Auch Linke mögen Luxus Streit um Yaghoobifarah wegen Werbefotos

Werbung für einen fast 4000 Euro teuren Luxusmantel machen und die Polizei für überflüssig zu halten, geht das zusammen? Für das Berliner Kaufhaus KaDeWe und die linke Kolumnist*in Hengameh Yaghoobifarah offenbar schon - konservative Kritiker*innen haben damit ein Problem.

Von: Martin Zeyn

Stand: 24.09.2020 | Archiv

Hengameh Yaghoobifarah in Schwarzweiß-Aufnahmen, einmal ein Porträt mit geschlossenen Augen, einmal ein Bild, auf dem sie in einem Ledermantel in einem Sessel sitzt | Bild: store.kadewe.de/Screenshot: BR

Hengameh Yaghoobifarah schreibt für das Missy Magazine und die taz, und selbst in diesen Publikationen steht sie links von der Mehrheit. Eine Polemiker*in, die aber immer deutlich gemacht hat, dass sie neben Fragen des Gendertroubles, der Gesellschaft und der Bedeutung der Polizei Mode durchaus interessiert. Jetzt wirbt das KaDeWe mit ihr. Große Fotos im Schaufenster zeigen die Journalist*in ohne Nerdbrille, aber mit sorgfältig zerzaustem Haar und einem Mantel, der 3900 Euro kosten soll.

Für viele konservative Stimmen war das zu viel. Die linke Polemik und Satire von Yaghoobifarah sind ja schon schwer verdaulich, aber wenn sie dann noch in einem Revier wildert, das sie beanspruchen – mon dieu! Luxus muss eine Sache der Besitzenden sein, wo kommen wir hin, wenn schlechtbezahlte Journalist*innen plötzlich mit Werbung zu Geld und geilen Klamotten kommen. 

Revolutionäre als neue Mönche

Das Ganze hat natürlich eine Vorgeschichte. Die literarischen Darstellungen des Revolutionärs von Dostojewskij bis Zola sind ganz eindeutig: Er hat ein Mönch zu sein, der sich der großen Sache verschrieben hat und der deswegen für die kleinen Dinge, die das Leben besser machen, wenig übrig hat. Linke Vordenker wie Ernst Bloch oder Walter Benjamin, die dem Luxus durchaus etwas abgewinnen konnten, theoretisch, aber durchaus auch praktisch, konnten daran nichts ändern. Und so war es noch in den 70er-Jahren, dass der Verleger Klaus Wagenbach seine linken Weggenossen vor den Kopf stieß, als er in der Förderung des Hedonismus ein Ziel seines Verlags sah. Und in Frankreich oder Italien gab es immer reiche Unternehmer, die aus ihrer linken Weltanschauung und aus ihrer Lebenslust keinen Hehl gemacht haben.

Auch Linke sind komplex

Konservative haben immer noch nicht gelernt, dass auch Linke komplexe Wesen sind, die vielfältige Interessen und Vorlieben haben können. Und im Fall von Yaghoobifarah nutzen sie vielleicht auch jede Chance, um sie vor ihren Mitstreiter*innen zu diskreditieren. Sie empören sich darüber, dass die Journalist*in einfach mal schöne Klamotten genießen will. Diese Taktik kann sogar gelingen, denn das Bild des mönchischen Revolutionärs wirkt nach. Mir warf mal ein aufrechter Kreuzberger Mai-Kämpfer vor, der sich stundenlang vor meinen Augen mit der Polizei ein Hase-und-Igel-Spiel lieferte, er würde jetzt auch gerne wie ich im Café einen Kaffee trinken. Allein, die Weltrevolution schien ihn gerade sehr in Beschlag zu nehmen. Ein solcher Revolutionär versteht die Freuden des Müßiggangs und die der Mode nicht – und er urteilt schnell.

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Wer Yaghoobifarah im Missy Magazine regelmäßig liest, hätte längst wissen können: Die Autor*in hat kein Problem damit, über Mode klug zu reden und – ja – Mode zu feiern. Hören wir also auf, der BZ zu glauben, dass sich angeblich Mitarbeiter*innen des KaDeWe über das Model empört hätten. Und für die Zukunft hoffe ich, dass es dem KaDeWe nicht nur darum gibt, um jeden Preis Aufmerksamkeit zu erzielen. Sondern, dass es weiterhin Models bucht, die was zu sagen haben. Und die, wie Yaghoobifarah selbst bekennt, keineswegs in klassische Schönheitsmuster hineinpassen.