Jelinek am Staatstheater Nürnberg Vom Schweigen – gestern und heute

Rechter Terror: Das ist die Klammer des Elfriede-Jelinek-Abends am Staatstheater Nürnberg. Drei Stücke über den Nationalsozialismus und den NSU zeigt Regisseur Jan Philipp Gloger. Alle drei eint die gleiche Sache.

Von: Christoph Leibold

Stand: 12.11.2021

Elfriede-Jelinek-Trilogie am Staatstheater Nürnberg | Bild: Staatstheater Nürnberg

Zu einer funktionierenden Demokratie gehört eine funktionierende Justiz. Nicht wenige Menschen finden, dass die deutsche Justiz im NSU-Prozess, wenn nicht versagt, so doch Entscheidendes versäumt hat. Zehn Menschen hat der Nationalsozialistische Untergrund ermordet. Zwei der Rechtsterroristen, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt, entzogen sich dem Gesetz durch Suizid. Die dritte, Beate Zschäpe, wurde vor drei Jahren, am Ende des NSU-Prozesses, zu lebenslanger Haft verurteilt. Dass das NSU-Trio Kern eines breiten Neonazi-Netzwerks war, spielte vor Gericht eine nachrangige Rolle – das ist das Versäumnis in den Augen vieler.

Auseinandersetzung mit dem gedanklichen Überbau

Bereits 2014, ein Jahr nach Prozessbeginn, machte Dramatikerin Elfriede Jelinek daher ihrerseits Polizei und Justiz den Prozess: in ihrem Stück "Das schweigende Mädchen", das nun am Staatstheater Nürnberg wieder zu sehen ist, kombiniert mit zwei weiteren Jelinek-Texten: "Wolken.Heim." und "Rechnitz".

In der Inszenierung von Jan Philipp Gloger, Schauspieldirektor am Staatstheater Nürnberg, bezieht zu Anfang des Abends ein ganzer Trupp sehr deutscher Figuren auf einem ziegelroten Hausdach Stellung: Wotan ist dabei, die Loreley, auch ein heideggernder Hitler-Verschnitt in Trachtenloden. In "Wolken. Heim." skizziert Elfriede Jelinek den gedanklichen Überbau, das ideologische Dach, unter dem sich Gräueltaten wie die NSU-Mordserie abspielen konnten, gezimmert aus Zitaten deutscher Dichter und Denker, die sie diesem Trupp prototeutonischer Gestalten in den Mund legt. Eine stark kondensierte Fassung des Stücks bildet den Auftakt zu diesem bildstarken Jelinek-Triple, in dem Jan Philipp Gloger die drei Texte zu einer schlüssigen Erzählung vom Verschweigen und Verdrängen rechter Gewalt kombiniert.

Vom NS-Massaker zur NSU-Mordserie

"Rechnitz" packt das Thema historisch an. Das Stück behandelt den Massenmord an etwa 180 jüdischen Zwangsarbeitern durch Nazigrößen, die kurz vor Kriegsende noch ein Gefolgschaftsfest feierten. Das Grab mit den Leichen wurde bis heute nicht gefunden, und viele im burgenländischen Rechnitz, dem Schauplatz dieser Barbarei, wollen auch gar nicht wissen, wo es sich befindet.

"Das schweigende Mädchen" schlägt dann den Bogen von der Geschichte in die jüngere Vergangenheit, die beinahe noch Gegenwart ist. Mindestens so sehr wie für die anfangs die Aussage verweigernde Hauptangeklagte des NSU-Prozesses Beate Zschäpe interessiert sich dieser Theaterabend hier für das an Vertuschung grenzende Gebaren einer Polizei und Justiz, die sich als auf dem rechten Auge blind erwies.

Stücke über das Schweigen

Die Stücke, die er ausgewählt habe, erzählt Regisseur Jan Philipp Gloger, "werden im Grunde dadurch verbunden, dass sie das Schweigen behandeln. Das Schweigen über Rechnitz. Bis heute – wir waren selbst dort – kriegt man unterschiedliche Geschichten, was passiert oder nicht passiert ist, wenn man sich da abends in die Kneipe setzt. Und bis heute werden immer noch Dinge über den NSU und die Hintermänner verschwiegen oder nicht aufgedeckt. Also Stücke, die über ein Schweigen zusammengehalten werden und die Versuche, über etwas zu reden: Was kann man überhaupt sagen? Was kann man wissen? Wo fängt die Legendenbildung an?"

Jan Philipp Gloger ist so klug zu wissen, dass er nicht zeigen muss, was Elfriede Jelinek in ihren Stücken mit Sprache sichtbar macht. Nicht umsonst ist "Rechnitz" als Botenbericht konzipiert, in dem die Schrecknisse nur geschildert werden. Als das NS-Gefolgschafts-Gelage auf das Gemetzel zusteuert, ersetzt in der Nürnberger Inszenierung das Donnern unzähliger Hiebe mit einem Spaten, den ein Schauspieler auf den Bühnenboden drischt, die Gewehrsalven. Der Rest spielt sich in den Köpfen der Zuschauenden ab. Es ist einer der eindringlichsten Augenblicke in dieser an Verstörungsmomenten reichen Aufführung, wobei das Monströse der Handlung von "Rechnitz" in "Das schweigende Mädchen" zum Grotesken mutiert. Denn den NSU-Prozess zeigt Gloger als reine Farce.

Widersprüchen auf der Spur

Elfriede Jelinek setzt dem Verdrängen ihre Textschleifen entgegen, mit denen sie menschlich Abgründe so lange umkreist, bis sie in ihrem ganzen entsetzlichen Ausmaß klar umrissen sind. Das ist die große Stärke ihrer Stücke. Und eine Stärke des Theaters überhaupt: Dinge zur Sprache zu bringen, die sonst verschwiegen werden. Oder wie Jan Philipp Gloger es formuliert: "Es geht darum, Dinge auszusprechen auf der Bühne, von denen man denkt, dass sie ausgesprochen gehören. Und auch Widersprüche aufzuzeigen. Dinge spielerisch auf die Spitze zu treiben und so die Widersprüche herauszuarbeiten, die in sehr massiver Weise bei dem Thema NSU und dem Umgang mit seinen Taten aufgekommen sind."

Theater sind Orte der Begegnung, des Austausches, an denen unterschiedliche Menschen zusammenkommen, um sich gemeinsam an einem Thema zu reiben. Mit anderen Worten: Theater ist demokratischer Dialog. In Jan Philipp Glogers Nürnberger Jelinek-Trilogie funktioniert er besonders gut.

Der Eflriede-Jelinek-Abend "WOLKEN.​HEIM. / RECHNITZ (DER WÜRGEENGEL) / DAS SCHWEIGENDE MÄDCHEN" läuft an mehreren Terminen am Staatstheater Nürnberg.