Blackfacing und die Grenzen des Humors Dürfen Comedians mehr?

Erst vor wenigen Wochen sorgte Helmut Schleich mit einem Blackfacing-Sketch für einen Eklat. Seitdem wird wieder besonders intensiv diskutiert: Was darf Satire? Wo sind die Grenzen des Humors? Und was haben Machtgefälle damit zu tun?

Von: Katinka Strassberger

Stand: 08.05.2021

HMV LP-Cover für "The Black & White Minstrel Show (No.2)" | Bild: picture alliance / Mary Evans Picture Library | -

"Frankfurt ist eine schöne Stadt, die Menschen offen und hilfsbereit, allerdings auf so subversive Art, dass man es halt nicht merkt, (...) neulich folgendes passiert: auf dem Frankfurter Flughafen kam ein Reisender an aus Afrika, da sagt dieser südhessische Zöllner in dieser typischen hessischen Humor-Art: "Na Bimbo, was zu verzollen?" Der antwortet: "Bimbo hat nichts zu verzollen, Bimbo ist Diplomat." Man kann ihn deutlich spüren: diesen kleinen Schreckmoment nach diesem Gag des Kabarettisten Matthias Beltz, 1998 in "Ottis Schlachthof". So einige im Publikum werden sich gefragt haben: Darf ich jetzt lachen? Oder wäre das rassistisch?

Nein, sagt der US-amerikanische Entertainer Ron Williams: "Wenn dieser Witz oder Humor ein Kernchen Wahrheit beinhaltet, wenn es Kritik an einer negativen, nicht fairen oder unmenschlichen Haltung hat gegenüber anderen Menschen, das heißt, wenn es Norm oder Weltvorstellungen in Frage stellt. Dann ist es ein guter Witz. Auch wenn es beißt, wenn es unangenehm werden kann."   

Es gibt ein Machtgefälle

Es komme eben immer darauf an, wer da spricht, aus welcher Position heraus und mit welcher Haltung, sagt die Kultursoziologin Halyna Leontiy. Seit vielen Jahren forscht die gebürtige Ukrainerin zum Thema Komik und Migration: "Wenn gebürtige Deutsche Kabarett oder Comedy über Migranten machen, dann kommt das oft nicht so gut an. In der heutigen Gesellschaft haben wir immer noch ein Machtgefälle, auch in Bezug auf Ethnizität, und so lange ethnische Minderheiten nicht zur Elite gehören, kann man nicht in alle Richtungen Komik machen, schießen und auslachen, das ist meine Meinung. Warum soll man gegen die, die sowieso unten sind und keine Macht haben noch zusätzlich Druck ausüben? Also das passt nicht in unsere demokratische Gesellschaftsordnung und zu der Wahrung von Menschenrechten. Es ist oft auch nicht lustig."           

Doch wo verläuft die Grenze zwischen erhellender Zuspitzung und herabwürdigender Häme gegen diejenigen, die ohnehin schon benachteiligt sind? Und wem gebührt die Deutungshoheit, das zu entscheiden? Wie stark die Meinungen in dieser Frage auseinandergehen, zeigt die jüngste Debatte um einen Sketch des Kabarettisten Helmut Schleich. In seiner Sendung "Schleichfernsehen" trat er in der Rolle des Maxwell Strauß auf, eines fiktiven afrikanischen Sohnes von Franz Josef Strauß, der es zum Diktator im ebenfalls fiktiven Staat MBongolo gebracht hat. In Fantasieuniform und schwarz geschminkt bietet er sich der schwächelnden CDU als "echter schwarzer" Kanzlerkandidat an.

Problem Blackfacing

Ein afrikanischer Despot, der mit naiver Begeisterung die plumpen Anweisungen seines bayerischen Lehrmeisters referiert. Lustig? Oder eher nicht? Helmut Schleich wollte seinen Sketch als  "Persiflage auf den Export neokolonialer Strukturen aus dem globalen Norden nach Afrika" verstanden wissen. Bei vielen Zuschauern löste er damit allerdings Befremden aus. Denn Blackfacing gilt schon lange als rassistisch, nicht nur in den USA. Dort werden alte Filme, in denen Stars wie Judy Garland, Bing Crosby oder Fred Astaire in solcher Maskerade auftraten, heute nur noch mit erläuterndem Vorspann gezeigt.

Entertainer Ron Williams

Und das völlig zu Recht, meint Ron Williams. "Wenn man die Minstrel-Shows anschaut damals in den USA, die kamen später auch nach England, wo weiße Menschen sich schwarz schminkten und auf der Bühne sich gaben wie sie meinten, dass Schwarze seien, in Körperhaltung und Sprache, meistens waren sie die Dummen, die Faulen, die kaum Englisch sprechen konnten, und wenn, dann Kauderwelsch. Wie ich immer versuche zu erklären: Es geht nicht so sehr darum, wie der Weiße, der Europäer, das empfindet, sondern wie empfindet das sein Gegenüber? Die mit dunkler Hautfarbe, wie ich und meine Brüder und Schwestern. Denn wir sehen das aus einer anderen Perspektive und empfinden das anders." 

