BR Doku "Wann. Ein Versuch über die Zeit"

Was ist Zeit? Eine Dimension? Eine Illusion? Die Doku "Wann" umkreist das große Rätsel der Menschheit aus verschiedensten Perspektiven und fragt nach bei Physik, Kunst, Soziologie und Gehirnforschung.

Von: Angelika Kellhammer

Stand: 07.12.2020 | Archiv

Jedes Kunstwerk hat seine Dauer, und ist doch selbst: ein Augenblick, sagt (Theodor W.) Adorno | Bild: Daniel Nimmervoll/BR

Die Zeit ist ein Phänomen, das, je länger man es betrachtet, umso komplizierter wird. Beginnen wir mit etwas einfachem: Zunächst mal gibt es drei Zeitformen. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Aber schon wird es schwierig. Wie lange ist eigentlich Gegenwart? Professor Ernst Pöppel forscht seit Jahrzehnten zu dem Gefühl oder Bewusstsein, das wir Gegenwart nennen: "Es gibt ja sowas wie die subjektive Gegenwart, die in der Tat in dem besten Buch, was es über Zeit und Zeitlichkeit gibt, beschrieben wurde, nämlich von Augustinus, [im Jahr] 397, in den "Confessiones“. Da sagt er, es gibt eigentlich nur das Gegenwärtige, die Gegenwart, die subjektive Gegenwart, und das können wir als Augenblick bezeichnen, der ungefähr 2-3 Sekunden dauert, nach unseren Messungen.

Das  also ist der Takt in uns. 2 bis 3 Sekunden. Alle 2 bis drei Sekunden werden Informationen, die im Gehirn ankommen, neu gebündelt und abgespeichert. Dieser Takt, sagt Pöppel, zeigt sich überall, z. B.. Zum Beispiel bei Berührungen. Etwa dem Händeschütteln: 2-3 Sekunden werden als normal empfunden. Oder bei einem Blick: wir schauen einen Fremden 2-3-Sekunden an, länger wäre aufdringlich.

In der Kunst gelten andere Regeln

Uns was ist mit Vergangenheit und Zukunft? Woran merken wir, dass Zeit vergeht? Antwort: Wir erleben Zeit immer als ein Nacheinander. Würde alles gleich bleiben, still stehen, gäbe es auch keine Zeit. Zeit ist Veränderung. Das Pendel einer Uhr ahmt das nach. Die Zeit läuft dabei in eine Richtung. Aus Zukunft wird Gegenwart und dann Vergangenheit. Außer in der Kunst - da gelten andere Regeln. Da kann der Mensch mit der Zeit spielen. In der Zeit reisen, die Zeit anhalten, beschleunigen, zurückholen. Marcel Proust hat ja Bände darüber  geschrieben, wie man Vergangenes vergegenwärtigt. Oder in der Musik : Wenn die Zeit stockt, stockt auch die Melodie. So macht das zum Beispiel Beethoven in seiner 7. Symphonie. Joana Mallwitz, Dirigentin und Generalmusikdirektorin am Staatstheater Nürnberg: "Dieser Überleitungsteil und dieser Thema sind vielleicht ähnlich lang. Warum fühlt man sich in dem einen Teil die ganze Zeit wie beim Abwarten - und beim anderen wie beim Ankommen. Dieses Spannungsverhältnis, das ist fast fühlbar gewordene Zeit, das ist auch das, was am Dirigieren so magisch ist, weil du als Dirigent diese Übergänge formen musst. Diese Energien leiten musst und die Zeit so biegen musst, dass der Zuhörer sich zwischen all diesen Spannungspunkten hin und her geworfen fühlt."

Probleme der Physik mit der Zeit

Die Kunst biegt sich die Zeit zurecht und spielt mit unserem Gefühl. Gibt es auch eine objektive Zeit? Ziemlich genau sogar. 1 Sekunde ist genau 9.192.631.770 Schwingungen eines Cäsium Atoms lang. Harald Lesch , Astrophysiker an der LMU, beklagt, die Naturwissenschaft habe es schwer: "Wir Physiker, wir hassen die Zeit. Weil, sie passt einfach nicht in unseren Gleichungen. Bei unseren Experimenten, da kann man die Zeit immer wieder auf Null zurückstellen. Bei jedem Experiment. Aber während in den Gleichungen also die Zeit vorwärts und rückwärts laufen kann, werden wir immer älter. Da stimmt doch was nicht, als ob es verschiedene Formen von Zeit gibt."

Zeitmessung ist relativ. Einstein erklärte das so: Bewegte ich mich mit Lichtgeschwindigkeit durch den Raum, wäre die Sekunde auf meiner Armbanduhr so gedehnt, dass gar keine Zeit verginge. Wirklich erlebbar ist das alles nicht. Harald Lesch:" Meine These wäre, dass uns das Thema Zeit vor allen Dingen deshalb interessiert, weil wir wissen, dass wir sterben müssen. Das heißt, wir wissen, das wird nicht ewig sein. Wir müssen, wir müssen uns jetzt nicht beeilen, mit allem wird man eh nicht fertig. Aber die Bedeutung unserer Handlungen, unserer Worte haben eben damit zu tun, dass wir nicht mehr in der Zeit zurückkönnen und dass unsere Zeit nicht beliebig lang ist."

Grenzenlose Beschleunigung?

Vielleicht ist der Mensch deshalb so unruhig und versucht sein Leben zu verdichten. Mehr Leben in der knappen Zeit, die bleibt. Hartmut Rosa, Soziologe an der Universität in Jena,  hat ein Buch geschrieben über dieses Phänomen der heutigen Lebens-Beschleunigung: "Wir handeln wirklich schneller. Wir nehmen die Mikrowelle, statt den Herd, dann geht's halt schneller. Oder wir essen Fastfood statt Slow Food sozusagen. Das Kochen wird dann als eine besondere Aktivität auf das Wochenende ausgelagert. Alles andere muss schnell gehen. Aber wir machen auch, alles Mögliche andere muss eben schnell gehen, überall versprechen neue Technologien Geschwindigkeitszuwächse - bis hin zum powernap. Kleines Mittagsschläfchen, aber nicht länger als 20 Minuten oder quality time mit Kindern: dass man eben nicht so viel Zeit auf die Kinder verschwenden muss, aber die dann qualitativ aufwertet."

„Wenn du es eilig hast, mach einen Umweg“, sagt ein japanisches Sprichwort und meint: am meisten Zeit haben wir immer dann, wenn wir die Zeit vergessen,  und uns in ihr. Je selbstvergessener wir sind , je mehr wir uns nur auf eine bestimmte Sache konzentrieren, desto mehr Zeit ist plötzlich da. Denn es gibt eine große Gegenspielerin der Zeit: Die Zeitlosigkeit, oder anders gesagt: die kleine Ewigkeit, die schwer zu finden ist, und wenn überhaupt: nur im Hier und Jetzt.

"Wann. Ein Versuch über die Zeit"