Saal 101 Das Dokumentarhörspiel zum NSU-PROZESS

Stand: 24.02.2021

Das ARD-Dokumentarhörspiel zum NSU-Prozess als Radio-Event und Podcast. 6.000 Seiten der ARD-Gerichtsreporter verdichtet - deutsche Abgründe. Alle Infos dazu hier.

Decke des Saal A101 OLG München, Montage | Bild: dpa/Montage: BR Nadja Dall'Armi

Tiefe Einblicke: Deutsche Abgründe

Blick in den Saal 101 im Strafjustizzentrum in den Nymphenburger Straße in München, wo der NSU-Prozess stattfindet. | Bild: picture-alliance/dpa

Es war das bislang größte Verfahren gegen Rechtsterrorismus in Deutschland: Zehn Morde, zwei Bombenanschläge und 15 Raubüberfälle wurden vom Nationalsozialistischen Untergrund (NSU) verübt. Der NSU-Prozess fand von Mai 2013 bis Juni 2018 am Oberlandesgericht München statt. Ort des Geschehens war der Saal A101.


Saal 101 - Zwölf Stunden Dokumentarhörspiel zu fünf Jahren NSU-Prozess

Das Dokumentarhörspiel Saal 101 lässt den NSU-Prozess lebendig werden. 6000 Seiten Protokolle und Notizen der ARD-Gerichtsreporter, verdichtet zu einem differenzierten Bild des NSU-Prozesses jenseits der Schlagzeilen. Saal 101 lässt die vielseitigen Zeugenbefragungen miterleben und gibt tiefe Einblicke in deutsche Abgründe. Mit jeder Folge entsteht ein Bild zum NSU-Komplex im Kopf – mosaikartig und eindringlich.

Der NSU-Komplex: Seine beklemmenden Fragestellungen

Die Sozialisation und Radikalisierung der Täter während der Nachwendezeit, das Leben des Trios im Untergrund, die rechten Netzwerke und die Unterstützerszene, Beate Zschäpes Verteidigungsstrategien, die Rolle des Verfassungsschutzes, die Ermittlungspannen, die Hoffnung der Opferangehörigen auf Aufarbeitung und Aufklärung durch den Prozess und ihre Enttäuschung - mosaikartig setzt sich in "Saal 101" Folge um Folge ein beklemmendes Gesamtbild zusammen.

Wie konnte der NSU unentdeckt zehn Menschen ermorden, 15 Raubüberfälle begehen und zwei Bombenanschläge verüben? Wer unterstützte Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe im Untergrund? Und welche Rolle spielte der Verfassungsschutz?

Viele Fragen sind in dem fünf Jahre dauernden NSU-Prozess behandelt worden – einige blieben ungeklärt. Wie ihnen im Gericht nachgegangen wurde, schrieben die Gerichtsreporter mit. Knapp 6000 Seiten landeten nach dem Prozess in den ARD-Archiven - Protokolle zu Zeugenaussagen, handschriftlich notierte Eindrücke aus dem Gerichtssaal, die Tagebücher der Reporter. Die Mitschriften der 438 Verhandlungstage sind ein einzigartiges Stück deutscher Zeitgeschichte - Prozess-Mitschnitte in Ton oder Bild existieren nicht.

Das Dokumentarhörspiel Saal 101 verdichtet erstmals die entscheidenden Themenkomplexe des NSU-Prozesses - in 24 Folgen.


Die Autor:innen der Mitschriften aus dem Prozess: Christoph Arnowski, Tim Aßmann, Mira-Catherine Barthelmann, Oliver Bendixen, Heike Borufka, Frank Bräutigam, Gunnar Breske, Rolf Clement, Gigi Deppe, Eva Frisch, Marcel Fürstenau, Sebastian Hesse, Paul-Elmar Jöris, Ludwig Kendzia, Ina Krauß, Jana Lange, Thies Marsen, Alf Meier, Hans Pfeifer, Eckhart Querner, Matthias Reiche, Holger Schmidt, Stefan Schölermann, Ayca Tolun, Wolfgang Vichtl, Julian von Löwis of Menar, Lisa Weiß

