Nachrichten aus dem NS-Staat Sophie Scholl auf Instagram

Nichts bringt Menschen so zusammen wie die sozialen Medien. Warum nicht auch so Geschichte vermitteln? Der Instagram-Kanal @ichbinsophiescholl wagte Neuland und machte die letzten Monate im Leben der Widerstandskämpferin Sophie Scholl erfahrbar. Zehn Monate hatten Userinnen und User unmittelbar teil an ihrem digitalen Leben – am 22. Februar stirbt sie. Heute ab 19 Uhr (23.2.2022) und morgen ab 15 Uhr sind Beteiligte im Live-Talk zu erreichen.

Von: Marie Müller

Stand: 23.02.2022 | Archiv

Hans Scholl (Max Hubacher), Sophie Scholl (Luna Wedler) und Alexander Schmorell (David Hugo Schmitz) arbeiten bis spät in die Nacht im Atelier: Luna Wedler spielt Sophie Scholl in dem Instagram-Projekt Sophie Scholl:
| Bild: SWR/Èdith Carron/Sommerhaus Film

Geschichte auf social media - erlebbar gemacht für junge Menschen. @ichbinsophiescholl zeigt die fiktionale Interpretation einer historischen Person, Userinnen und User können ihr folgen und hautnah, emotional und in Echtzeit miterleben, wie sie die letzten 10 Monate ihres Lebens verbracht hat. Zugegeben, es ist nicht einfach die Geschichte und das Wirken von Sophie Scholl neu zu erzählen – unzählige Verfilmungen, Dokumentationen, Artikel, Bücher oder Radio-Beiträge gibt es bereits, in Schulen und Universitäten wird ihre Widerstandskampf analysiert. Doch das Projekt von BR, SWR und VICE war einmalig und wagemutig. Und wurde schnell dafür belohnt: Sophie Scholl bekam auf ihrem Instagram-Kanal eine schnell wachsende Fangemeinschaft von über 750.000 Follower und Followerinnen.

"Sophie Scholl zu spielen ist in erster Linie eine große Ehre für mich. Ich habe wahnsinnigen Respekt vor ihr als Person und ihrem Wirken. Das Projekt an sich war für mich eine riesige Herausforderung und etwas ganz Neues. Ich bin in diesem Fall nicht nur Schauspielerin, sondern auch teilweise für die Kamera zuständig. Da wir für Instagram im Hochformat gedreht haben, mussten wir jede Szene verschieden auflösen. Aber eben all das zusammen hat es super spannend und aufregend gemacht."

Hauptdarstellerin Luna Wedler

10 Monate: Von der Ankunft in München 1942 bis zur Enthauptung 1943

Der Instagram-Kanal begann letztes Jahr am 4. Mai – fünf Tage vor ihrem letzten Geburtstag – und endet mit ihrem Tod. Die Studentin wird im Alter von 21 Jahren von den Nazis am 22. Februar 1943 in Stadelheim umgebracht. Zehn Monate konnten ihre Fans tagtäglich ihren Kampf, aber auch ihren Alltag auf Instagram verfolgen

Hans Scholl, Sophie Scholl und Alexander Schmorell besprechen die Flugblattproduktion im Atelier.

Braucht's des? So könnte die ketzerische Frage lauten und die Antwort ist "Ja!". Das gilt gerade in diesen Zeiten, in denen die Rechte in so vielen Ländern erstarkt und das Wissen um die Zeit im Nationalsozialismus immer seltener auf Zeitzeugen aufbauen kann. Einer jungen Generation ein Stück deutscher Geschichte zu verdeutlichen, geht am besten mit deren Kommunikationsmitteln: über Social Media.

"Die Weiße Rose Stiftung hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Erinnerung an die Widerstandsgruppe um Hans und Sophie Scholl im öffentlichen Bewusstsein zu verankern, vor allem bei jungen Menschen. Die Stiftung unterstützt mit Wohlwollen und großer Neugierde die aufregende Instagram-Serie @ichbinsophiescholl, da sie das gleiche Interesse verfolgt: junge Generationen über den Widerstand im Nationalsozialismus zu informieren und aufzuklären."

Dr. Hildegard Kronawitter, Vorsitzende der Weiße Rose Stiftung e.V.

Sophie Scholl auf Instagram: Alltag, Liebe und Widerstand

Sophie Scholl durchlebte auf Instagram all das, was viele junge Erwachsene erleben: Scheu vor dem ersten Ortswechsel und den ersten Schritte hin zu einem Leben auf eigenen Beinen, Cliquen-Bildung, Enttäuschung im Studium, Liebe und Liebeskummer. Und zugleich ist ihr Alltag kaum vorstellbar: Ein Leben in einem totalitären Staat, in dem durch Gewalt und Agitation das Naziregime als unangreifbar erscheint. Dann ihr mutiger Schritt in den Widerstand der "Weißen Rose". Ihre Kamera immer dabei, das verbindet sie mit heutigen Generationen.

