniger Leistungsdruck herrscht, dass genügend Zeit und Raum sind, um all die Erfahrungen dieser Zeit zu thematisieren, dass wir den jungen Menschen wirklich zuhören. Auch wenn sie – was diese Lebenszeit nun mit sich bringt – die Erwachsenen gerne doof finden: Sie brauchen unsere Unterstützung. Sie stehen vor enormen Herausforderungen und müssen dafür gestärkt werden. Und sie müssen eine hörbare und durchsetzungsstarke Stimme in den politischen Entscheidungsprozessen bekommen, es darf nicht mehr nur über sie geredet und bestimmt werden. Ein Generationenvertrag in einem umfassenden Sinn könnte dabei helfen. Die Tatsache, dass die augenblickliche Zeit wiederholt als größte Krise seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs beschrieben wird, wäre ein zusätzliches Argument, um ein Gespräch mit Angehörigen aller Generationen anzustoßen und daraus politische Entscheidungen abzuleiten.

Es steht im Augenblick nicht gut um den Zusammenhalt in dieser mehr und mehr vereinsamten Gesellschaft, es gibt, so der Eindruck, nicht wirklich ein Wir. Das muss sich dringend ändern, auch mit Blick auf die Zukunftsperspektiven von jungen Menschen in diesem Land. Wir haben eine große Verantwortung.