Man denkt, dass man beobachtet wird: Die Opfer des NSU und ihre Familien

"Frau Zschäpe, können Sie einschlafen, wenn Sie den Kopf auf das Kissen legen? Ich kann selbst nach 11 Jahren nicht einschlafen, denn ich vermisse meinen Sohn so sehr." (Ayse Yozgat, Saal 101, Teil 24)

"Mein Vater wurde kaltblütig und brutal ermordet, von Menschen, die ihre eigene Unfähigkeit, dem Leben etwas Positives abzugewinnen, auf andere übertragen. Mein geliebter Vater wurde bei Tageslicht ermordet, von Menschen mit Minderwertigkeitskomplexen." (T. Özüdogru, Saal 101, Teil 24)

"Es wäre mir lieber, dass ich tot wäre und meine Kinder ohne Schaden. Man denkt, dass man bis heute beobachtet wird. Mit welchen Leuten habe ich es zu tun? Rechtsradikale? Unterstützer? Ich habe mir den Kopf zerbrochen. Millionen Szenarien mir vorgestellt. Man muss selber ein Ausländer sein, um das verstehen zu können." (Mutter eines Opfers des Sprengstoffanschlags in der Probsteigasse Köln, Saal 101, Teil 5)

Die Opfer des NSU

ENVER ŞIMŞEK - ABDURRAHIM ÖZÜDOĞRU - SÜLEYMAN TAŞKÖPRÜ - HABIL KILIC - MEHMET TURGUT - ISMAIL YAŞAR - THEODOROS BOULGARIDES - MEHMET KUBAŞİK - HALIT YOZGAT - MICHÈLE KIESEWETTER 

Im Video: Schauspielerin Bibiana Beglau zu "Saal 101"

Die Aufgabe: Was kann ein Dokumentarhörspiel leisten?

"Ein Bild, das sich mir eingestellt hat: Wir haben es mit einem großen Puzzle zu tun, aber es sind Teile drin, die gar nicht reinpassen. Teile drin, die zwar von der Form passen, aber kein Bild haben. Und längst nicht alle Teile sind vorhanden. Den Fokus auf einen komplett vorhandenen Teilausschnitt zu legen, ist genauso wichtig wie der Fokus auf die Leerstellen." (Ulrich Lampen, Regisseur)

"Der NSU-Prozess ist ein Gradmesser, wie sich unsere Demokratie gegen Rechtsterrorismus zur Wehr setzen kann. Und unser Dokumentarhörspiel verstehe ich als ein Informationsangebot an Hörer:innen, die nachvollziehen möchten, was in diesem Prozess eigentlich genau verhandelt wurde. Wichtig war uns, das Material für sich sprechen zu lassen und es nicht permanent einzuordnen. Die Mitschriften haben per se schon eine sehr dramatische Qualität, besonders die Zeugenbefragungen.“ (Katarina Agathos, Redakteurin)

Wie macht man aus 6000 Seiten ein Dokumentarhörspiel? Antworten und Einblicke in das Making-of finden Sie im Werkstattgespräch mit Ulrich Lampen, Katarina Agathos, Katja Huber und Julian Doepp - jetzt hier in das Werkstattgespräch zu Saal 101 reinhören.

Radiomoderator, Musiker und Aktivist Der Podcast-Host David Mayonga

Ich bin neben meiner Arbeit als Radiomoderator auch Musiker und Buchautor. In beiden kreativen Arbeitsfeldern spielt die Auseinandersetzung mit rassistischer Diskriminierung immer ein große Rolle, weil ich selbst als Afro-Bajuware, meine selbst gewählte Eigenbezeichnung, zwar hier geboren und aufgewachsen bin, aber dennoch ein Leben lang mit Vorurteilen und Diskriminierung konfrontiert werde. Deshalb ist mir auch so wichtig an diesem Projekt beteiligt zu sein, da ich der Meinung bin, es veranschaulicht ganz deutlich die Gefahr die von rechten Netzwerken ausgeht. Das Dokumentarhörspiel macht sichtbar, dass die gefährlichsten Merkmale eines rassistischen Mörders nicht äußerlich zu suchen sind, sondern in der menschenverachtenden Gesinnung und der Vernetzung dieser Gesinnungsträger liegt."  (David Mayonga, Podcast-Host)

Einblicke in die Produktion: Katja Bürkle, Martina Gedeck, Bibiana Beglau, Michael Rotschopf u.a.

