Das Penthaus über dem Parkhaus? So könnten unsere Städte nach der Pandemie umgebaut werden

In der Pandemie haben wir unsere Wohnviertel (wieder-)entdeckt und online statt in der Innenstadt geshoppt. Das wird langfristig die städtischen Funktionen verschieben. Ein Gespräch mit dem Leipziger Architekten Stefan Rettich.

Von: Barbara Knopf

Stand: 19.04.2021

Eine Frau geht an einem leeren Ladenlokal in der Münchner Innenstadt vorbei | Bild: dpa/Bildfunk

Corona verändert das Bild unserer Städte. Wo bisher hysterische Nachverdichtung herrschte, Betongold abgeschöpft wurde und täglich neue Büroquartiere aus dem hochpreisigen Boden wuchsen, da ist mehr und mehr Leerstand. Welche Chance erwächst aus der Krise für neue Stadtkulturen, für neue Wohnkulturen und –strukturen? Darüber hat Barbara Knopf mit Architekt und Städteplaner Stefan Rettich gesprochen. Er hat ein Architekturbüro in Leipzig, lehrt an der Uni Kassel und ist Mitglied eines Expertengremiums, das sich mit der resilienten Stadt beschäftigt.

Barbara Knopf: Am Anfang der Pandemie waren die Städte entvölkert, jetzt herrscht Leerstand wegen vieler Insolvenzen von Einzelhandel und Gastronomie. Außerdem kommt man ins Grübeln, ob so viel Platz für Autos eigentlich noch notwendig sein wird. Wie blicken Sie momentan als Architekt auf die Stadt?

Stefan Rettich: Ja, ich glaube, diese Pandemie ist schon ein Anschlag auf unsere europäischen Städte, die ja eigentlich von Öffentlichkeit geprägt sind, von öffentlichen Räumen. Gleichzeitig merkt man, dass es nicht nur Nachteile hat, wenn zum Beispiel weniger Verkehr auf der Straße ist. Man kann auch einiges mitnehmen. Es heißt ja immer, diese Pandemie sei Katalysator für bestimmte Prozesse. Und da kann man auch viel lernen.

Und wo sehen Sie schon katalysatorische Prozesse?

Es ist sehr klar geworden, wie stark Digitalisierung raumwirksam wird. Wir wussten schon, dass Online-Shopping sich sehr stark auf den stationären Einzelhandel auswirkt – das hat noch mal eine unglaubliche Dynamik entfaltet. Wir wussten auch, dass sich die die Arbeitswelt flexibilisieren wird – durch das Arbeiten von zu Hause aus. Man bemerkt jetzt, wie stark die Digitalisierung Auswirkungen auf den Bürosektor hat. Wir erleben schon Vorboten von Verschiebungen städtischer Funktionen.

Dass beispielsweise Büros leer stehen bleiben und man schauen muss, was macht man damit?

So ist es. Die Büros stehen im Moment leer. Ich denke, dass viele größere Firmen tatsächlich Wirtschaftlichkeitsberechnungen machen, ob Mitarbeiter oder Tätigkeiten verlagert werden können. Das erhöht dann aber wiederum den Druck auf das Wohnen. Wir brauchen ja dann mehr Wohnfläche zu Hause für das Homeoffice. Und das meine ich eben mit dem Verschieben der Funktion: Wir gewinnen an anderer Stelle Raum, oftmals auch in zentralen Lagen, den wir dann eigentlich perspektivisch nutzen könnten, um dort Wohnungen zu etablieren.

Wäre das machbar, dass man Wohnungen in Häuser baut, die als Büros konzipiert sind?

Das ist grundsätzlich möglich, weil Bürobauten relativ flexibel gebaut sind, es sind meistens Stahlbeton-Skelett-Architekturen, die dann flexibel genutzt werden können.

Die Frage ist natürlich, wie erschwinglich das alles wäre. Büros entstehen ja in Lagen, die sehr teuer sind, wo man viel für den Boden zahlen muss. Und ein neuralgischer Punkt der Stadt sind die Mieten. Jetzt wurde die Berliner Mietpreisbremse vom Bundesverfassungsgericht gekippt. Also, wie werden wir uns diese Städte in Zukunft noch leisten können? Und wird Corona darauf möglicherweise auch einen Einfluss haben?

