Zwischen Erschöpfung und Langeweile Die Stimmung in bayerischen Kunstateliers

Theater- und Filmemacher, Veranstalter und Musiker melden sich laut zu Wort, beklagen ihre Zwangspause in der Pandemie. Von Bildenden Künstlern ist nicht viel zu hören, obwohl ihre Kunst auch dringend den dreidimensionalen Raum braucht – und das Publikum. Ein Bericht über die Stimmung in bayerischen Kunstateliers.

Von: Julie Metzdorf

Stand: 18.02.2021 13:15 Uhr

Installationsansicht mit Dosen | Bild: Eva Jünger/ Dannerstiftung München

Lockdown ist anstrengend. Nicht nur das Maskentragen, das Video-Callen und die neue Zwangs-Spontaneität. Auch die Stagnation selbst strengt an, das Nichtplanen- und Nichtstun-Können. Für jene, denen Kulturveranstaltungen wichtig waren, ist es eine Zeit der Leere – und die wiegt schwer. Aus der Reizflut wurde über Nacht eine Reizwüste. Es fehlen Erlebnisse, die das Gehirn und die Sinne stimulieren, die zum Denken anregen, Gespräche auslösen, Gemeinschaft stiften. Blöd ist das für alle. Aber was macht es mit denen, die beruflich mit Sinnesreizen arbeiten, mit bildenden Künstlern nämlich? Jene Menschen, die Bilder oder Objekte schaffen, mit denen sie uns berühren wollen?

Vermessungssignale werden schräge Vögel

"Das sind die Pavesi, das sind Metallarbeiten, das sind so orange Schilder oder Tafeln, wie schräge Vögel, die auf einer Vernissage rumstehen, die haben so eine Kopfform, und die stehen da so herum.", sagt Martin Wöhrl. Der Münchner Künstler steht in seinem Atelier im Dreimühlenviertel. In einer Ecke des Raums hat er ein paar seiner eigenen Arbeiten aufgestellt: orange und rote kreisförmige Metallplatten, auf mannshohe Stangen montiert.

Die hätte er auf der Fahrt nach Österreich entdeckt, im Augenwinkel, im Vorbeifahren, wie Wöhrl sagt. Ohne genau zu wissen, was es eigentlich sei, habe er die aus dem Kopf nachgebaut, weil sie eine ganz schöne Drehung hätten und formal interessant seien. Später habe er herausgefunden, dass es ein Vermessungs-Signal ist, das einfach in den Bergen steht.

Wöhrl entdeckt Schönes im Alltag und bildet es nach

Die "Pavesi" sind typisch für Martin Wöhrl. Die Urform ist der Realität entnommen: Wöhrl arbeitet mit Formen, die bereits existieren und durch Zufall so eine interessante und gute Form haben, dass sie wie ein Kunstwerk erscheinen. Er erkennt diese besonderen Formen, baut sie nach, verändert sie leicht, stellt sie in einen neuen Kontext: Da ist der Blick in einen geöffneten Straßenkanal beim Spazierengehen und die auffälligen Kanten des Gullideckels, die er als Objekt nachgebaut hat. Da sind die gedrehten Säulen einer Hütte in den Bergen, die er in Beton nachgegossen hat und die jetzt ganz ohne Last nur noch für sich selbst stehen. Da sind die alten Türblätter, deren Oberflächen aus Holzimitat zufällig exakt den verschiedenen Farbnuancen bayerischer Biere entsprechen, und denen er nur eine typische Bierglaskontur verpassen musste, um mit diesen riesenhaften Schablonen so manchen Ausstellungsraum zur Bierhalle zu machen.

Mit dieser besonderen Form der Aneignung von Alltagsformen kommt der 47-Jährige zu einer Kunst, die man niederschwellig nennen könnte: Irgendwie fühlt sich das alles so vertraut an, die Kacheln, das 50er-Jahre-Resopal, der Sichtbeton, die Wasserrohre. Für jemanden mit solch einer Arbeitsweise bedeuten Homeoffice, Ausgangssperren und Reisebeschränkungen fast schon Berufsunfähigkeit.

Auf neuen Input gebaut

"Also ich brauche diesen Input, dass du einfach Sachen siehst, Sachen entdeckst, die man nicht kennt oder die einem fremd vorkommen. Früher war es schon anders, da war das Ausland wichtig, da war halt eine Reise nach Mexiko, Thailand oder einfach Amerika wahnsinnig inspirierend. Ich finde mittlerweile reicht auch ein kleineres Umfeld genauso aus. Also ich bin auch gern im Bayerischen Wald oder in Österreich und da fallen mir kleine Sachen auf. Und es geht eigentlich wahrscheinlich auch der Häuserblock in München. Aber man merkt halt jetzt gerade auch, dass diese ganzen vielfältigen Eindrücke wegfallen, dass da halt viel fehlt.

