Meinung Warum der Konservatismus eine Moderne braucht

Ständig wird die Linke dafür kritisiert, sich nicht ihrer Vergangenheit zu stellen und keine Idee für die Zukunft zu haben. Aber gilt das nicht auch für Konservative? Haben die nach 1989 nicht vergessen, sich zu modernisieren?

Von: Martin Zeyn

Stand: 12.02.2021

Figur von Ludwig Erhard beim Erntedankfestzug in Fürth 2018, aufgenommen vor blauem Himmel | Bild: BR/Henry Lai

1989: Die USA haben den Kalten Krieg gewonnen. 1989: Der Neoliberalismus hat die Planwirtschaft besiegt. 1989: Die westliche Demokratie war so stark wie nie. Eine Zeitenwende. Der Westen strotzte vor Kraft. Und der Politikwissenschaftler Francis Fukuyama lieferte die Erklärung dazu. Sein Buch verkündete "Das Ende der Geschichte". Das war kein Abgesang. Denn während gemeinhin Bücher mit dem Wort "Ende" im Titel eher pessimistisch gestimmt sind, war dieses sehr hoffnungsfroh: Der Fall der Mauer habe gezeigt, totalitäre Systeme seien zum Scheitern verurteilt.

Einzelinteressen statt Gemeinwohl

Fukuyamas Buch ist fast 30 Jahre alt – und wirkt komplett aus der Zeit gefallen. Denn die letzten drei Jahrzehnte haben gezeigt, dass sich die westliche liberale Demokratie keineswegs als das einzige Modell einer Staatsordnung durchsetzen konnte. Polen und Ungarn führen vor, dass auch gewählte Regierungen die Demokratie auszuhöhlen vermögen. Berlusconi, Bolsonaro, Putin und Trump haben schamlos Einzelinteressen über das Gemeinwohl gestellt: Eine Oligarchie der sowieso schon Mächtigen und eine Kleptokratie der sowieso schon Reichen traten an die Stelle der Herrschaft des Volkes. Schlimmer noch: 9/11 ebenso wie der IS-Staat zeigten uns, dass auch die Verbindung von Theokratie und Terror über eine mächtige Anziehungskraft verfügt.

Sollte sich der Sieg als Fluch erweisen? Vor allem für den intellektuellen Konservatismus? Der erscheint seither seltsam sprach- und ideenlos. Hat Karl Kraus, ein Paradebeispiel eines Wertkonservativen, Recht behalten? "Der Kommunismus … – der Teufel hole seine Praxis, aber Gott erhalte ihn uns als konstante Drohung über den Häuptern jener, so da Güter besitzen."

Der Konservatismus hat keine Antworten auf Krisen

Tatsächlich wirkt der Konservatismus kraftlos und ermattet, seit ihm sein Gegenpol abhandengekommen ist. Es scheint, als habe er Fukuyamas Versprechen geglaubt und sich zurückgelehnt, um die Früchte eines Konflikts zu ernten, der fast das gesamte vergangene Jahrhundert bestimmt hatte. Es ist geradezu schmerzlich, zu betrachten, wie der Konservatismus keine Antworten auf die Krisen der letzten Jahrzehnte fand. Die Dot-com-Blase, also das Implodieren des Neuen Marktes, ließ sich noch gerade so mit dem Schlagwort der "schöpferischen Zerstörung" erklären. Aber dann zeigte der Zusammenbruch der Subprime-Anleihen, also des Schneeballsystems aus fahrlässig überbewerteten Immobilienkrediten, dass Banken keineswegs besser als der Staat mit Geld umgehen können. Ein zentrales, neoliberales Mantra zerbrach – nein, der Markt kann nicht alles regeln. Seither finden sich selbst in der – vorsichtig ausgedrückt – wirtschaftsfreundlichen Neuen Zürcher Zeitung Sätze wie: "Märkte handeln nicht immer rational."

