Paywalls in der Kultur Wer ist bereit, für Online-Kultur zu zahlen?

Viele Kulturveranstalter bieten Events gegen Geld an – zum Streamen hinter einer Paywall. Obwohl einige Kulturfans das Angebot nutzen, machen selbst kommerzielle Veranstalter damit Verlust.

Von: Xaver Scheffer

Stand: 19.02.2021

Szenefoto mit Juliane Köhler | Bild: Adrienne Meister

Das Münchner Residenztheater lässt seinen Online-Besuchern die Wahl: 0€, 5€, 10€, 25€, 50€ oder 100€ für ein Ticket. Der Stream und die Sicht auf die Bühne sind für alle die gleichen, die Entscheidung fällt dennoch unterschiedlich aus: Die allermeisten User umgehen die Paywall (also die Bezahlschranke, um Zugang zu Online-Inhalten zu bekommen) und wählen das "Nuller"-Ticket, wie Residenztheater-Pressesprecherin Ingrid Trobitz es nennt. Aber immerhin 3-25 User pro Theater-Stream zahlen auch das "Solidaritätsticket" für 100€. Ähnlich bei den Münchner Kammerspielen: Ein digitales Ticket kostest hier 8 - 80 € ("Zahl, soviel Du willst"). Im Schnitt entscheiden sich die Nutzer für 10 - 12 €, erzählt Vertriebsleiterin Esther Patrocinio. Wie viele Menschen im Schnitt bei den Vorstellungen zuschauen, verraten die beiden Theater aber nicht.

Streams in einem Monat füllen "nicht mal eine Vorstellung"

Konkreter wird da das Staatstheater Augsburg. Laut Kommunikations-Leiterin Viviane Schickentanz verkauft es monatlich pro Vorstellung etwa 50 - 100 Tickets für den Einheitspreis von 6,90 €. Das Staatstheater Augsburg, das derzeit saniert wird, hat zwei Interimsspielstätten. In beiden Sälen finden normalerweise gut 200 bzw. 600 Menschen Platz. "Wir haben nicht mal eine Vorstellung damit gefüllt", gibt Schickentanz vom Staatstheater Augsburg zu. Dennoch: Das Streaming-Angebot werde insgesamt "sehr gut angenommen".

Bis zu 60.000 Online-Zuschauer bei kostenloser Opern-Premiere

Die Bayerische Staatsoper wiederum bietet schon seit 2011 Livestream-Angebote und hat inzwischen eine treue, internationale Zuschauerschaft. Laut Pressesprecher Christoph Koch verfolgen bis zu 60.000 Menschen die Premierenvorstellungen. Diese Streams sind allerdings kostenlos. Ein kostenpflichtiges Video-on-Demand-Angebot hat die Staatsoper auch erst seit Kurzem – und hier sind es deutlich weniger Zuschauer. "Wir sind da momentan nur bei wenigen dieser On-Demands im vierstelligen Bereich", so Christoph Koch. Man sei hier noch am Anfang, das Publikum brauche eine Gewöhnungsphase.

Gewinn machen mit Online-Streams? Aktuell unrealistisch

Die staatlich finanzierten Theater- und Opernhäuser sind ja generell nicht darauf angewiesen, mit ihrem Ticketverkauf Gewinn zu machen. So betonen etwa die Münchner Kammerspiele jetzt im Lockdown: Bei der Paywall gehe es nicht darum, Einnahmen zu generieren, sondern um eine (auch finanzielle) Wertschätzung für Kultur.

Nicht so entspannt sehen können das kommerzielle Veranstalter, die auf Einnahmen angewiesen sind. Für sie ist der Lockdown potenziell existenzgefährdend, Streaming mit Bezahlschranken notwendig. Auch der Münchner Milla Club, bekannt für Indie-Konzerte, überträgt weiterhin Auftritte. Aktuell zahlen pro Veranstaltung fast immer 100 Leute für ein Streaming-Ticket, teilweise sogar bis zu 300. Damit kann die Milla den Künstlern zumindest eine kleine Gage zahlen, erzählt Tommy Schamann, Booker im Milla-Club. Auf die Frage, ob man mit Online-Kultur Geld verdienen kann, antwortet er aber: "Eher nein."

Paywalls klappen nur bei guter Online-Umsetzung

Fassade Altes Kino Ebersberg | Bild: Altes Kino Ebersberg

Da widerspricht der Geschäftsführer der Kaberettbühne Altes Kino Ebersberg, Markus Bachmeier. Er sagt: "Ich bin einfach der Meinung, man muss es richtig machen.“ Das heißt für ihn, mit guter Kameraführung auf der Bühne und der Einbindung auch von vorproduziertem Material den statischen Livestream aufzulockern. Außerdem wichtig: "Die Paywall muss einfach zu überwinden sein.“ Also kein langwieriges und unübersichtliches Anmelden und Bezahlen.

Was der Geschäftsführer des Alten Kinos Ebersberg aufzählt, haben auch die anderen Kulturveranstalter schon verstanden – und investieren aktuell in Kameraequipment und zum Teil sogar in eigene Video-Streaming- und Bezahlplattformen. Kulturveranstaltungen online dürften in Zukunft also attraktiver und irgendwann vielleicht sogar eine echte Alternative zu Live-Events werden – auch wenn sie sich bisher finanziell für die Veranstalter nicht wirklich lohnen.