Der verkümmerte Tastsinn in der Krise Warum uns Berührungen in der Krise fehlen

Abstandhalten, kaum Leute treffen, sich auf keinen Fall umarmen. Aktuell ist das Berühren gesellschaftlich verpönt. Für uns Menschen aber ist das ein Problem.

Von: Max Sippenauer

Stand: 13.11.2020 | Archiv

Berührungen fehlen uns | Bild: BR

Seien wir ehrlich: Das Berühren hat gerade keinen Lauf. Nicht erst seit den pandemischen Abstandsgeboten. Spätestens 2017, als unter dem #metoo einigen Weinsteins und Pussy-Grabbern dieser Welt endlich die Hände gebunden wurden, kam das Berühren in Verruf. Klar, viele Übergriffe beginnen ja mit einem vermeintlich harmlosen Körperkontakt. Und sowieso: Der tätschelnde Opa, die muffige Umarmung einer Tante, der eine Kumpel auf der Party, der einen auf den Rücken hauen muss - war es nicht längst fällig, diese ganze Touchyness in eine archaische Vorzeit zu verbannen? Damals, als bei wortkargen Urzeitstämmen eine gute Unterhaltung noch im gegenseitigen Entlausen bestand. Jetzt, drei Jahre später, ist die körperliche Nähe weg, die Berührung weitgehend aus der Gesellschaft verbannt. Kein Händeschütteln, kein Küsschen, kein Drängeln, kein Tanzen. Berührungen gibt es allenfalls in der Familie. Wer keine hat, kriegt nichts ab. Was macht das mit uns?

Warum wir ohne Tastsinn nicht leben können

Zwei Menschen, die sich mit dem Berühren beschäftigen, sind der Autor/Regisseur der Münchner Kammerspiele, Falk Richter, und Martin Grunwald, Wahrnehmungspsychologie und Haptikforscher an der Universität Leipzig. Der eine thematisiert das Berühren aus künstlerisch-gesellschaftlicher Perspektive, der andere aus medizinisch-psychologischer. Richter hat gerade mit dem Stück „Touch“ eine Dystopie des Nicht-Berührens an die Münchner Kammerspiele gebracht, Grunwald schon vor drei Jahren, also während der letzten großen Berührungskrise, ein flammendes Plädoyer für den Tastsinn geschrieben: „Homo hapticus – Warum wir ohne Tastsinn nicht leben können.“
Das Interview mit Martin Grunwald beginnt unter schlechten Vorzeichen. „Unsere Spezies empfindet Nähe zu einem anderen Menschen immer auch körperlich,“ sagt er. In seinem Leipziger Büro wimmelt es von kleinen Apparaturen und haptisch attraktiven Gegenständen wie Pfeifen, Stiften, Klötzchen. Man möchte alles anfassen, damit herumspielen. Nur – das Interview findet wegen Covid-19 über Videochat statt. „Es gibt keine virtuelle Nähe“, sagt Grunwald etwa trotzig in die Kamera. „Das funktioniert nicht,“ und unterstreicht, alles, was er sagt, mit raumgreifenden Gesten. Denn für dieses Interview gilt genauso wie für alle anderen Videokonferenzen gerade: Ohne Nähe und Berührungen entstehen kommunikative Defizite. Und das hat einen Grund.

Seit der Aufklärung begreifen wir uns gerne als eine Kultur des Sehens. Tatsächlich aber ist unser erster Sinn der Tastsinn. Schon im embryonalen Stadium, ab der siebten Schwangerschaftswoche, beginnen wir zu fühlen. Nach drei Monaten ist der gesamte Körper im Mutterleib für taktile Reize empfänglich. Nach der Geburt ist es der Tastsinn, der als einziger fast vollständig entwickelt ist. Sehen können wir da allenfalls schemenhaft. Es sind Berührungen, mit denen wir zunächst die Welt um uns herum wahrnehmen. Überhaupt wahrnehmen, dass da etwas anderes ist oder ein Anderer. Schreit ein Baby, nimmt man es in den Arm. Der Körperkontakt mit den Eltern beruhigt, senkt den Stresspegel, ist angenehm. Bis sich die anderen Sinne und mit ihnen eine abstraktere Wahrnehmung der Umwelt herausbilden, werden noch Jahre vergehen. Wir sind also von klein auf notwendig auf Berührungsreize konditioniert. Sie sind unser unmittelbarstes Kommunikationsmittel und das bis ins Erwachsenenalter.