Der Lockdown ist für freiberufliche Kulturschaffende aller Genres der Supergau. Doch im Gegensatz zu Schauspielern und Regisseuren, zu Musikern, Schriftstellern, Konzertveranstaltern und vielen mehr hat man von bildenden Künstlern und Künstlerinnen bisher nicht allzu viel gehört. Keine Forderungen, keine Hilferufe, keine großen Konzepte, online Ersatz zu schaffen. Geht es den Künstlerinnen und Künstlern gut? Genießen sie die Ruhe? Sind sie einfach schlechter organisiert, weniger laut?

Kunstwerke brauchen den dreidimensionalen Raum

Bildende Künstler machen nicht so viele Worte. Ihr Output ist das Objekt, Bilder, Fotos, Skulpturen. Dinge, die eine Masse haben und eine Oberfläche. Dinge, die Raum brauchen, realen Raum, Publikum und Öffentlichkeit. Gerade bei bildhauerischen Arbeiten kommt es auf Proportionen an, das Verhältnis zum umgebenden Raum ist Teil des Werks. Das funktioniert im Internet nicht. Das gilt auch für Zweidimensionales: Eine Farbfeldmalerei von Mark Rothko kann ekstatische Gefühle auslösen – aber natürlich nicht, wenn man sie als Foto in einem Buch betrachtet. Genauso wie Schauspieler und Musiker Bühne und Publikum brauchen, benötigt Kunst Raum und Betrachter. Doch die Bildende Kunst und ihre Macher und Macherinnen sind mit Corona praktisch unsichtbar geworden.

Am Anfang, im vergangenen März, habe er den Lockdown fast schon genossen, als "schöne Entschleunigung", wie er sagt. "Es ist auch jetzt nicht schlimm, man hat viel Zeit für die Kinder und mehr Zeit zu Hause. Aber ich fange nicht aus Langeweile zum Arbeiten an, sondern ich brauche dann eigentlich schon eher so andere Anreize oder mehr Anreize. Also eher so eine Lust, dass man was entdeckt hat und dann schafft man was, und die wird eher eingeschläfert."

Drüber reden - auch entscheidend für Bildende Kunst

Wöhrl will nicht klagen. Einen Kunst am Bau-Auftrag konnte er trotz Corona verwirklichen, außerdem hat er gerade eine Lehrtätigkeit angenommen, darauf kann man sich auch mal im Homeoffice vorbereiten. Lange Tage im Atelier sind mit zwei Kindern und Homeschooling sowieso gerade nicht möglich.

Die Ausstellung im Kunstverein Ingolstadt, auf der die "Pavesi" die Vernissage-Besucher begrüßen sollten, konnte im letzten Juni mit viel Glück noch eröffnet werden, allerdings als Soft-Opening mit Time-Slots. Private Luxusprobleme eines Künstlers? Sicher nicht. Wöhrl begreift Kunst auch als kommunikativen Akt, das "Drüber reden" gehört für ihn elementar zum Werk dazu. Wöhrl sagt, er könne es sich nicht vorstellen, sich online mit Leuten zu unterhalten über seine Arbeiten oder deren Arbeiten. "Ich finde, so etwas passiert auf der Vernissage. Man sitzt da, man trinkt ein Glas Wein, man fängt zum Streiten an, das sind so Abende, die da vor sich hinplätschern, wo dann am Ende doch was rauskommt, wo was Interessantes erlebt wird."

Zu Besuch bei einer Silberschmiedin

Natürlich arbeiten nicht alle Künstler mit so starken Bezügen zur Außenwelt. Manche orientieren sich an den großen Themen der Zeit und gesellschaftspolitischen Debatten. Andere entwickeln ihre Werke aus der eigenen Biografie, ziehen die Inspiration eher aus sich selbst. In diese Richtung geht es bei der Nürnberger Silberschmiedin Juliane Schölß: "Das Planieren ist eine Tätigkeit, wo man wirklich mit abertausenden Hammerschlägen die Form langsam entstehen lässt und auch die Symmetrie, man dreht auch den Becher die ganze Zeit in der Hand und verteilt die Hammerschläge bis es irgendwann fertig ist, das muss man selbst entscheiden. Weil das kann man lange machen oder effizient und kurz."