Die eigenen Fehler aufarbeiten

Und 9/11? Es scheint, dass im konservativen Lager immer noch eine Kreuzzugs-Rhetorik als das Non-Plus-Ultra einer Erklärung der Ereignisse herangezogen wird. Kurz sei daran erinnert, dass der vierte Kreuzzug mit der Plünderung des christlichen Byzanz endete. Damals wie heute ging es oft um Machtpolitik, wenn das Kreuz vor sich hergetragen wurde. Wo bleibt die Auseinandersetzung mit der eigenen Verantwortung für das Entstehen des islamischen Terrors, also die Hochrüstung der Taliban, um die Sowjets in Afghanistan zu schlagen? Wieso stopfen wir dem reaktionären saudi-arabischen Wahhabismus immer noch Petrodollars in den Rachen? Statt zu sagen: Diese Art von frauenfeindlichem, illiberalem Islamismus unterstützen wir nicht?

Also, wo sind die großen konservativen Denker und Denkerinnen, die Leitlinien aufstellen und eigene Fehler korrigieren? Die Theorien entwerfen, mit denen praktische Probleme geordnet und angegangen werden können? Wo sind die konservativen Antworten zu Ökologie, Feminismus und Rassismus, zu Occupy Wallstreet, die Flüchtlingsfrage und den Klimawandel? Wieso sehen Konservative in Multikulti einen Verrat am Abendland, wobei unbestritten ist, dass die Schrift und unsere Zahlen asiatische Importwaren sind? Wieso wirkt, was Konservative dazu zu sagen haben, so reaktiv?

Gerne wird in die Mottenkiste gegriffen, etwa bei der Behauptung eines ureigenen Kulturraums, der gegen die Flüchtlinge geschützt werden müsse, bei der Kernfamilie, die es zu bevorzugen gelte vor gleichgeschlechtlichen Beziehungen, oder beim irrlichtenden Rückbezug auf die elitäre "konservative Revolution", die angeblich vom Nationalsozialismus unbefleckt geblieben sei – wobei deren radikal antidemokratisches Weltbild schlichtweg ausgeblendet wird. Die Linken sind in manchen Fragen besser aufgestellt: Schon bei Karl Marx finden sich Ansätze, das eurozentrische Denken zu überwinden. Und die andere Seite? Der indische Essayist Pankaj Mishra beklagt, dass bis heute der Liberalismus immer noch im Erste-Welt-Denken verharrt. Von einer Aufarbeitung der eigenen Beteiligung am Kolonialismus und Rassismus ganz zu schweigen, auch wenn Hannah Arendt schon vor über 50 Jahren darauf hinwies, dass die große Sternstunde der Demokratie – die Schaffung der US-amerikanischen Verfassung – kurzerhand alle Sklaven als Nicht-Menschen ausschloss (nebenbei bemerkt, auch die Frauen vom Wahlrecht und – besonders pikant – in einigen Staaten auch die Papisten, also Katholiken).

Die Schwäche des Konservatismus schwächt auch die Linke

Was ist die Folge? Es gelingt konservativen Denkern kaum, Ideen in den Köpfen junger Menschen zu verankern. Das überrascht, denn ihre Gegenspieler haben auch schon bessere Zeiten erlebt. Selbst Liebhaber der Postmoderne werden anerkennen, dass spätestens Mitte der 90er-Jahre aus Frankreich kaum noch Anregungen kamen und Judith Butler nach "Ein Körper von Gewicht" ihrer zentralen These wenig Neues hinzugefügt hat. So entstand ein intellektueller Hohlraum. Denken aber braucht Reibungsflächen. Die fehlten (und fehlen!). Stattdessen Hochmut auf beiden Seiten. Auf der konservativen: sich als Rationalisten erwiesen zu haben. Auf der linken: die Moral für sich gepachtet zu haben (und noch dazu eine falsche, naive, fehlgeleitete, wie ihre Gegner immer wieder beteuern). Die intellektuelle Debatte zwischen den Lagern blieb aus, was wir zu hören bekamen, war kaum mehr als Gekeife.

Das hatte Folgen im linken Diskurs, den Aktionismus und Moralismus dominierten. Die im rechten Denken waren gravierender. Es gab zu wenig Widerspruch gegen reaktionäre Weltmodelle. Zentrale demokratische Werte wurden geopfert, um angeblich andere zu verteidigen. Der Krieg gegen den Terror rechtfertigte eine massive Ausspähung der eigenen Bevölkerung und der Verbündeten. Und wen ließ man als Fußvolk zu? Die Tea Party, die Alt-Right-Bewegung, aber auch rechte populistische Parteien weltweit traten als Verteidiger traditioneller Werte auf und verbanden das mit der Hassrede auf alles, was anders war. Hassprediger gibt es weiß Gott nicht nur im Islam, sondern auch in der Religion, die angetreten ist – wie manche offensichtlich vergessen haben – mit dem Gebot: "Du sollst Deinen Nächsten lieben wie dich selbst". Gerade die angeblich Bibeltreuen suchen sich halt gerne Passagen aus, die ihnen in den Kram passen.

