Hörspiel "bin pleite ohne mich" "Privatinsolvenz ist wie ein Trauerprozess"

Teufelskreis Privatinsolvenz: Oft folgt dem finanziellen der persönliche Bankrott. Wer seine Schulden nicht mehr zahlen kann, gilt in der Gesellschaft als gescheitert. Warum? Eine Annäherung im Hörspiel "bin pleite ohne mich".

Stand: 16.09.2021

Porträt Autorin Gesche Piening | Bild: Marcus Gruber

"Privatinsolvenz anzumelden, das ist mit einem Trauerprozess vergleichbar", sagt Gesche Piening, Autorin und Regisseurin. Ihr Hörspiel "bin pleite ohne mich" thematisiert, wie unterschiedlich Menschen damit umgehen, wenn sie zahlungsunfähig werden. Es forscht nach den Schwierigkeiten, sich zunächst selbst den Moment der Privatinsolvenz einzugestehen und dann mit anderen darüber sprechen.

"Da entstehen, wie bei der Trauer auch, heftige Aggression und Autoaggression. Gleichzeitig verändert sich für das Umfeld ja auch wahnsinnig viel", sagt Piening. Neben der schwierigen psychischen Aufarbeitung zeigten sich bei vielen Betroffenen auch somatische Beschwerden.

Das ewige Selbstgespräch über die Privatinsolvenz

Gesche Piening sprach für das Hörspiel mit Insolvenzverwaltern, mit Schuldnerberatungen, aber auch mit Ehrenamtlichen, die in die Familien gehen und diese bei praktischen Dingen unterstützen. Dinge wie Anträge ausfüllen oder die notwendigen Unterlagen zusammenzusuchen. Und sie sprach mit Betroffenen, hörte einzelne Geschichten an und versuchte hinter den einzelnen Schicksalen Muster und Zusammenhänge zu erkennen und zu verstehen.

"Ich wünschte mir, was zu verlieren zu haben. Eines Tages. Was zu verlieren zu haben, ich meine materiell, das wäre Glück."

Herr Kant, fiktive Person im Hörspiel bin pleite ohne mich

Im Hörspiel sind die einzelnen Geschichten verdichtet, nicht mehr realen Personen zuzuordnen. Und, es entstanden keine Dialoge: "Es war mir total wichtig, dass alle irgendwie monologisieren. In den Interviews wirkten die Menschen zwar nicht routiniert darin, ihre Geschichte anderen zu erzählen. Aber es wirkte so, als wären sie routiniert darin, ein ewiges Selbstgespräch zu führen."

Nach der Insolvenz beginnt der psychologische Kampf

Frappierend war für Piening die Ungleichheit, mit der Menschen aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Schichten, das Schicksal der Privatinsolvenz traf. "Jemand, der sehr viel verloren hat und Zugang hat zu therapeutischen Aufarbeitungsmöglichkeiten, der macht meist erst diese ganze organisatorische finanzielle Insolvenz durch. Und dann geht der ganze Prozess oft noch mal psychisch los", so Piening.

"In anderen gesellschaftlichen Sphären, in denen es aber gar nicht so auffällt, dass jemand jetzt insolvent ist, weil er schon vorher fast nichts hatte, kommt das Psychische dann häufig einen Tick später." Wer weniger hatte, was veräußert werden kann, müsse erstmal einfach weiterarbeiten und funktionieren. Über die Insolvenz zu sprechen, etwas aufzuarbeiten, sei da oft nicht drin. Psychische und körperliche Beschwerden folgten dennoch oft und seien vielleicht nicht mehr so klar zuzuordnen.

"Diese Geschichte, meine Geschichte, ohne guten Ausgang, wurde mir nie erzählt. Für mein Versagen gibt es keine Vorbilder. Kann mich nur schwer orientieren. Bin hilflos. Habe ich noch eine Zukunft? Wenn ich es schaffe, vor der nächsten Autobahnausfahrt von niemanden überholt zu werden, dann geht‘s weiter. Dann kriege ich die Kurve. Dann finde ich einen Job. Ich fahre. Fahre um mein Leben. Riskiere es. Das schafft mir eine gewisse Beruhigung."

Frau Hübner, fiktive Person im Hörspiel bin pleite ohne mich

Einige ihrer Gesprächspartner hätten ihr glaubhaft versichert, dass das Umfeld kaum etwas mitbekommen habe von der Insolvenz. Nach und nach stellte sich für Piening aber heraus, dass manche der Betroffenen schon so lange in derart prekären Situationen lebten, dass sie gar kein stabiles Umfeld (mehr) hatten.

Über das Scheitern wird geschwiegen

In unserer Gesellschaft sei es üblich, dass man einander Geschichten vom eigenen Erfolg erzählt, so Piening. Einige der Insolventen könnten nach einiger Zeit auch daran wieder anknüpfen, "Resilienz zeigen", "Ressourcen anzapfen". Bis zu vier Stunden konnten manche Menschen in einem Gespräch über ihre Erfahrungen berichten, und wie sie sich aus dem Scheitern wieder emporgearbeitet hätten - das habe allerdings am ehesten für die Unternehmer gegolten, die nach der Insolvenz wieder ein neues Business auf die Beine stellten.

"Wir zahlen ein Leben lang auf Perfektion ein. Perfektion macht uns einfach auch kulturell aus, weil wir hier in diesem Land Perfektion besser beherrschen als andere, darin liegt ein Teil unserer Identität. Aber zur Perfektion passt kein Scheitern, dazu passen keine Fehler und das hat mich auch so fertig gemacht. Ich, der stolze Unternehmer, der Starke, der Mutige, den nichts so schnell umwerfen kann …"

Herr Schack, fiktive Person im Hörspiel bin pleite ohne mich

"Manche dagegen waren regelrecht verstummt, hatten sich in eine mehr oder minder selbst gewählte Isolation begeben", so Piening. "Und ich habe gemerkt, dass viele gar keine Sprache hatten für Erfolg, für Scheitern. Sie konnten an dieser gesellschaftlichen Erzählung nicht teilhaben - weder vor dem Bankrott, noch danach."

Es mangelt an positiven Erzählungen über das Scheitern

Die gesellschaftliche Erwartung an die Insolventen ist es, schnell wieder zu funktionieren und mit neuen Ideen und voller Energie von vorne zu beginnen", sagt Piening. "Wer diese Erwartung nicht erfüllt, wer nicht resilient genug ist, scheitert in den Augen vieler ein zweites Mal."

Was Piening, quer über alle Gesellschaftsschichten, mitbekam, war, dass sich an das Scheitern oft das Verlassenwerden anschloss. "Man sagt den Leuten, so habe ich dich nicht kennengelernt, jetzt will ich nicht mehr mit dir zusammenleben", sagte sie. "Die Geschichte von denen, die gescheitert und liebevoll aufgefangen werden, ist einfach nicht die vorherrschende Erzählung unserer Zeit.“

"Ich schaue in den Spiegel. Was sehe ich? Von außen betrachtet einen Menschen wie jeden anderen. Etwas überdurchschnittlich müde vielleicht. Keine Sorge, von außen sieht man es dir nicht an. Aber deine Stimme verrät dich früher oder später. Besser du flennst allein als in Gesellschaft."

Herr Rissler, fiktive Person im Hörspiel bin pleite ohne mich

Diese anderen, nicht laut erzählten Geschichten von Betroffenen bringt das Hörspiel mit den Geschichten von Wieder-Aufstehen und Resilienz zusammen, auf einfühlsame und ebenso analytische Weise.