Nachrichten aus dem NS-Staat Sophie Scholl auf Instagram

Nichts bringt Menschen so zusammen wie die sozialen Medien. Warum nicht auch so Geschichte vermitteln? @ichbinsophiescholl macht die letzten Monate im Leben der Widerstandskämpferin Sophie Scholl erfahrbar. Kann das auf Instagram klappen?

Von: Marie Müller

Stand: 04.05.2021

Hans Scholl (Max Hubacher), Sophie Scholl (Luna Wedler) und Alexander Schmorell (David Hugo Schmitz) arbeiten bis spät in die Nacht im Atelier: Luna Wedler spielt Sophie Scholl in dem Instagram-Projekt Sophie Scholl:
| Bild: SWR/Èdith Carron/Sommerhaus Film

@ichbinsophiescholl zeigt die fiktionale Interpretation einer historischen Person, Userinnen und User können ihr folgen und hautnah, emotional und in Echtzeit miterleben, wie sie die letzten 10 Monate ihres Lebens verbracht hat. Schauspielerin Luna Wedler hat die Rolle der Sophie Scholl übernommen.

Zugegeben, es ist nicht einfach die Geschichte und das Wirken von Sophie Scholl neu zu erzählen – unzählige Verfilmungen, Dokumentationen, Artikel, Bücher oder Radio-Beiträge gibt es bereits, in Schulen und Universitäten wird ihre Widerstandskampf analysiert. Doch dieses Projekt von SWR und BR ist einmalig und wagemutig: Sophie Scholl bekommt einen eigenen Instagram-Kanal.

10 Monate: Von der Ankunft in München 1942 bis zur Enthauptung 1943

Der Instagram-Kanal beginnt am 4. Mai – fünf Tage vor ihrem letzten Geburtstag – Sophie Scholl wäre am 9. Mai 2021 100 Jahre geworden – und endet mit ihrem Tod. Die Studentin wird im Alter von 21 Jahren von den Nazis am 22. Februar 1943 in Stadelheim umgebracht. Zehn Monate also kann man tagtäglich ihren Kampf, aber auch ihren Alltag auf Instagram verfolgen.

Hans Scholl, Sophie Scholl und Alexander Schmorell besprechen die Flugblattproduktion im Atelier.

"Braucht's des?!", könnte die ketzerische Frage lauten und die Antwort ist "Ja!". Das gilt gerade in diesen Zeiten, in denen die Rechte in so vielen Ländern erstarkt und das Wissen um die Zeit im Nationalsozialismus immer seltener auf Zeitzeugen aufbauen kann. Einer jungen Generation ein Stück deutscher Geschichte zu verdeutlichen, geht am besten mit ihren eigenen Kommunikationsmitteln: über Social Media.

"Die Weiße Rose Stiftung hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Erinnerung an die Widerstandsgruppe um Hans und Sophie Scholl im öffentlichen Bewusstsein zu verankern, vor allem bei jungen Menschen. Die Stiftung unterstützt mit Wohlwollen und großer Neugierde die aufregende Instagram-Serie @ichbinsophiescholl, da sie das gleiche Interesse verfolgt: junge Generationen über den Widerstand im Nationalsozialismus zu informieren und aufzuklären."

Dr. Hildegard Kronawitter, Vorsitzende der Weiße Rose Stiftung e.V.

Sophie Scholl auf Instagram: Alltag, Liebe und Widerstand

Sophie Scholl durchlebt auf Instagram all das, was viele junge Erwachsene erleben: Respekt vor dem ersten Ortswechsel, die ersten Schritte hin zu einem Leben auf den eigenen Beinen, Cliquen-Bildung, Enttäuschung im Studium, Liebe und Liebeskummer. Und zugleich ist ihr Alltag kaum vorstellbar: Ein Leben in einem totalitären Staat, in dem durch Gewalt und Agitation das Naziregime als unangreifbar erscheint. Dann ihr mutiger Schritt in den Widerstand der "Weißen Rose" – ihre Kamera immer dabei.

Inspiriert von Sophie Scholl: Zeichnung von Édith Carron

Das Instagram-Profil @ichbinsophiescholl wird plattformgetreu mit verschiedenen Medienarten bespielt. Szenisch-historisch produzierte Filmaufnahmen aus der Ich-Perspektive wechseln sich ab mit Fotos, Original-Nachrichtenmeldungen, Archiv-Propaganda, Reels, Animationen und Illustrationen. Letztere werden von der Künstlerin Édith Carron erstellt. Als Inspiration dienen die Original-Zeichnungen von Sophie Scholl. Das schafft eine besondere Intimität und eine Wucht: da ist das Leben in der Diktatur in meinem News-Feed, auf meinem Handy angekommen.

Historische Korrektheit und Respekt vor der Figur

Das "In-dieJetztzeit-holen" hat seine Grenzen. So sprechen Sophie Scholl und ihr Freundeskreis beispielsweise keineswegs im heutigen Jugend-Slang, die historische Figur Sophie Scholl soll so respektvoll, authentisch und historisch korrekt dargestellt werden wie möglich.

"Sophie Scholl zu spielen ist in erster Linie eine große Ehre für mich. Ich habe wahnsinnigen Respekt vor ihr als Person und ihrem Wirken. Das Projekt an sich war für mich eine riesige Herausforderung und etwas ganz Neues. Ich bin in diesem Fall nicht nur Schauspielerin, sondern auch teilweise für die Kamera zuständig. Da wir für Instagram im Hochformat gedreht haben, mussten wir jede Szene verschieden auflösen. Es gibt nicht wie sonst Schuss, Gegenschuss von einer außenstehenden Kamera. Aber eben all das zusammen hat es super spannend und aufregend gemacht."

Luna Wedler

Der Drehaufwand kommt dem eines Spielfilmes gleich. 17 Drehtage gab es in Berlin und München – an Originalschauplätzen sowie historisch eingerichteten Räumlichkeiten. Etwa 130 Minuten Bewegtbild-Material fließen zehn Monate lang in Stories und Reels ein, zudem ergänzen Fotos, Boomerangs und IGTV-Videos den Kanal. Luna Wedler drehte den Großteil selbst mit einer kompakten Filmkamera unter Anleitung des Regisseurs Tom Lass. So schafft diese Instagram-Serie, woran viele historische Filme scheitern: Sie ist subjektiv und direkt, zieht Userinnen und User mit voller Wucht in Sophie Scholls Konfrontation mit Not, Leid und Angst, aber eben auch in ihren Alltag und ihre Persönlichkeit – und das mit Leichtigkeit und Humor.

"Es ist vor allem eine Herausforderung - erzählerisch und schauspielerisch - mit einer Figur zu arbeiten, die immer wieder die vierte Wand bricht und ihre Gedanken mit uns teilt. Mir war es wichtig, eine Tonalität zu finden, die den realen Menschen und der Thematik gerecht wird – trotz der Plattform Instagram, oder gerade deswegen. Auch das ist ja eine Chance: Es gab sie wirklich! Auch in Farbe, nicht nur im Geschichtsunterricht!"

Tom Lass, Regisseur

Es bleibt spannend abzuwarten, ob das, was monatelang in der Theorie ausgedacht und geplant wurde, in der Realität bei der Zielgruppe ankommt. Nämlich die Tatsache, dass Sophie Scholl keine auf dem Sockel stehende Marmorstatue ist, sondern eine humorvolle, coole, lebensbejahende Frau, die von ihrer Clique "der Soffer" genannt wurde. Und "der Soffer" wird am 9. Mai nicht 100, sondern 21.