Von Merkel lernen

Realpolitisch drückt sich das so aus: Offenkundig im Illiberalismus von Orbán, Trump, Bolsonaro und Putin. Aber auch, weniger offensichtlich: Angela Merkel ist seit 16 Jahren Kanzlerin, weil sie nach und nach traditionelle Kernideen des Konservatismus über Bord geworfen hat, etwa dass eine staatliche Kinderbetreuung nicht gut für Familien sei. Sie führte vor, was das konservative Denken vergessen zu haben schien: Natürlich hat, wer für das Bestehende eintritt, einen Startvorteil. Aber nur wer die Traditionen beständig auf ihre Tragfähigkeit überprüft, findet jene Teile, die als Brücken in die Zukunft taugen. Wie heißt es so wunderbar in Lampedusas "Der Leopard": „Alles muss sich ändern, damit alles bleibt, wie es ist."

Linke haben sich sehr wohl am Denken von Rechten orientiert. Der Hitler-Verehrer und brillante Kopf Heidegger war der wichtigste Vordenker für die französische Postmoderne. Ideen sind kein Privatbesitz, auch kein Privileg einer bestimmten politischen Gruppe. Jacques Derrida, Emmanuel Levinas oder Jean-Luc Nancy haben Heideggers Ontologie ein Fortleben garantiert, auch wenn sie politisch definitiv einem anderen Lager angehörten. Ideen sind wie eine Kerze, das Licht wird nicht weniger, wenn wir eine neue damit anstecken, wie schon Benjamin Franklin anmerkte. Für Levinas steht fest, dass wir nicht existieren können ohne den Anderen. Unser Denken entsteht erst durch Entgegensetzungen.

Bitte gute Ideen klauen

Übertragen auf die momentanen Grabenkämpfe mit maximalen Shitstormeinsatz heißt das: Alle leiden gerade an der großen Leerstelle, dem Fehlen einer echten Debatte, die eben gerade nicht entsteht, wenn wir das Gegenüber nur zu diskreditieren versuchen. Lasst uns Ideen von der Gegenseite übernehmen. Ein Beispiel aus der Geschichte? Der Slogan: "Wohlstand für alle!" Den benutzte der CDU-Mann Ludwig Ehrhard. Woher stammte dieser Satz ursprünglich? Von den französischen Sozialrevolutionären und vom Anarchisten Kropotkin. Klauen wir Ideen, befruchten wir uns gegenseitig. Was damit keineswegs gemeint ist: ein Friede-Freude-Eierkuchen-Versöhnungsfest zu feiern. Es gibt elementare Unterschiede zwischen links und rechts. Nutzen wir die für einen Wettstreit um die besten Ideen.

Was wir hingegen gerade erleben bei der Debatte um den politischen Islam oder die so genannte "Cancel Culture" ist der Hang zur Diskreditierung des Gegners, frei nach dem Motto: Wenn du das Argument nicht angreifen kannst, dann greif die Person des Argumentierenden an. Wovon keine Seite ganz frei ist, sowohl die Verteidiger wie die Verächter dieser kulturellen Praxis. Da gilt es, eine zentrale Bibelstelle als intellektuelles Gebot wieder einzusetzen: "Warum siehst du den Splitter im Auge deines Bruders, aber den Balken in deinem Auge bemerkst du nicht?" Wir brauchen harte Debatten um die besten Lösungen. Die entwickeln wir nicht, indem wir unsere Widersacher diskreditieren. Wir brauchen einen intellektuell aufregenden Konservatismus. Fehlt er, wird die Grenze zwischen strukturkonservativ und reaktionär unscharf werden. Und das gefährdet die Demokratie. Wir brauchen dringend Lösungen. Für die brauchen wir den Anderen! Und wenn sich der Konservatismus nicht daranmacht, sich neu zu erfinden, wird er den größten Sieg verspielen, den er je errungen hat.

Dieser Beitrag ist im Bayern 2-Kulturjournal vom 14.2. zu hören. Den Podcast finden Sie hier.