Ronja von Rönne: "Ende in Sicht" "Eine Depression ist ja eigentlich auch wirklich albern"

Ronja von Rönne leidet unter Depressionen. Die Schriftstellerin, Journalistin und Moderatorin hat darüber jetzt den Roman "Ende in Sicht" geschrieben – der streckenweise sogar lustig ist. Im Interview erzählt sie, warum das wichtig ist.

Von: Andrea Mühlberger

Stand: 14.01.2022

Ronja von Rönne mit Vogel | Bild: Carolin Saage

Über Depressionen nicht zu sprechen, hält die Autorin Ronja von Rönne für grundfalsch. Gerade ist ihr neuer Roman "Ende in Sicht" erschienen. Darin verpackt sie das schwierige Thema in einen humorvollen, pop-kulturellen Road-Trip: Es geht um zwei Frauen mit recht unterschiedlichen depressiven Störungen – und kaum ist das Buch auf dem Markt, wird in den Feuilletons und Social-Kanälen auch schon breit über Depressionen diskutiert.

Andrea Mühlberger: Frau von Rönne, ist es das, was Sie erreichen wollen mit ihrem Roman "Ende in Sicht": Mehr Öffentlichkeit für ein Thema, von dem immer mehr Menschen und Sie selbst ja auch betroffen sind?

Ronja von Rönne: Nein, eigentlich gar nicht. Ich freue mich, wenn darüber diskutiert wird. Aber das ist eigentlich mehr ein willkommener Nebeneffekt. Als ich das Buch geschrieben habe, war das jetzt nicht so sehr eine diplomatische Herangehensweise, um mehr Aufmerksamkeit auf das Thema zu lenken. Das war deutlich banaler. Ich wollte einfach über zwei Personen schreiben, die sehr unterschiedlich mit dem Leben hadern. Und dann war das wie ein Selbstläufer, dass dieses Thema Depression quasi vordergründig wurde.

Um ihre Geschichte ins Rollen zu bringen, schicken sie diese beiden hadernden Frauen ausgerechnet auf einen Road-Trip: eine 15jährige Schülerin und eine 69jährige Frau, die mal erfolgreiche Schlagersängerin war – und beide wollen sich umbringen. Warum sind die beiden denn so lebensmüde?

Das ist bei beiden unterschiedlich: Hella, meine ältere Heldin, hat sich so ein bisschen selbst in die Einsamkeit manövriert. Die ehemalige Schlagersängerin sitzt jetzt eigentlich hauptsächlich in ihrer Wohnung und ist damit beschäftigt, zu warten, bis alles aufhört. Im Grunde ist das selbstgemachtes Unglück bei ihr. Aber bei Juli verhält sich das Ganze etwas anders: Sie ist 15 und leidet unter Depressionen. Bei ihr wollte ich so ein bisschen abbilden die Wahllosigkeit der Depression, ihre Grausamkeit, die so jeden treffen kann. Man braucht keinen Grund dafür. Und deswegen würde ich sagen: Bei Juli ja, wahrscheinlich wirklich depressive Dinger. Allerdings ist weiß man bei 15jährigen ja auch nicht so recht: Ist es Teenager-Angst? Denn das ist ja auch normal in dem Alter, der Weltschmerz, den man empfindet. Aber bei ihr ist es doch etwas pathologischer. Müsste mal ein Therapeut lesen, das Ganze. Würde mich interessieren…

Ich finde, Ihr Buch wagt sich vor allem mit ziemlich viel Humor an das Thema heran. Ist das denn in Ordnung bei einer Krankheit, die vielen ja auch sehr zusetzt? Allein schon, wie das Schicksal die beiden Frauen gleich am Anfang zusammenführt: Die Schülerin Juli stürzt sich von einer Autobahnbrücke und fällt Hella praktisch vor die Füße, vor ihr Auto. Das ist ein ziemlich schräger Auftakt für einen Roman zum Thema Depression.

