Baerbock und Laschet Plagiieren – nein! Kopieren – unbedingt!

Der Unterschied zwischen einem Zitat und einem Plagiat ist einfach. Trotzdem scheitern immer wieder Menschen daran, darunter auch die Kanzlerkandidatin Baerbock und der Kandidat Laschet. Hier ein Leitfaden.

Von: Martin Zeyn

Stand: 30.07.2021 | Archiv

Begriff "Plagiat" im Wörterbuch | Bild: picture-alliance/dpa

I. 

Wie vermeide ich ein Plagiat? Ganz einfach! Ich kennzeichne wörtliche Übernahmen durch Anführungszeichen. Und ich gebe die Quelle an.  

 II. 

Es ist ein offenbar weitverbreiteter Irrtum, dass es eine Arbeit schlechter mache, wenn darin viel zitiert wird. Das Gegenteil ist der Fall. Wissenschaftliches Arbeiten beginnt mit der Durchsicht der Fachliteratur. Und diese Arbeit muss im Literaturverzeichnis und durch Fußnoten dokumentiert werden. 

 III. 

Verlage zieren sich leider, diese Praxis zu übernehmen, wenn es um das sogenannte populäre Sachbuch geht. Im besten Fall verbieten sie Fußnoten nicht ganz, sondern verbannen sie nur in den Anhang, was ständiges Blättern nach sich zieht. Keine Ahnung, warum sie das tun. Ihr Publikum ist gebildet und kann mit Fußnoten auf der Seite umgehen. Und es wäre ehrlich. Niemand schreibt eine Arbeit, die ohne Vorarbeiten anderer auskommt.  

 IV. 

Andere Generationen waren klüger als wir. Noch Goethe zitierte einen scholastischen Glaubenssatz: Wir sind alle Zwerge auf den Schultern von Riesen. Wissen fällt nicht vom Himmel, Wissen entsteht aus Wissen. Wer je theoretische Schriften von Lessing gelesen hat (sehr lohnenswert!), wundert sich erst über die vielen lateinischen Zitate. Das ist kein Herumstolzieren wie ein Bildungs-Pfau. Lessing macht deutlich, wo die Quellen seines Denkens herkommen. 

V. 

Heute meinen aber zu viele, sich als Originalgenie präsentieren zu müssen. Ihr brillanter Geist schöpfe allein aus sich. Na ja, Popanze gibt es überall. Einige brauchen große Autos, andere dicke Bücher, auf denen ihr Name steht. 

 VI. 

Copy-and-paste ist deswegen völlig zu Unrecht in Verruf geraten. Copia, woher unsere Kopie stammt, bedeutet im Lateinischen: der Vorrat. Aus diesem Wissensschatz kann sich jeder bedienen. Bedienen, nicht klauen. Der Unterschied: die Anführungszeichen (siehe den ersten Punkt).  

 VII. 

Für die Copy-Funktion bin ich sehr dankbar. Seither gibt es keine Fehler mehr in meinen Zitaten. Wir Menschen nämlich schreiben oft nicht ab, was da wirklich steht, sondern eher das, was wir meinen, gelesen zu haben. D.h. jeder ist gut beraten, wenn er nicht bei Kollegen abschreibt, was die zitieren, sondern noch mal im Original nachschaut. Kostet Zeit, bildet aber.  

 VIII. 

Mein Prüfer, Klaus Briegleb, erzählte, dass er als Assistent in München von seinem Professor mit Seminararbeiten in die Bibliothek geschickt wurde, um jedes Zitat zu überprüfen. Bei mir im Studium hat das niemand gemacht – und trotzdem bemühte ich mich nach dieser Anekdote, sorgfältig zu sein. Vermutlich gäbe es weniger Plagiatsfälle, wenn an der Uni ab dem ersten Semester Arbeiten gründlich durchgesehen würden.  

 IX. 

All das kostet Zeit. Aber lieber weniger Bücher und wissenschaftliche Aufsätze als schlechte. Fehler passieren. Mit einzelnen Fehlern, die uns alle unterlaufen, kann ich leben, aber nicht mit einer Wissensgesellschaft, die keine Zeit für eine Fehlerkultur hat. 

 X. 

In der Kunst ist das Ganze noch schwieriger. Zitieren ist hier auch ein Spiel, kann eine Hommage oder Kritik sein. Hier sollten wir sehr vorsichtig sein beim Vorwurf des Plagiats. Mein Vorschlag: sich an eine Maxime von Jonathan Lethem halten, der alle einlud, seine Idee zu klauen. Allerdings unter der Bedingung, vorher seine Bücher gekauft zu haben.