Aus der Sprachlosigkeit herausnehmen

Die Gefahr, dass ein Gag über gesellschaftliche Minderheiten als herabwürdigend wahrgenommen wird, droht immer dann, wenn der Sprechende die Ressentiments, die in seinem eigenen Herkunftsmilieu kursieren, nicht selbstironisch reflektiert. Den Betroffenen gehe es keineswegs darum, die Kunstfreiheit einzuschränken, betont Ron Williams. Sinnvoll wäre allerdings ein offener Diskurs darüber, wie die Zementierung überkommener Vorurteile und Klischees vermieden werden kann, was aber nicht zu Lasten satirischer Schärfe führen müsse.   

Wie Diskriminierung sich anfühlt, wenn man sie als Schwarzer in einer von Weißen dominierten Mehrheitsgesellschaft ständig erlebt, weiß Ron Williams sehr genau. Geboren 1942 im kalifornischen Oakland kam er 1961 als GI nach Stuttgart – und blieb. Als einer der ersten afroamerikanischen Künstler in Deutschland machte er schnell Karriere auf Theater- und Musikbühnen sowie beim Fernsehen. Erste Erfahrungen im komischen Fach sammelte er von 1963 an als Ensemble-Mitglied des Stuttgarter "Renitenz-Theaters“. Seine Texte schrieb er fast immer selbst.

Fremdenfeindliche Verhaltensweisen mit den Mitteln der Komik zu bekämpfen: Das war schon immer sein Ziel. Sowohl im Privaten, als auch in der Öffentlichkeit: "Ich hab‘ zum Beispiel tatsächlich das hier erlebt: Komme um die Ecke beim Lift im Hotel, Lifttür geht auf, eine Frau kommt raus, sieht mich, erschreckt, und ich denke: Gut, wieder Angst vorm schwarzen Mann. Da hab ich gesagt: Sie müssen keine Angst haben, gnädige Frau, ich habe schon warm gegessen heute. Dann haben sie gelacht und sind weggegangen. Die Themen, die man anspricht – in meinem Fall Rassismus, Ausgrenzung von Ausländern oder Schwarzen – ich habe immer gehofft, dass dieser Witz, den ich mache oder die Figur, die ich darstelle, auch wenn es beißt oder im Publikum Entrüstung entsteht, dass diese Tabu-Themen vielleicht durch diesen Bewusstseinswandel aus der Sprachlosigkeit herausgenommen werden. Auch in Deutschland: Man muss es ansprechen."                                                                                                                       

Immigranten im Kabarett? Fehlanzeige

Im Kabarett der 1960er- und 70er-Jahre kamen gesellschaftliche Minderheiten so gut wie gar nicht vor. Auf die Frage, warum der Alltag von Gastarbeitern in seiner Sendung "Scheibenwischer" kaum erwähnt werde, antwortete Dieter Hildebrandt: Er sei nicht selbst betroffen und fühle sich deshalb nicht kompetent genug, das Thema satirisch zu behandeln. Die Anregung aber nahm er ernst. Mitte der 1980er-Jahre lud er Sinasi Dikmen in die Sendung ein, der damals als Krankenpfleger in einer Klinik in Ulm arbeitete und nebenbei satirische Texte schrieb.        

Zwei türkischstämmige Kabarettisten, die im deutschen Fernsehen den Alltag von Arbeitsmigranten satirisch beleuchten – das war damals ein absolutes Novum, sagt Halyna Leontiy: "Das Image war damals und wohl auch heute noch nicht so toll, es gibt schon sehr viele Vorurteile und Ressentiments, und hier werden Menschen dargestellt, die wissend, belesen sind, die Geschichtswissen haben und sehr viel Witz und Humor haben, und Geschick, die verschiedenen Perspektiven zu wenden, eine Pointe hervorzuheben, also es sagt sehr viel über das, was gespielt wird, als auch über die Spieler selbst."                                                                                                   

Erwartungen brechen

Gerade die türkisch geprägte Community hat in den letzten zwei Jahrzehnten sehr viele erfolgreiche Comedians hervorgebracht. Einer davon ist Fatih Cevikkollu, geboren 1972 in Köln. Sein Publikum besteht mittlerweile zum überwiegenden Teil aus gebürtigen Deutschen ohne Migrationserfahrung: "Sie gehen hin, um einen lustigen Türken zu sehen. Also mit dieser Erwartung wird praktisch jeder Künstler, jede Künstlerin konfrontiert, und diese Erwartung darf man auch nicht sofort vernichten, sonst stehen alle auf und gehen. Das heißt, man nimmt das erst mal an, die Erwartung des Klischees, man bedient diese Erwartung und versucht dann mittendrin mit verschiedenen Mitteln irgendwie das zu brechen. Das heißt, die Klischees, die Vorurteile, feste Stereotype, die versucht man dann irgendwie zu brechen, und das ist dann die Kunst. Die Comedians machen das auf ihre Art und Weise, die Kabarettisten auf andere Art und Weise, aber das zieht sich durch alle deutsch-türkischen Künstler durch. Dass man damit umgeht. Und ich denke, Fatih Cevikkollu kann damit sehr gut umgehen."

Und längst gibt es viele Kabarettistinnen und Comedians, die diese neue Diversität nicht als Bedrohung sehen, sondern als Bereicherung. Satire kann, wenn sie gut ist, dazu beitragen, eingefahrene Sichtweisen kritisch zu hinterfragen, also im besten Sinne verstörend wirken. Eine Kunst, die gerade in diesen Zeiten gesellschaftlicher Polarisierung wichtiger erscheint denn je.