Inspiriert von Sophie Scholl: Zeichnung von Édith Carron

Das Instagram-Profil @ichbinsophiescholl wurde plattformgetreu mit verschiedenen Medienarten bespielt. Szenisch-historisch produzierte Filmaufnahmen aus der Ich-Perspektive wechselten sich ab mit Fotos, Original-Nachrichtenmeldungen, Archiv-Propaganda, Reels, Animationen und Illustrationen. Letztere wurden von der Künstlerin Édith Carron erstellt. Als Inspiration dienten die Original-Zeichnungen von Sophie Scholl. Das schuf eine besondere Intimität und eine Wucht: Da ist das Leben in der Diktatur in meinem News-Feed, auf meinem Handy angekommen.

ÜBER 750.000 MENSCHEN FOLGTEN SOPHIE SCHOLLS GESCHICHTE

Der Kanal war ein großes Wagnis und hat am Ende alle Erwartungen übertroffen. „Die historische Figur Sophie Scholl ist für ein gefühltes Jahr in die lebendige Alltagskultur junger, überwiegend weiblicher Menschen auf Instagram übersetzt worden. Eine Dreiviertelmillion Follower waren es zu zuletzt. Dieser Erfolg wäre nicht möglich gewesen ohne ein 40-köpfiges Team von Schauspielerinnen und Schauspielern, Regie, Autorinnen und Autoren, Mitarbeitenden aller digitaler Sparten, von Distribution bis Community Management. Ein großes Gemeinschaftswerk mit unzähligen guten Energien, ein Glücksfall“, so die Redaktion, d.h. Susanne Gebhardt (SWR), Lydia Leipert (BR) und Ulrich Herrmann (SWR).

Wer sind die Leute, die dem Kanal folgten, kommentierten und oft auch hitzig diskutierten? Im Kern sind das Nutzerinnen und Nutzer zwischen 18 und 34 Jahren, insgesamt sind 70 % unter 35. Während der ganzen Zeit gab es eine hohe Interaktionsrate. Die Userinnen und User ließen sich auf das Storytellingkonzept der Serie ein, das emotionale Nähe erlaubte, interagierten mit Sophie Scholl und untereinander. Sie thematisieren die historische Situation und zeigen großes Interesse an Zusatzinformationen, die innerhalb der Community und durch das Social-Media-Team des Kanals beantwortet wurden.

SOPHIE SCHOLL WIRD HINGERICHTET – UND WAS DANN?

Als Echtzeitserie aus dem Narrativ von Sophie endet @ichbinsophiescholl am 18. Februar, dem Tag der Verhaftung der realen Sophie Scholl im Jahr 1943. Danach wird es keine Postings mehr von Sophie geben. Stattdessen wird der Kanal bis zum 26. Februar zunehmend dokumentarisch agieren, mit Erinnerungen von Zeitzeugen, historischen Dokumenten sowie Hintergrundmaterial zu den historischen Ereignissen und dem Projekt selbst. 

Zum Abschluss gibt es für die FollowerInnen und alle Interessierte die Gelegenheit zum offenen und direkten Austausch mit dem Team. Projekt-gerecht auf der Plattform Instagram in zwei moderierten Live-Talks. Am 23. Februar wird die Community ab 19 Uhr eingeladen, sich u.a. mit Hauptdarstellerin Luna Wedler über die Erfahrungen mit der Serie, über Emotionen und Erkenntnisse auszutauschen. Am 24. Februar werden ab 15 Uhr u.a. die Historikerin Dr. Maren Gottschalk und Hugo David Schmitz, der Alexander Schmorell spielte, am zweiten Insta-Live-Talk teilnehmen, um das Konzept der Serie mit den Userinnen und Usern zu diskutieren.

Emotional, nah dran aber auch respektvoll und historisch so genau wie möglich: Mit dieser Prämisse war das Team rund um das Projekt @ichbinsophiescholl angetreten. Und die monatelange akribische Vorbereitung der Macherinnen und Macher, die konsequente Social-Media-Betreuung des Kanals und der Community hat sich gelohnt: Sophie Scholl wurde dadurch für viele etwas mehr von der auf dem Sockel stehenden gehuldigten Marmorstatue in eine humorvolle, coole, lebensbejahende Frau gewandelt, die von ihrer Clique "der Soffer" genannt wurde und deren Vermächtnis im Widerstandskampf der Weißen Rose weiterlebt.