Online-Bühne Staatstheater Nürnberg legt großes Digitalprogramm auf

Die Lernkurve, die die Theater in Sachen digitaler Performance mittlerweile an den Tag legen, ist steil: Nürnberg startet am 5. Februar in den digitalen Frühling.

Von: Christoph Leibold

Stand: 03.02.2021

"Isola" Szenenbild vom Staatstheater Nürnberg | Bild: Konrad Fersterer

Das "Krise-als-Chance"-Gerede klingt natürlich erstmal nach abgedroschener Binsenweisheit, mit der man sich die unerfreuliche Lage schön zu reden versucht. Tatsache ist aber auch, dass gerade die Theater, die ihre fast schon anachronistische Verfasstheit als Orte realer Begegnungen in digitalen Zeiten als unique selling point rühmen, manche technische Entwicklung verschlafen haben. Der Anstoß von außen war überfällig. Böser gesagt: Man hat sich auf dem analogen Alleinstellungsmerkmal ausgeruht.

Recht unbeholfene Performance im 1. Lockdown

Das erklärt die meistenteils unbeholfene Performance im ersten Lockdown, als vielen Bühnen außer Theater aus der Konserve (Aufzeichnungen vorhandener Inszenierungen) und  bild- und tonqualitativ randständigen Videoclips (Schauspielerinnen und Schauspieler lesen Gedichte in die Kamera, im Hintergrund Bücherregale oder Topfpflanzen) wenig einfiel.

Mittlerweile ist die Erkenntnis gereift, dass im Digitalen enormes Potential schlummert – sei es, um neue Kundschaft zu erschließen, sei es, um neue Kunstformen zu entwickeln. Was das Publikum angeht, so liegen noch keine belastbaren Zahlen vor. Erste Eindrücke scheinen aber zu bestätigen, was sich viele erhoffen: Die digitalen Angebote werden von einer deutlich jüngeren Klientel abgerufen als der, die sich üblicherweise in Theatersälen einfindet. Und was nun die Kunst betrifft, so ist unübersehbar, dass die Lernkurve der Theater seit dem Frühjahr 2020 steil nach oben zeigt.

Steile Lernkurve bis zum 2. Lockdown

Allgemeine Erkenntnis: a) es braucht originäre Webformate, wenn digitales Theater erfolgreich sein will. Und b) mit Theater hat das dann nur noch partiell zu tun. Das kann man als Verlust beklagen. Besser freilich ist es, sich daran zu freuen, dass man da gerade einer neuen Kunstform beim Werden zusehen kann. Zumindest ein Gutes also hat diese Pandemie.

Das Staatstheater Nürnberg hat schon im Frühjahr eine Webserie gestartet, in Kooperation mit der BR KulturBühne: „Erste Staffel“ – Boris Nikitins Auseinandersetzung mit dem 20jährigen Jubiläum des Reality-TV-Formats "Big Brother". Nun legt die Nürnberger Schauspielsparte innovativ nach. Schauspielchef Jan Philipp Gloger hatte spätestens im Herbst den Entschluss gefasst, die Schließzeit nach Kräften zu nutzen, um das Haus digital fit zu bekommen. Gloger bekennt freimütig, dass er als Enddreißiger noch nicht zu den digital natives zählt. Seine Inszenierungen leben meist vom Live-Moment. Gerne durchbricht er die unsichtbare vierte Wand, und auch als Spartenleiter am Nürnberger Staatstheater setzt er auf den direkten Draht zum Publikum. Auf Austausch und (reale) Begegnung. Gerade aber was dieses Partizipative und Interaktive angeht, so bietet auch das Digitale viele Möglichkeiten – abgesehen davon, dass im Lockdown ohnehin keine Alternative bleibt, um mit dem Publikum in Kontakt zu bleiben.

"Isola", wie Isolation

Zum Auftakt der Nürnberger Digital-Offensive am 5. Februar gibt es daher ein so genanntes "Choose-Your-Own-Adventure"-Format, das sich Hausautor Philipp Löhle ausgedacht hat. Eine Art Gedankenspiel zur aktuellen Debatte um die Impfstoffverteilung, bei dem die Zuschauerinnen und Zuschauer über den Fortgang der Handlung per Videochat mitbestimmen können.

Löhle ist auch Autor des Theaterstücks "Isola" (über das lockdown-relevante Thema Isolation), das Gloger schon im November mit seinem Ensemble einstudiert hat. Die Uraufführungs-Inszenierung erlebte ihre Generalprobe auf der Bühne des Nürnberger Schauspielhauses hinter verschlossenen Türen, um danach vorerst eingemottet zu werden. Weil es noch eine ganze Weile dauern wird, bis die Vorstellung live gespielt und gezeigt werden kann, hat Sami Bill im Auftrag Glogers und auf Basis von dessen Inszenierung nun einen Theaterfilm gedreht, der am 26.Februar Premiere feiern wird.

Digitale Offensive – ein Abenteuer

Gloger selbst wird zu der Zeit schon an "Macbeth" arbeiten, aber eben nicht als klassische Bühnen-Aufführung, sondern als "Kurznachrichtentheater". Shakespeares Tragödienheld wird ja von den konspirativen drei Hexen manipuliert. Heutige soziale Netzwerke sind bekanntlich äußerst verschwörungstheorieaffin. Gloger wird das Stück daher in einem Chatroom spielen lassen und in kurzen Messages und Video-Clips erzählen, die das Publikum live in der Messenger-App Telegram verfolgen kann. In der Theorie gehen Form und Inhalt hier gut zusammen. Ob es in der Praxis funktioniert, wird sich weisen.

Gloger bezeichnet die Pläne selbst als "Abenteuer". Soll heißen: Ausgang offen. Auch scheitern darf sein. Das sagen Theaterleute zwar immer. Der drohende Missmut des Publikums und die strengen Urteile der Theaterkritik verführen jedoch regelmäßig dazu, dass Regisseurinnen und Regisseure auf Nummer sicher gehen. Auf dem Experimentierfeld digitale Bühne dagegen ist womöglich mit größerer Nachsicht für das Unperfekte und Neugier auf das Unfertige zu rechnen.

Formate der Zukunft

Glogers Kurznachrichten-Macbeth wird übrigens am 12.3. Premiere feiern – zu einer Zeit also, zu der die Theater womöglich schon wieder vor (kleinem) Live-Publikum spielen dürfen oder die Wiederöffnung in nicht mehr allzu weiter Ferne liegt. Dass das Staatstheater Nürnberg dann noch mit einer digitalen Premiere an den Start geht, ist durchaus als Zeichen dafür zu sehen, dass solche Formate Zukunft haben, auch über die Pandemie hinaus.

Der "Lockdown" mag sich zwar wie eine Zwangsjacke anfühlen, und die Hände mögen den Theaterschaffenden gebunden sein. Aber viele haben gelernt, dass auch ohne zu gestikulieren genügend Ausdrucksmöglichkeiten bleiben.

Die meisten Theater gehen davon aus, dass sie mindestens bis Ostern warten müssen, ehe sie wieder vor Publikum spielen dürfen. Und falls sie doch schon vorher auf die Bühne zurückkehren können? Dann, sagen viele, lohnt es sich gleichwohl, digitale Projekte weiter voran zu treiben. Die Schauspielsparte des Staatstheaters Nürnberg zum Beispiel hat ein umfangreiches Online-Programm aufgelegt, eine Art digitalen Frühling, der schon am 5. Februar beginnt.