Ein berührter Mensch hat weniger Angst

Deshalb ist es nicht unproblematisch, wenn wir jetzt in der Pandemie auf das Berühren verzichten sollen: „Wenn man jetzt ohne diese Berührungsreize innerhalb einer schwierigen gesellschaftlichen Gesamtsituation zurechtkommen muss, dann fördert das natürlich Emotionen der Unsicherheit“, sagt Grunwald. „Denn ein berührter Mensch hat weniger Angst.“ Könnte also im Mangel an zwischenmenschlichen Kontakten ein Grund liegen, warum unsere Gesellschaft gerade immer hysterischere Züge entwickelt? Gesellt sich zur ökonomischen Sorge auch das simple Faktum, dass uns mit der Berührung ein wichtiges Stressregulativ fehlt? „Es gibt ja noch Berührungen innerhalb der Familie“, sagt Grunwald. „Für Alleinstehende kann das Nicht-mehr-berührt-Werden auf Dauer schlimme Folgen haben, bis hin zu schweren Depressionen.“ Zu einer Aussage über gesamtgesellschaftliche Auswirkungen, will er sich aber noch nicht hinreißen lassen. „Das werden erst Feldstudien im Nachhinein zeigen.“

Regisseur Falk Richte

Eine düsterere Prognose, was eine ent-rührte Welt mit uns machen könnte, wagt Falk Richter. Als Theaterregisseur ist er Experte für die Gegenwart. Sein Stück „Touch“ erzählt in drastischen Bildern vom Lockdown und was der mit uns macht. Bei der Kammerspielpremiere von „Touch“ – auf Deutsch: Berühren ­– Anfang Oktober wirkte es, als sei das Thema Distanzhalten schon wieder am Abflauen. Einen Monat später ist sein Theater aber wieder geschlossen. Grund: Kontaktbeschränkung. Die Proben laufen weiter, aber natürlich kontaktlos und unter strengen Hygieneauflagen. Richter versteht deren Notwendigkeit, sieht aber auch, was fehlt: „Berührungen sind eine wichtige Vergewisserung, dass ich existiere, dass ich mich über jemand anderen spüre.“ Vor Covid-19 habe man Spannungen häufig darüber gelöst, sich in den Arm zu nehmen. Das fehle nun.

Ein höheres Maß an Verrücktheit

Schon seit einiger Zeit beobachtet Richter das Phänomen einer Bevölkerung, die immer mehr auf Distanz geht. Ursprünglich sollte „Touch“ von der Digitalisierung zwischenmenschlicher Kommunikation handeln und die damit einhergehende Entfremdung voneinander. Katalysiert die Pandemie eine Entwicklung, die sich die Jahre zuvor schon auf technischer Ebene abzeichnete? Und was bedeutet das für eine Gesellschaft? „Die Leute sind auf jeden Fall unruhiger, unzufriedener, verängstigt“, sagt Richter. „Die Spannungen innerhalb der Gesellschaft nehmen zu. Auch, dass viele ein bisschen durchdrehen und sich Verschwörungsgeschichten ausdenken.“ Er beobachte ein höheres Maß an Verrücktheit. Und tatsächlich ist es doch seltsam: Je mehr wir der Sicherheit zuliebe auf Abstand gehen, desto unsicherer fühlen wir uns. Distanzhalten fällt auch deshalb so schwer, weil es dem widerspricht, wie wir für gewöhnlich auf Gefahren reagieren. Nämlich, wie wir es von klein auf gelernt haben. Eine andere Hand ergreifen, wenn man erschrickt. Sich anlehnen, festhalten, zusammenrücken.
Ein haptisches Vokabular, das wird während der Pandemie immer klarer, das sich nicht einfach durch Worte ersetzen lässt. Nicht nur im kleinen Kreis, sondern auch als Gesellschaft. „Diese lustigen Gesten mit dem Ellenbogen oder mit dem Fuß“, sagt Berührungsforscher Grunwald, seien alles Versuche irgendwie ein Kontaktereignis herzustellen, um dem körperlichen Bedürfnis nach Nähe nachzukommen. Dass wir nach der Pandemie nachhaltig berührungsgestört sind, glaubt er hingegen nicht. „Ach, da müssen wir jetzt durch und dann pendelt sich das hoffentlich wieder ein.“ Theaterregisseur Richter ist da etwas skeptischer, mit Verweis auf die Vergangenheit: „Zum Beispiel im Shakespeare-Theater.“ Da seien die Leute dicht an dicht gestanden, hätten im Zuschauerraum uriniert, gespuckt und gegessen. „Heute denken wir, dass kann doch nicht wahr sein, dass Leute so unhygienisch zusammengelebt haben. Und es kann doch sein, dass wir in fünf Jahren denken werden: Was? Die Leute waren so dicht gedrängt in Konzerten, so eng mit Fremden. Die konnten doch die Kontakte gar nicht nachverfolgen.“