ARD-Mediathek Warum "Victoria" gerade doppelt schön ist

Junge Leute, die sich einfach so kennenlernen und durch das nächtliche Berlin streifen. Sebastian Schippers Film "Victoria" erinnert uns daran, was wir alle gerade schmerzlich vermissen.

Von: Martin Zeyn/Moritz Holfelder

Stand: 20.01.2021

Filmplakat Viktoria | Bild: filmtonart

Nachtleben in einer Großstadt. Rumstromern. Spaß haben, flirten, abstürzen: "Victoria" nimmt uns mit auf eine Reise durch Berlin – in ein fernes Damals, als es noch keine Pandemie gab. Und es tut fast weh sich anzuschauen, wie schön selbst eine erstmal ziemlich belanglose Nacht sein konnte.

Wir werden Teil dessen, was die Protagonisten erleben. Das gelingt Sebastian Schipper, weil die Kamera die Schauspielerinnen und Schauspieler nie loslässt. "Victoria" ist in einer einzigen Einstellung gedreht, ohne Schnitt, 140 Minuten lang. Es gab keine Unterbrechungen, keine Wiederholung am Set. Alles ein Take, erklärt Sebastian Schipper: "Das war halt so ein Schwur, den wir vorher gemacht haben. Wir nehmen diese Worte: kompromisslos, direkt krass. Und das sind ja alles so Worte mittlerweile, die in der Werbung vorkommen. Und wir haben gesagt: Diese Worte sind der Kunst geklaut worden – und die klauen wir jetzt zurück. Dieses Abenteuer war eben ein echtes Abenteuer!" Eben kompromisslos, krass und direkt. Natürlich könnte man das mit dem Film aus nur einem Take auch faken, bei den heutigen digitalen Hilfsmitteln kein Problem, aber Schipper wirkt nicht so, als sei er ein Blender.

Romantische Reise durch die Nacht

Regisseur Sebastian Schipper

Ein Gewitter zuckender Lichtblitze und wummernder Bässe in einem Techno-Club. Wir sind mittendrin in einem echt lauten Berliner Sehnsuchtsort. Im Club tanzt Victoria, eine junge Spanierin, und da sind auch der Herumtreiber Sonne und die anderen drei Jungs seiner ziemlich verpeilten Gang. Es wird gelacht und geflirtet, alle labbern irgendwie vor sich hin, in schlechtem Englisch, dem Kauderwelsch der Globalisierung, egal, Hauptsache Spaß. Eine Reise durch die Nacht, wild, romantisch, gefährlich, tragisch. In dieser Reihenfolge. Es geht durch die Straßen von Berlin Mitte, in den Häuserschluchten hallen die Anmach-Sprüche und das Lachen wider, es geht hinauf auf ein Dach, wo die Kerle gerne abhängen, weiter durch Treppenhäuser, einen Spätkauf, eine Bar, schließlich hinab in eine Tiefgarage. Die Jungs haben noch etwas Anderes vor bis zum Morgengrauen, sie haben Schulden, der Überfall auf einen Geldtransporter soll alle Sorgen vertreiben. Victoria, gespielt von Laia Costa, wird ihre Get-Away-Fahrerin, klar, es kann nichts passieren, alles kein Problem, sie muss ja nur das Auto steuern.

Ein ganzer Film in einem Stück gedreht

Zweimal drehten Sebastian Schipper und sein Team trainingshaft die 140 Minuten am Stück, korrigierten Details und perfektionierten die Abläufe. "Victoria" ist großartiges Kino, wuchtig und doch unangestrengt, genau choreographiert und doch frei, ausgeklügelt und doch fragil. Vor allem in den ersten 90 Minuten, wenn es darum geht, einem Lebensgefühl Raum zu geben, funktioniert das Prinzip One-Film-One-Take grandios. Und jetzt 5 Jahre später beim erneuten Anschauen gibt es ein fast schon schmerzliches Gefühl der Nostalgie: Wie war das doch schön, einfach so durch die Stadt zu taumeln, ohne Ziel, irgendwelche Leute treffen, manchmal rumzualbern, manchmal bloß noch genervt zu sein (ja, das Nachtleben war nie immer nur eine Freude).

Die Kamera lässt uns glauben, wir wären dabei

Wenn es dann zum Schluss mit Banküberfall und Schießerei genremäßiger zugeht, also auch narrativer wird, stößt das Projekt an seine Grenzen. Dann schleichen sich plötzlich kleine unlogische Handlungsentwicklungen ein, wirkt manches etwas klischeehaft und die Figuren verlieren an Kontur. Da wären ein paar Schnitte eben doch besser gewesen, dramaturgisch präziser, aber das wollte man sich nach anderthalb Stunden ohne Schnitt wohl nicht mehr antun. Aber da tut sich dann doch ein Unterschied auf zu den hinreißenden Kamerafahrten im Film "Birdman", der dieses Mittel auch exzessiv genutzt hat, um seinen Figuren immer wieder eine Bühne zu bieten, aber manchmal eben auch, um ihnen den Boden unter den Füßen wegzuziehen.

Auch wenn der Film am Ende vielleicht etwas schwächelt, im Moment zeigt er einen heute fast paradisisch wirkenden Zustand: Einfach rausgehen und einfach so Spaß haben zu können. Und die Kamera lässt uns glauben, wir wären dabei. Es gibt wenige Filme, die im Moment so gut tun!

Victoria könnt Ihr Euch bis zum 25.1. um 20:15 in der ARD Mediathek anschauen. Die Besprechung des Films von Moritz Holfelder lief in der kulturWelt auf Bayern 2.