Da haben Sie auch ziemlich recht. Ich glaube aber, gerade bei Themen, bei denen man nichts zu lachen hat, muss man selbst dafür sorgen, dass man irgendwie was zu lachen findet. Was man aber natürlich durchaus darf, und – wenn man will – auch machen muss, ist, sich über eigene Fehlbarkeiten oder auch so was Schlimmes wie Depressionen lustig zu machen. Was man aber nicht machen sollte, ist, sich über Depressive lustig zu machen. Das ist ein sehr, sehr feiner, aber wichtiger Unterschied! Für mich ist Humor so etwas wie ein Selbstermächtigungswerkzeug: In dem Moment, in dem ich über etwas lachen kann, was mir passiert, selbst wenn es tragisch ist, habe ich so ein bisschen Macht wiederbekommen über meine Geschichte. Und die Art, wie ich sie erzähle, bedeutet ja auch irgendwie, wie ich sie empfinde. Humor ist einfach ein Werkzeug, das sehr, sehr, sehr vielen Menschen schon geholfen hat in Situationen, in denen es eigentlich nichts zu lachen gibt. Und natürlich ist es ein Risiko. Aber die Depression ist ja eigentlich auch wirklich albern! Auf einmal hat man Gedanken und dann glaubt man: Ich kann nicht duschen, ich kann nicht aufstehen. Klar darf man sich darüber lustig machen! Wenn einem das hilft, darf man alles!

Ich stelle mir das auch überhaupt nicht einfach vor, über Depression zu schreiben – vor allem, wenn man ja auch, wie sie selber, darunter leidet. Wie ist es Ihnen denn eigentlich beim Schreiben ergangen?

Ja, ich glaube, man muss ein bisschen aufpassen und den Künstlermythos der Depression etwas entzaubern, denn mehr als alles andere ist die Depression eben keine Muse, bei der man irgendwie die Tiefe des Lebens besser empfindet, sondern einfach eine Behinderung.

Sie schreiben ja auch im Nachwort zu Ihrem Buch, dass sie Ihren Roman nicht wegen oder dank Ihrer Depression geschrieben haben, sondern trotz Ihrer Depression.

Ja, ich wäre deutlich schneller fertig gewesen, jetzt hat es fünf Jahre gebraucht, sonst wären es vielleicht zwei gewesen.

Trotzdem: Fürchten Sie nicht auch wieder so ein bisschen in die Ecke der Provokateurin gedrängt zu werden, wenn Sie sagen: "Man darf sich über Depressionen lustig machen, aber nicht über Depressive"?

Nein! Also wenn das jemand anstößig findet, dann muss er wirklich auf Eierschalen durch die Welt marschieren. Ich glaube, gerade jemand, der betroffen ist, hat mehr als jedes Recht, so über Depressionen zu schreiben oder zu sprechen mit seinen Mitmenschen, wie er möchte. Es ist auch wirklich nicht provokativ gemeint. Ich finde auch Provokation um der Provokation halber eigentlich was ziemlich Langweiliges. Ich verfolge ja auch einen Sinn, wenn ich das so baue. Und gerade in diesen Extremsituationen aufeinander zu finden, eröffnet für die beiden Figuren ganz andere Handlungsspielräume als wenn sie sich jetzt im Edeka an der Wursttheke treffen. Wenn sie sich in Extremsituationen begegnen – dann ist eine Geschichte! Und man darf auch nicht vergessen: Das ist kein autobiografisches Buch. Die beiden sind erfunden. Es gibt sie nicht wirklich, auch wenn ich mich sehr viel über sie geärgert habe, als wären sie echte Figuren.

Das Buch enthält am Ende keine Trigger-Warnung, aber einen Kontakt, an den man sich wenden kann, wenn es einem schlecht geht. Ich finde, nach der Lektüre geht es einem eher besser. Totzdem frage ich mich: Hilft der Roman – oder empört er?

Ich glaube: Weder noch, das ist auch gar nicht seine Aufgabe. Es ist ein Buch. Und im besten Fall fühlt man sich dadurch unterhalten an manchen Stellen, oder frustiert oder getröstet vom Verhalten der beiden Heldinnen. Aber mehr ist es nicht. Es ist einfach Belletristik. Und ich bin schon froh, wenn es einfach gerne gelesen wird. Denn das sind ja schon auch zwei tragische Heldinnen! Die kriegen ja auch nicht alles so auf die Kette – und das darf auch einfach nur lustig sein. Es ist auch kein Sachbuch über Depression. Man geht mit zweien auf die Reise, die nicht mehr wissen, warum oder wie es weitergehen kann. Und man schaut ihnen dabei zu, wie sie stückchenweise entdecken, was das Leben vielleicht doch ein bisschen lebenswert macht. Es wäre zu platt, wenn am Ende alles gut wäre. Denn die Depression lässt sich nicht durch einen Roadtrip wegtherapieren. Aber so ein bisschen das Funkelnde wiederzufinden im Leben, das ist das, worum sich das Buch in meinen Augen dreht.   

Ronja von Rönne: "Ende in Sicht" ist bei dtv erschienen, 256 Seiten, 22 Euro.

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