Juliane Schölß steht am wichtigsten Platz ihrer Werkstatt: dem Amboss. Nachdem sie die Silberbleche zugeschnitten, zu einem Zylinder zusammengelötet und den Boden hinzugefügt hat, werden sie in die gewünschte Becherform geklopft. Immer wieder saust der Planierhammer auf das Silber nieder, stundenlang. So entstehen unter ihren Händen Becher, Kannen, Karaffen und Tabletts oder Schalen, aber auch Objekte, die eher als Skulpturen und weniger zum Gebrauch gedacht sind. Die Arbeiten der 43-Jährigen stehen in den wichtigsten Designmuseen der Welt und wurden vielfach ausgezeichnet.

"Ich glaube, dass ich mich schon mit mir und meiner Empfindung und meiner Wahrnehmung der Dinge beschäftige. Also mit dem, was praktisch aus der Welt bei mir innen ankommt.", sagt sie. Für eine Reihe Silberbecher hat Juliane Schölß ganze Regale voller Becher gesammelt: Joghurtbecher, Zahnbutzbecher, To-Go-Becher. Aus all diesen Bechern hat sie eine Art Ur-Becher-Form entwickelt und in Silber gebaut. Schölß hat den Blick damit auf den Alltag und seine allgegenwärtigen Formen gelenkt. Damit wertet sie einerseits die oft so gedankenlos hingenommenen Alltagsbecher auf. Gleichzeitig verjüngt sie durch die frische und moderne Form das alte Handwerk des Silberschmiedens.

Kraft durch Ruhe – und Lähmung

"Bei mir ist es so, dass ich eigentlich beim ersten Lockdown viel panikmäßiger reagiert hab auf das Ganze, weil das ja auch was Neues war, dass die ganzen Ausstellungen und die Handwerksmesse abgesagt wurden und einem so der Boden unter den Füßen weggezogen wurde. Und dann habe ich gemerkt, dass diese Pause eigentlich, also nach einer Zeit, sehr wohltuend ist, dass man Zeit hat, sich mal Gedanken zu machen, zu ordnen und wirklich zur Ruhe zu kommen. Und jetzt, nachdem das Ganze wirklich schon so lange dauert und die Handwerksmesse wieder ausfällt und viele Ausstellungen wieder ausfallen, dann merke ich, dass es schon auch sehr nagt irgendwie, also es nervt. Und ich merke, dass ich gerne wieder, wie soll ich sagen, einfach Energie kriegen würde durch das Kulturleben. Und das merke ich einfach, dass das mir schon fehlt."

In der Ruhe liegt die Kraft, sagt der Volksmund. Lässt sich so nicht viel besser arbeiten, ohne Ablenkung, ohne Zeitdruck? Die Kreativitätsforschung sagt, dass aus Langeweile Neues entsteht, weil man freier denkt, die vielbefahrenen Autobahnen des Gehirns auch mal verlässt und querfeldein geht. Walter Benjamin nannte die Langeweile einen "Traumvogel, der das Ei der Erfahrung ausbrütet". Der Philosoph Martin Heidegger hat immer wieder auf die elementare Bedeutung der Langeweile für das menschliche Leben hingewiesen. Aber ist es wirklich so? Braucht es nicht immer die nächste Deadline, das nächste konkrete Projekt, die nächste Ausstellung, den nächsten Wettbewerb, um durch den damit einhergehenden Druck Neues zu schaffen? Um Sammlern und Kuratoren zu zeigen, dass man sich weiterentwickelt und nicht stagniert? Wirkt die aktuelle Reizarmut da nicht eher lähmend?

Für Juliane Schölß gilt beides: Einerseits sei "Ruhe wahnsinnig wohltuend", andererseits sei es lähmend, "wenn es zu viel der Ruhe ist und der äußeren Anreize fehlt". Diese Demotivation kennt auch Martin Wöhrl: "irgendwann merkt man auch gar nicht mehr, das einem etwas fehlt, weil man sich so an diesen Zustand gewöhnt hat und dann kommt man in so eine Trägheit rein."

Das Selbstverständnis hat Schaden genommen

Die Pandemie verlangt gerade allen etwas ab, auf ganz unterschiedliche Weise. Freischaffenden Kreativen aber geht das Virus ans Mark: Die eigene Arbeit vielleicht noch machen, aber niemandem mehr zeigen zu können, kein Forum zu haben, kein Feedback, ist für sie existenzbedrohend – nicht nur finanziell: Es geht auch ums Selbstverständnis.

