Meinung Mit der Clubkultur haben wir viel zu verlieren

Statt den exzessiven Partybetrieb im Freien mit anzusehen, sollte die Politik den Clubs und Konzerthallen mit Angeboten für einen kontrollierten Exzess entgegenkommen - und damit ein wichtiges Kulturgut retten: die Clubszene.

Von: Max Büch

Stand: 13.07.2020 | Archiv

"Ohne uns ist's still" – Aktion des Verband der Münchener Kulturveranstalter (VDMK) | Bild: Severin Schweiger

"Corona ist in der Hasenheide eigentlich schon seit März kein Ding", sagt einer von etwa 400 bis 500 Feiernden auf einem illegalen Rave in dem Berliner Volkspark Hasenheide. Kein Abstand, keine Masken – kein Corona?

Illegale Raves sprießen nicht nur in Berlin aus dem Boden: In München sind die Isarauen voll wie nie, in Regensburg sind die öffentlichen Parks und Plätze prall gefüllt und in Großbritannien feiern Open-Air-Raves ein großes Revival: Wenn die Clubs geschlossen sind, suchen sich Menschen Alternativen, um zusammen zu kommen und zu tanzen - nachdem alle monatelang auf Parties verzichten mussten und nun das Gefühl vorherrscht, dringend etwas nachholen zu müssen.

Natürlich kann man diese Leichtsinnigkeit und die mangelnde Solidarität gegenüber der Allgemeinheit verurteilen. Man kann dagegen vorgehen und die Regelbrecher bestrafen. Aber man wird eines nicht ändern können: Menschen wollen feiern, Menschen wollen tanzen - Corona hin oder her.

"Sie können ja zu Hause mit Ihrer Partnerin tanzen."

Als Markus Söder vergangene Woche den Partnertanz zuhause nahelegte, offenbarte er damit seine haarsträubende Naivität gegenüber der Clubkultur in Deutschland: "Sie können ja zum Beispiel zu Hause mit ihrer Partnerin tanzen." Diese Ignoranz, die die Augen vor der Realität völlig verschließt, ist hierzulande noch immer schockierend weitläufig verbreitet - selbst innerhalb der Kulturszene, die für sich sonst ja behauptet, für alles offen zu sein. Eine Ausnahme bildet die Berliner Kulturpolitik - hier ist die Partyszene allerdings auch ein wichtiger Wirtschaftsfaktor.

Clubs sind nicht irgendwelche stickigen Kellerlöcher, in denen "die Jugend" sich zuballert und zu lauter Musik abgeht. Zugegeben, auch das passiert, wie bei jedem Volksfest halt. Clubs sind aber auch Freiräume, Rückzugsorte, Treffpunkte: Wo die Menschen in einem Ausmaß frei sein dürfen wie an kaum einem anderen Ort. Wo sie auf Gleichgesinnte treffen und sich austauschen können. Wo sie Körperbilder und sexuelle Orientierungen ausprobieren können. Und wo sie für ein paar Stunden ihrer - seien wir mal ehrlich - oftmals niederschmetternden Zukunftsperspektive zwischen Klimawandel, Umweltverschmutzung und Turbokapitalismus entfliehen können.

Deutsches Kulturerbe: Clubkultur

Clubs sind aber vor allem Kulturorte, wo Menschen hingehen, um zu tanzen und Musik zu genießen. Allein in der elektronischen Sparte mit ihrer enormen stilistischen Vielfalt: vom klassischen House oder Techno für den Tanzmarathon, über spielerische Genre-Mischungen wie Cumbia Digital und Baile Funk oder auch Downtempo und Ambient für all jene, die den Kopf beim Tanzen anlassen. Für junge Menschen sind Clubs, neben Festivals und Konzerthallen, mit Abstand die präferierten Kulturorte. Man muss die Musikauswahl weder mögen noch nachvollziehen können. Wer aber ignoriert, dass die große Masse von jungen Menschen dort kulturell verankert ist, vertut Chancen und verhält sich wie Adorno zu Jazz: je größer die Unkenntnis, desto strenger das Abkanzeln.

Gerade die hiesige Clubkultur ist nicht nur in Europa, sondern weltweit einzigartig. Natürlich allem voran das Club-Mekka Berlin, aber auch Frankfurt, Hamburg und München bieten etwas, das es so kaum woanders gibt: eine demokratisch gestützte und gesicherte Feierkultur, die sehr offen, divers und liberal, kulturell vielfältig und noch immer tonangebend ist - und zu Konditionen stattfindet, die quer durch alle Bevölkerungsschichten bezahlbar sind und daraus keine exklusive Angelegenheit einer wohlhabenden bis reichen Oberschicht macht. Auch im Vergleich zu anderen Bereichen ist die Partycrowd egalitärer als irgendein Publikum einer Kulturveranstaltung.

Lieber kontrollierten Exzess als den exzessiven Kontrollverlust

Der Stuttgarter Technoclubbetreiber Sebastian Simon hat kürzlich auf eigene Initiative ein Konzept für die schrittweise Öffnung von Clubs vorlegt, das eine "Handreichung an die Politik sein" und einen verantwortungsvollen Umgang mittels Kontaktnachverfolgung sicherstellen soll. Und auch in München haben 100 Kulturveranstalter*innen mit der Aktion "Ohne uns ist's still" im Muffatwerk (Titelbild) Forderungen an die Politik gestellt: u.a. mehr Unterstützung bei Genehmigungen improvisierter Spielstätten, die Möglichkeit, Räume umzunutzen, Vertrauen in die Hygienekonzepte der Clubs und eine Kooperation der Stadt mit der Clubszene.

Die Politik sollte solche Initiativen nicht nur mit Handkuss entgegennehmen. Sie und ihre Verwaltungen sollten noch einen Schritt weitergehen, selbst aktiv werden und wie in München, neben dem Olympiapark, auch andere Orte wie die Theresienwiese für eine gemeinsame Bespielung mit Clubs und Konzertveranstalter*innen prüfen. Damit ließe sich das gemeinschaftliche Tanzen im Freien in möglichst geregelte Bahnen lenken. Das würde den Tanzwütigen ein Ventil geben und den Clubs und Veranstalter*innen dringend benötigte Einnahmen generieren. Lieber mit den Clubs und Konzerthallen als kompetente Institutionen einen kontrollierten Exzess ermöglichen, als den immer exzessiveren Kontrollverlust im Freien nicht verhindern zu können.

Die Menschen lassen sich nicht vom Feiern und Tanzen abhalten. Denn wie hat die große Tanz-Ikone Pina Bausch so treffend gesagt: "Tanzt, tanzt, sonst sind wir verloren."Und wir haben mit der Clubkultur viel zu verlieren.