Journalist bei Demo angegriffen Es braucht mehr Schutz und Solidarität   

In Passau wurde ein Mann bei einer Impfgegner-Demo tätlich angegriffen, der die Veranstaltung dokumentieren wollte. Kein Einzelfall. Was wir jetzt brauchen, ist eine breite Solidarisierung. Ein Kommentar  

Von: Martin Zeyn

Stand: 07.02.2022

Polizisten beim Einsatz einer Demonstration gegen die Corona-Maßnahmen in Passau | Bild: dpa/Bildfunk

Jetzt also auch Passau. Nach Aussage des Journalisten Simon Veit auf Twitter, der die Demonstrierenden filmen wollte, trat ihm jemand bei einer Demonstration gegen die Corona-Maßnahmen in den Rücken, außerdem wurde ihm Kaffee ins Gesicht geschüttet. Verstehen die Impfgegner so die Rede- und Meinungsfreiheit?  

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Simmerl = 2G+🚀 Mittlerweile 20 Personen beim Tchibo. Die Personen hatten mich umringt und meinen Klarnamen gerufen. Ich musste auf der Flucht eine Person zur Seite schieben. Ein TN trat mir mit Anlauf in den Rücken, eine weitere Person schüttete mir Kaffee ins Gesicht.

So viel Angriffe wie nie zuvor  

All das passierte, nur, weil Veit die Demonstration filmte. Was offenbar an sich schon unerträglich zu sein scheint für einige Teilnehmende. Zwei Frauen kamen auf ihn zu - eine ohne Maske - und ignorierten seine mehrfach vorgebrachte Bitte, Abstand zu halten. Später erfolgten die tätlichen Angriffe. Der Mann, der aktiv zu Gegendemonstratitionen aufruft und fortlaufend alle Veranstaltungen der Impfskeptiker in Passau dokumentiert, wurde dabei mit seinem Klarnamen angesprochen - die Botschaft war klar: Wir kennen dich.

Müssen wir jetzt den Satz, im Krieg ist das erste Opfer die Wahrheit nun ändern in: In Pandemiezeiten ist der Überbringer der Wahrheit das erste Opfer? Die Berichte über tätliche Angriffe und verbale Drohungen gegen Journalistinnen und Journalisten häufen sich. Offenbar hat die Propaganda von "Lügenpresse" und "Staatsfunk" verfangen, viele aus dem Lager von Querdenkern, Impfgegnern und AfD-Anhängern unterstellen per se den Medien eine falsche Darstellung. Mit Folgen: Quer über das Land werden Journalist*innenen beschimpft, bedroht und körperlich angegangen – die dokumentierten Fälle sind so hoch wie noch nie. Sachsen-Anhalt bietet als Reaktion sogar Schulungen an, damit Journalistinnen und Journalisten von der Polizei besser geschützt werden. Die Initiative "Between the Lines" organisiert, um die Berichterstattung zu sichern, Begleitschutz für Demonstrationen, damit Journalist*innen ungefährdet ihrem in Grundgesetz verankerten Auftrag nachgehen können.  

Breite Solidarität gefordert gegen Pressefeinde  

Nein, es sind keine Einzelfälle von Radikalen. Unter #AusgebranntePresse sind zahlreiche Erfahrungsberichte von Querdenker- und Impfgegner-Protesten zusammengetragen worden. Deren Hetze gegen Medien zeigt ihre hässliche Fratze: Jede Darstellung von außen unterliegt dort einem aggressiv vorgebrachtem Generalverdacht. Die Konsequenz ist nicht etwa, keine Interviews zu geben, sondern leider immer öfter Journalistinnen und Journalisten zu bedrohen.   

Dagegen gibt es nur ein Mittel: Eine breite Solidarisierung gegen die Feinde der Pressefreiheit. Mehr Initiativen, die Menschen, die für eine freie Berichterstattung einstehen, schützen. Und eine rasche und harte Verurteilung all jener, die mit Gewalt gegen Journalist*innen vorgehen. Wenn das nicht geschieht, dann hat die Pandemie eine fatale Nebenwirkung: Jene schutzlos zu lassen, die uns zeigen wollen, was die Wahrheit ist. Wir müssen zwar nicht mit Artikeln oder Berichten übereinstimmen, aber unbedingt müssen wir dafür sorgen, dass Journalist*innen ihre Beobachtungen und Analysen schildern können. Sonst gewinnt der blinde Hass auf der Straße.   

Korrektur: In einer früheren Fassung des Artikel hieß es, dass Daniel Drepper unter dem Hashtag "Ausgebrannte Presse" Erfahrungsberichte versammelt hat. Richtig ist, dass dies Rési Lucetti macht.