"Bayern ist ein Rechts-, Kultur- und Sozialstaat". So steht es in der Verfassung des Freistaats geschrieben. Doch vom Kulturstaat Bayern ist in der aktuellen Krise wenig zu spüren. Im ersten Lockdown erwähnte Markus Söder explizit Frisöre und Fußpflegestudios, aber zu Kultureinrichtungen und -schaffenden schwieg er sich wochenlang aus. Zwischenzeitig waren Museen geschlossen, während Baumärkte geöffnet hatten. Jetzt ist die akkurate Länge des Haupthaares wichtiger als der Bildungsauftrag der Museen. Kreative, die sich in ihrem bisherigen Leben von der Gesellschaft geschätzt fühlten, dürften in den letzten Monaten ganz schön auf die Nase gefallen sein: Kunst ist im Kulturstaat Bayern ein Tourismusfaktor, aber die, die sie hervorbringen, sind quasi nicht der Rede wert.

Freie Künstler im Zweifel frei für Familienarbeit

Die Frage nach der Position des Künstlers in der Gesellschaft fängt schon in der privaten Beziehung an. Rätsel: Wenn einer der Partner einen Arbeitsvertrag mit festen Arbeitszeiten und einem festen Einkommen innehat, der andere aber seine Zeit quasi frei einteilen kann und ohnehin nicht weiß, ob und in welchem Maß sich die investierten Arbeitsstunden in Einkommen niederschlagen, wer ist dann in Pandemiezeiten wohl für die Beschulung der Kinder zuständig?

"Das wird gar nicht ausdiskutiert, das ergibt sich einfach automatisch", sagt Martin Wöhrl. "Und ich kann auch jetzt nicht nachmittags kurz herkommen und was machen, sondern ich brauche eigentlich, um wieder was Größeres anzufangen, irgendwie mehr, mehr, mehr Freiraum, mehr Zeit. Ich muss dann wissen, ich habe einfach eine Woche Zeit. Und dann kann man wirklich anfangen, eine Form zu bauen, was zu gießen, irgendetwas größeres wiederherzustellen. Und die Perspektive hat man halt gerade nicht.

Jetzt ist Corona König

Ein bisschen was hat er aber doch gemacht. Rund und spitz zugleich hängt es an der Atelierwand, die Zacken ragen in den Raum hinein: eine Krone aus Bronze. Wie ein Hut am Kleiderhaken lädt sie direkt zum Aufsetzen ein. Die Form ist klassisch, eine König-Ubu-Krone, wie man sie auch Kindern zum Geburtstag bastelt. Das hat etwas Spielerisches und doch: Die Krone bleibt ein Symbol der Macht: Wer die Krone aufhat, hat alles in der Hand. Das Material, die schwere Bronze, lässt aber auch das Gewicht und die Last der Macht deutlich werden.

Eine kleine Arbeit, das Modell aus einem Kunststoff-Wasserrohr ausgesägt und dann zum Bronzegießer geschickt. Ideal für Corona-Zeiten. Ideal und: bezeichnend. Denn natürlich kann man während einer CORONA-Pandemie keine unbelastete KRONE mehr machen. Das Spielerische muss gegen viel Pademielast ankämpfen, Kindergeburtstage gibt es nicht mehr und Macht und Kontrolle haben wir auch abgeben müssen – jetzt ist Corona König und macht die Ansagen.

Kulturhunger im Kunstgottesdienst

Auch Juliane Schölß arbeitet weiter, konnte sogar einige ihrer Arbeiten präsentieren: während eines Kunstgottesdienstes zu Lichtmess. Im kleinen Rahmen mit viel Abstand und doch: Ihre Kunst hat stattgefunden, hat zumindest einige Menschen erreicht.

Man habe wirklich diesen Kulturhunger der Menschen gespürt, sagt Juliane Schölß. "Und ich habe auch gemerkt, wie sehr ich auch hungrig bin. Ich merke schon, dass die Kultur und die Kunst, obwohl sie nicht stattfinden oder kaum stattfinden, wahnsinnig an Stellenwert gewinnen durch dieses Nichtvorhandensein. Und ich weiß nicht, wie ich das genau finden soll, aber ich habe so das Gefühl, dass die Kultur gerade wahnsinnig Energie kriegt, indem sie nicht stattfindet. Ich kann mir gut vorstellen, wenn es dann wieder losgeht, dass da ein unglaublicher Run auf Konzerte und auf Ausstellungen sein wird, weil die Menschen wirklich hungrig sind danach."

Wer Künstler wird, weiß worauf er sich einlässt. Zeiten ohne Einkommen sind eingeplant. Solange man nur irgendwie die Miete zahlen und Material kaufen kann, wird weitergearbeitet. Mit einer gewissen Demotivation zurecht zu kommen, scheint die größere Herausforderung zu sein.

Hier können Sie den Kulturjournal-Beitrag von Julie Metzdorf zur Situation der Bildenden Künstlerinnen nachhören.