Rechter Terror: BR-Reportagen und Dokus


Begleitend zum Dokumentarhörspiel "Saal 101" geht das radioFeature dem Thema Rechtsterror in Deutschland in vertiefenden Reportagen nach - und nimmt dabei die Sicht der Betroffenen in den Fokus. Denn die NSU-Mordserie ist kein Einzelfall: Häufig wurde der rechte Hintergrund der Taten in den Ermittlungen übersehen, ausgeblendet oder wegdiskutiert. Häufig werden die Täter zu irren Einzelgängern erklärt – die Suche nach weiteren rechtsextremen Aktivisten dahinter scheint schwerzufallen. Der Podcast "Rechter Terror" geht der Spur des Hasses nach, beginnend beim Oktoberfestattentat - alle Folgen von "Rechter Terror" hören Sie hier.

Mehr Einblicke in den NSU-Prozess erhalten Sie auch in anderen Formaten: Die Protokolle des zweiten Prozessjahres verfilmte der BR gemeinsam mit der SZ - die Story "NSU-Protokolle" in Kurzfilmen. Das Leben vieler Prozessbeteiligten veränderte sich nachhaltig - wer warum dabei war, können Sie in einer BR-Interviewreihe sehen.

Bayern spielte und spielt eine Schlüsselrolle im NSU-Komplex - im Februar 2021 wurde beschlossen, dass die NSU-Akten doch nicht gelöscht werden sollen. Auch ein erneuter NSU-Untersuchungsausschuss wird nicht ausgeschlossen. Bis heute gibt es Zweifel an der Version, dass der Nationalsozialistische Untergrund nur aus Böhnhardt/Mundlos und Zschäpe bestand. Planet Wissen geht diesen Zweifeln nach.

Das NSU-Hörspiel: Alle 24 Folgen hier anhören.

#1 Die Mitschriften | ARD-Reporter über Ablauf und Stimmung des ersten Verhandlungstags  – und ihr teils bitteres Fazit nach Prozessende

#2 Beweisaufnahme: Das Auffliegen des NSU | Das letzte Wohnmobil, Beate Zschäpes Brandstiftung und Flucht

#3 Beweisaufnahme: Die NSU Morde 2000-2001| Ermittler und Angehörige sagen zu den Morden an Enver Şimşek, Abdurrahim Özüdoğru, Süleyman Taşköprü und Habil Kılıç aus

#4 Beweisaufnahme: Mitangeklagter Carsten S. | Wie der Szene-Aussteiger vor Gericht aussagt und sich bei den Opfern entschuldigt

# 5 Beweisaufnahme: NSU-Sprengstoffanschlag Probsteigasse, Köln | Eine lebensgefährlich verletzte junge Frau, die erst aus dem Bekennervideo erfuhr, wer die Täter waren

#6 Beweisaufnahme: Sprengstoffanschlag in der Keupstraße | Zwei unmaskierte Männer auf Rädern in Tatortnähe auf einem Überwachungsvideo: die Täter

#7 Beweisaufnahme: Jugend in Jena-Winzerla | Die Eltern von Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos im Zeugenstand

#8 Beweisaufnahme: Thüringer Heimatschutz | Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe radikalisieren sich

#9 Beweisaufnahme: Der Weg in den Untergrund | Bombenattrappen, Garagendurchsuchung. Wie das Trio abtauchte

#10 Beweisaufnahme: Das Trio im Untergrund ab Januar 1998 | Die rechte Szene wusste über den Aufenthaltsort Bescheid

#11 Beweisaufnahme: Verfassungsschutz und der NSU | Verfassungsschützer und V-Männer zeigen ein erschreckendes Bild ihrer Arbeit

#12 Beweisaufnahme: Die NSU Morde 2004-2005 | Die Morde an Mehmet Turgut, İsmail Yaşar und Theodoros Boulgarides. Beim Mordfall Yaşar wird eine eklatante Ermittlungslücke deutlich.

