Mini-Serie "Upright" Wie eine Pippi Langstrumpf in der Pubertät

Zwei Looser auf einer Tour durchs Hinterland von Australien. Das Land ist leer bis zur Trostlosigkeit, die Figuren haben schwer an sich zu tragen – und die Serie ist ein Traum! Jetzt in der ARD-Mediathek.

Von: Martin Zeyn

Stand: 21.06.2021

Hauptfigur Lucky mit Einhorn-T-Shirt verloren in der Wüste | Bild: WDR/2019 Lingo Pictures Pty Ltd/ Foxtel Management Pty Ltd/Mark Rogers 2019

Amerikanische Filme und Serien feiern das Unterwegssein - die Straße macht uns alle zu besseren Menschen. Nicht aber in der Serie "Upright": Darin begegnen sich zwei Menschen, ein Vierzigjähriger und ein junges Mädchen, die über die ersten drei Folgen nur voneinander angenervt sind. Ihr erstes Zusammentreffen: ein Unfall, bei dem sein Mietwagen zu Schrott geht. Woraufhin sein Konto gesperrt wird, weil die Versicherung nicht annähernd den Schaden deckt. Also gehen die zwei eine Notgemeinschaft ein: Zusammen sieben Tage lang in Richtung Perth zu fahren, beide mit einem ähnlichen Ziel: Er muss zu seiner krebskranken Mutter, die im Sterben liegt, sie zu ihrer Mutter, die vom Vater getrennt lebt.  

Katastrophen? Hinter jeder Kurve!

Wobei wir ziemlich schnell ahnen: Der Unfall war nur der Auftakt zu weiteren Katastrophen. Unter anderem der, dass unser langhaariger Ex-Musiker-Held Lucky ganze Folgen lang in einem zu kleinen rosa T-Shirt mit Einhornprint durch ein heißes Nirgendwo herumlaufen muss. Meg, das Mädchen, hat ihn nicht nur einfach nach einem Streit zurückgelassen, sie lügt auch wie gedruckt. Sie ist höchstwahrscheinlich nicht schon 16, wie sie behauptet. Ihre Fähigkeit, jeden jederzeit aufs übelste zu beschimpfen, ist ihr Versuch zu verbergen, was sie sich nicht einzugestehen traut: kein cooles Mädchen zu sein, das niemanden braucht, um durchs Leben zu kommen. Sie treibt die Geschichte voran, mit Schlagfertigkeit, Witz und gnadenloser Rücksichtslosigkeit. Und wir als Zuschauerinnen und Zuschauer werden hin- und hergeschüttelt von dieser Figur, die so anarchistisch ist wie Astrid Lindgrens Pippi. Allerdings: Eine Pippi Langstrumpf in der Pubertät ist eben nicht mehr nett, schrill und faszinierend, sondern eine Zeitbombe auf zwei Beinen. Immer wieder hoffen wir, dass die zwei das Schlimmste hinter sich haben und endlich unbeschadet weiterfahren können, da passiert schon die nächste Katastrophe. Manchmal aus Verpeilheit, manchmal aber auch aus Mutwillen. Nein, Glück haben die zwei an keiner Stelle.  

Lucky, dessen Leben diesem Namen Hohn spricht, ist anfangs nur ein Spielball der Ereignisse. In jeder Folge bekommen wir ein Stück mehr aus seinem verkorksten Leben präsentiert, bis in der vorletzten Folge klar wird, warum er unter Angstattacken leidet und acht Jahre nicht nach Hause gefahren ist. Aber etwas Seltsames, etwas Anrührendes passiert auf dieser Reise. Er lernt zu reden. Und er lernt, nicht wegzulaufen, sondern Mag zu helfen, wenn sie wieder einmal richtig Scheiße gebaut hat.  
Aber dass so viel schiefgeht, ist eben kein Zufall. Diese Serie erzählt auch, wie viel Schutz Normalität bietet. Und wie schmerzlich Menschen Halt und Ordnung vermissen, selbst wenn sie so tun, als bräuchten sie nichts und niemand im Leben. Auszubrechen ist keine Lösung - weil da draußen in der Wirklichkeit ganz viele dafür sorgen, dass du für das Klauen von Autos bestraft wirst...

Ein Storytelling, das ihre Figuren liebt 

Was aber besonders für die Serie einnimmt: der Serienmacher Chris Taylor mag seine Figuren. Und zwar alle! Es gibt keine guten oder schlechten Menschen. Es gibt nur welche, die mehr oder weniger über ihren eigenen Tellerrand schauen können. Kein billiger Spott über die Hinterwäldler, kein Verherrlichen der Solidarität der Menschen im Outback. Und selten hat eine Serie uns so lange Zeit gelassen, die Hauptfiguren richtig kennenzulernen. Nicht, um uns plötzlich brutal mit einer Wendung zu überraschen, dass sie ganz anders sind, als wir die Folgen zuvor gedacht haben: Dramaturgie aus dem Zauberhut, wie sie offenbar in vielen Lehrbüchern empfohlen wird. Stattdessen kommen uns Meg und Lucky, die beide am Anfang alles andere als sympathisch sind, mit jeder Episode näher. Und ja, es gibt ein echtes Ende am Schluss – keinen Cliffhanger. Auch das ein Zeichen dafür, dass die Macher an ihre eigene Geschichte geglaubt haben – und nicht schon eine zweite Staffel im Kopf haben. Eine Miniserie, die niemand verpassen sollte.