Im Moment kann man noch nicht feststellen, dass Corona einen Einfluss hat auf die Preise von Wohnimmobilien, die sind relativ stabil, sogar leicht steigend. Wenn wir aber die Innenstädte anschauen, also Büroflächen und Einzelhandelsflächen in den Zentren, dann wird es dort sehr wahrscheinlich zu Anpassungen der Boden- und Immobilienpreise kommen müssen.

dass die runtergehen?

Ich denke schon, dass die runtergehen müssen. Wir haben da ja extreme Zuwächse. Der höchste Wert ist in München, in der Kaufingerstraße: 160.000 Euro kostet da ein Quadratmeter. Die Filialisten überlegen sich, mehr auf Online-Handel umzusteigen, haben schon Filial-Aufgaben angekündigt. Das heißt, die Eigentümer müssen von ihren hohen Mietpreiserwartungen runter, und das wird bedeuten, dass auch die Banken diese Grundstücke neu bewertet werden.

Ich habe schon überlegt, ob man dann künftig im Loft bei H&M wohnen könnte?

Es gibt auch schon bei ganz vielen Parkhausbetreibern Überlegungen, wie sie ihre Parkhäuser nutzen können. Die Leute fahren nicht mehr mit dem Auto in die Stadt, um einzukaufen. Auch dort kann man sich vorstellen, dass man die oberen Etagen umnutzt und Penthouses einrichtet. Grundsätzlich wären auch Bildungseinrichtungen gut und Kultureinrichtungen, einfach ein bisschen mehr Raum für Nicht-Kommerzielles.

Auf der anderen Seite klingt das jetzt trotzdem noch relativ hochpreisig. Das werden keine billigen Wohnungen sein, die dann dort entstehen. Kann man damit der Flucht aufs Land etwas entgegensetzen? Die es ja gibt, manchmal aus Sehnsucht, wegen Corona aus der Stadt raus zu wollen, manchmal wegen ökonomischer Zwänge.

Da haben Sie recht, in den Innenstadtlagen werden die Bodenpreise nicht so in den Keller sinken, dass dort Sozialwohnungen möglich sein werden. Seit 2014 sind mehr Deutsche an den Stadtrand gezogen als in die Städte hinein. Dieser Trend wird sich durch Corona mit Sicherheit verstärken. Und da wiederum braucht es natürlich jetzt Möglichkeiten, die Leute in die Zentren der Klein- und Mittelstädte zu lenken, damit wir nicht immer noch mehr Flächen verbrauchen.

Urbanisierung würde ja auch bedeuten, dass man ohnehin Arbeiten und Wohnen besser miteinander verzahnt.

Was wir bei der Pandemie auch sehen und lernen konnten: Wir waren sehr stark auf unsere Quartiere angewiesen, in denen wir leben. Deswegen werden wir uns mit Sicherheit in der Stadtentwicklung viel stärker fragen, ob die Quartiere gut aufgestellt sind in Bezug auf Grünraum-Versorgung, auf Nahversorgung mit Lebensmitteln. Vielleicht können wir auch, wenn bestimmte Einzelhandelsflächen in den Erdgeschossen wegfallen, Haus-Offices einrichten: dass wir nicht zu Hause in der Wohnung arbeiten, sondern einfach die Treppe runter gehen und uns im Erdgeschoss mit den Nachbarn im Haus-Office treffen und dort irgendwie zur Arbeit gehen.

Heißt das auch – ich höre das so was durch – , dass wir von der Globalisierung einen Schritt zurücktreten, weil wir wegen Corona merken, dass man doch ganz schön abhängig ist. Und dass es ein größeres Bewusstsein für Regionalität gibt, also für das Allernächste, was da ist?

Wir sprechen in der Stadtplanung von der 15-Minutenstadt. Den Begriff hat Carlos Moreno geprägt und er besagt, dass man eigentlich alles von der Wohnung aus zu Fuß innerhalb von 15 Minuten erreichen kann. Dann brauchen wir das Auto nicht mehr, brauchen weniger Straßen, können die Straßen umnutzen, als Freiräume umbauen. Oder wir können in die Straßen Grünflächen einbauen, die wir ohnehin im Zuge des Klimawandels benötigen. Wir brauchen in den Städten einfach viel mehr Reserven. Wir müssen auch schauen, wo sind eigentlich die vulnerablen Stellen in der Stadt, wo ältere Menschen wohnen, wo Menschen in kleineren Wohnungen leben, vielleicht auch ohne Balkone. Das sind alles Stellen, an die man rangehen muss, damit die soziale Gerechtigkeit auch in der Phase einer Pandemie gegeben ist.