#13 Beweisaufnahme zum Camping-Urlaub in Fehmarn | War Beate Zschäpe gleichberechtigtes Mitglied im NSU oder spielte sie eine untergeordnete Rolle?

#14 Beweisaufnahme: Die NSU Morde 2006-2007 | Die Morde an Mehmet Kubaşik, Halit Yozgat und Michèle Kiesewetter. Gamze Kubaşik schildert, wie ihre Familie von der Polizei verdächtigt wurde.

# 15 Beweisaufnahme: V-Mann-Führer Andreas Temme | In der Beweisaufnahme zum Mord an Halit Yozgat macht sich ein Zeuge aus dem Verfassungsschutz selbst verdächtig.

#16 Beweisaufnahme: Netzwerke und Unterstützer | Wann hat der Verfassungsschutz von der Existenz einer Terrorgruppe namens NSU erfahren?

# 17 Beweisaufnahme: Das Trio im Untergrund, Zwickau | Wie sich das Trio im Untergrund tarnte

# 18 Beweisaufnahme: Mitangeklagter André Eminger | Der vielleicht "vierte Mann" des NSU versucht, seine Rolle herunterzuspielen

# 19 Beweisaufnahme: Ausspähungen | Karten, Telefonbücher, Notizen - unklar bleibt, wie der NSU seine Opfer und Anschlagsziele auswählte

#20 Beweisaufnahme: Das Bekennervideo | Geklärt werden soll, ob Beate Zschäpe an der Erstellung beteiligt war.

# 21 Beweisaufnahme: Hauptangeklagte Beate Zschäpe | Die Verlesung ihrer Erklärung - nach zwei Jahren Schweigen für viele purer Hohn

# 22 Beweisaufnahme: Mitangeklagter Holger Gerlach | War er Mitläufer oder Mittäter?

# 23 Beweisaufnahme: Mitangeklagter Ralf Wohlleben | Offene Nazipropaganda vor Gericht

# 24 Plädoyers und Urteil | Politische und gesellschaftliche Relevanz des Prozesses und Resümees von Opferangehörigen

Das war die ARD Radio Kulturnacht: Saal 101 in den Kultur- und Informationsradios der ARD

Das große Saal101-Radio-Event lief auf Bayern 2 und in den Kultur- und Informationsradios von NDR, WDR, SWR, RBB, HR, MDR, SR und Deutschlandfunk am Freitag, 19. Februar 2021 und am Samstag,
Samstag, 20. Februar 2021, jeweils von 20.05 Uhr bis 2.00 Uhr.

"Saal 101 ist somit nicht nur ein Zeugnis der Zeitgeschichte, sondern belegt auch die Möglichkeiten, die das öffentlich-rechtliche Kulturradio beispielhaft nutzt.“ (Tim Schleider, Feuilletonchef der Stuttgarter Zeitung)

Alle Infos zu Saal 101: Schauspieler:innen, Beratung und Regie

Mit den Sprecher:innen Bibiana Beglau, Katja Bürkle, Florian Fischer, Martina Gedeck, Gonca de Haas, Ercan Karacayli, Barbara Nüsse, Gabriel Raab, Michael Rotschopf, Thomas Schmauser, Thomas Thieme, Kathrin von Steinburg Auswahl und Bearbeitung der Mitschriften: Katarina Agathos, Julian Doepp, Katja Huber, Ulrich Lampen; Beratung: Tim Aßmann, Ina Krauß, Holger Schmidt
Komposition: Jakob Diehl und Sven Pollkötter (Taumel) Ton und Technik: Susanne Herzig, Marcus Huber, Josuel Theegarten und Gerhard Wicho Regie: Ulrich Lampen Regieassistenz: Stefanie Ramb
Redaktion: Katarina Agathos, Katja Huber; Besetzung: Andrea Fenzl „Insan Insan“ von Muhyiddin Abdal aus dem Türkischen von Christoph K. Neumann Produktion: Bayerischer Rundfunk für die Hörspielabteilungen der ARD und Deutschlandfunk 2015-2021

Saal 101 ist auch erhältlich als 12-CD-Edition im Hörverlag (randomHouse).

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