Don’t Call Me Kameltreiber, Whitey Warum rassistische Beleidigungen nicht aussterben

Nazis und AfDler gebrauchen sie regelmäßig, aber auch Sportdirektoren und grünen Kanzlerkandidatinnen unterlaufen sie: rassistische Benennungen. Unser Vorschlag: Null Toleranz. Ein Kommentar

Von: Martin Zeyn

Stand: 29.07.2021

 28.07.2021, Japan, Oyama: Radsport: Olympia, Oyama (22,10 km), Männer, Einzelzeitfahren auf dem Fuji International Speedway. Patrick Moster, Sportdirektor vom BDR (Bund Deutscher Radfahrer), steht am Streckenrand neben Azzedine Lagab aus Algerien in Aktion beim Zeitfahren.  | Bild: dpa-Bildfunk/Sebastian Gollnow

Mark Greif ist Autor, weiß, Ivy-League-Absolvent – und unternimmt in seinem Essay "Rappen lernen“ den Versuch, ein Hip-Hopper zu werden. Eine große Schwierigkeit: Das Wort Nigger auszusprechen. “»Nigger«  gehört nun wiederum zu den wenigen Wörtern, die für zeitgenössische Weiße nach wie vor absolut unaussprechlich sind. In gewisser Weise kann man dies durchaus als Sieg des Antirassismus verbuchen." Ganz unaussprechlich ist das Wort leider nicht – so wenig wie andere Beleidigungen und Herabsetzungen. Aber warum? Warum unterläuft es Personen, die alles rassistisches Denken von sich weisen wollen? 

Woher kommst Du? Das kann freundlich oder abwertend sein 

Wörter haben nicht nur eine Bedeutung, sondern auch einen Kontext. Es macht einen Unterschied, wer etwas in welchem Rahmen sagt. Die deutsche Autorin und Politikerin Natasha A. Kelly hasst es, wenn sie auf Englisch gefragt wird, wo die denn eigentlich ursprünglich herkomme. Sie werde, weil Schwarz, nicht als Bürgerin dieses Landes anerkannt. Andererseits erzählt Johny Pitts in seinem Buch "Afropäisch“, dass unter Schwarzen fast immer als erstes gefragt wird, wo man bzw. seine Vorfahren denn herkomme. Im ersten Kontext unterstellt die Frage, dass wer Schwarz ist, unmöglich eine Deutsche sein könne. Im zweiten ist die Frage eine Klärung, zu welcher Gruppe von Migrantinnen man gehört. Das eine grenzt aus, das andere sucht nach Verbindungen.  

Natasha A. Kelly | Bild: BR zum Artikel Rassismus in Deutschland "Mich ärgert die Frage: Gibt es Rassismus?"

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Slaves and Masters 

Manche Wörter haben Janusgesichter. Der US-amerikanische HipHop ist seit über 30 Jahren voller "Niggas". Es ersetzt meistens ganz lapidar das Wort "brother". Natürlich war es auch eine Form von Selbstermächtigung, wie in Deutschland das Wort Schwul von einer Beschimpfung zu einer stolzen Selbstbeschreibung mutierte. Mark Greif: "»Ain’t No Nigga« sollte nicht bedeuten, dass Jay-Z kein »Nigga« war (wie etwa noch in Sly Stones antirassistischem »Don’t Call Me Nigger, Whitey«), sondern dass es keinen »Nigga« gab, der Jay-Z das Wasser reichen konnte." Das N-Wort ist hier ein Ehrentitel. Was das Wort für Weiße trotzdem unaussprechlich macht (bzw. machen sollte): Es erhebt seinen Sprecher zu einem "Massa", zu einem Herrenmenschen, der über den Sklaven steht. Diesen Kontext hat das Wort über 200 Jahren nicht ablegen können – auch weil es Rassisten genauso bis heute gebrauchen: um ihre weiße Vorherrschaft zu legitimieren.  

Oops! I did it again 

Es gibt Wörter, die kontaminiert sind. Und es gibt Politiker, die das nicht kapieren, jedenfalls nicht schnell genug, um solche Wörter immer und überall zu vermeiden. Können sie das nicht, müssen wir ihre Qualifikation als Staatslenker hinterfragen. Und es gibt einen Sportdirektor, bei denen wirkt es wie ein Freudscher Versprecher, wenn er einen algerischen und einen eritreischen Sportler als Kameltreiber beschimpft. D.h. er sagt das, was er zwar denkt, aber eigentlich nicht sagen will. Ja, es ist ein Fortschritt, wenn man sich dafür hinterher entschuldigt. Es ist auch einer, dass Moster jetzt abreisen musste. Aber es wäre ein noch größerer, wenn ein derart unsportlicher Fehltritt eine empflindliche Sperre nach sich ziehen würde. Weil damit klar würde, auch in einer Stresssituation, auch in diesem Kontext, ist das nicht hinnehmbar. Sportler und Trainer arbeiten jahrelang auf solche Wettkämpfe hin – dazu sollte auch gehören, dass sie ihren Gegnern mit Fairplay begegnen und dass sie ihre Sprache in Zaum halten. Wer das nicht tut, zerstört die Völkerfreundschaft, die Olympische Spiele doch fördern sollten. Rassismus fällt nicht vom Himmel. Er entsteht in einem Kontext. Und Sprache zeigt, wie mächtig er ist.