Telquist Wieso sich die Indie-Band nicht als Opfer fühlt

Das Musikgeschäft ist ein kurzlebiges. Telquist-Musiker Sebastian Eggerbauer erzählt, wieso er sich trotz Konzertverboten nicht als Corona-Opfer fühlt und warum er dennoch fürchtet, das alles vorbei ist, wenn alles vorbei ist.

Von: Sebastian Eggerbauer

Stand: 26.02.2021 | Archiv

Telquist spielen in der Alten Filmbühne Regensburg | Bild: BR

Eigentlich wollte ich 2020 ein Album veröffentlichen und zusammen mit meiner Band zwei Tourneenspielen. Wir wären zum ersten Mal nach England gefahren, um dort aufzutreten. Das alles hat aufgrund von Corona leider nicht geklappt und das fand ich schade, aber wie ich mich dazu äußern sollte, wusste ich nie.

Immer, wenn ich gefragt wurde, was Corona für Musiker bedeutet, habe ich folgendes geantwortet: "Auch für mich und meine Bandkollegen ist das Ganze mehr als blöd, aber andere Musiker und andere in der Branche trifft es sehr viel schlimmer. Niemand aus meiner Band lebt ausschließlich vom Musikmachen und niemand hat bereits eine Familie, für die er finanziell verantwortlich wäre. Für all jene, egal ob Musiker, Booker oder Konzertveranstalter, auf die das aber zutrifft, zeigt sich die Krise in einem ganz anderen, existentiellen Ausmaß."

Viele meinen mit Kultur sich selbst

So habe ich die Lage beurteilt und davon bin ich nach wie vor überzeugt. Aus dieser Überzeugung heraus, habe ich mich zu Beginn der Krise manchmal über Künstler in meinem Bekanntenkreis geärgert, die sich als Pandemie-Opfer stilisiert haben, von denen ich aber gleichzeitig wusste, dass sie ähnlich "wenig" betroffen waren wie ich oder wir. Man sagt, man müsse gerade jetzt Kultur unterstützen, z.B. durch verstärkte CD-Käufe. Mit Kultur meint man sich selbst.

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Telquist - Taste (official video) | Bild: Telquist official (via YouTube)

Telquist - Taste (official video)

Ja, man konnte und musste die Politik dafür kritisieren, dass da eine ganze Branche lange kaum Unterstützung erhielt, obwohl zahllose Existenzen an ihr hingen. Man muss das trotz verschiedener Programme vielleicht noch immer tun. Aber hätte ich mich auch damit nicht auf eine Bühne gestellt, die andere jetzt dringender brauchten? Ich war unsicher, habe zumindest die entsprechenden Bildchen geteilt. Aus Solidarität, denke ich.

Damals, zu Beginn des ersten Lockdowns dachte ich wie viele andere, wir sprechen hier von einer sechswöchigen Kollektivpause, in der man zu den Eltern aufs Land fährt. Alle gehen spazieren, probieren Yoga mit Madi Morrison und googlen Bananenbrot. Sogar die Natur darf durchatmen und andauernd munkelt irgendjemand, wer weiß vielleicht kann das ja alles auch eine Chance sein für uns und man selbst denkt ja, vielleicht kann das ja alles auch eine Chance sein für uns.

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Telquist spielen in der Neuen Filmbühne Regensburg | Bild: BR zum Modulartikel Telquist in Regensburg "Ich sage, wir sind Kultur"

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Ein bisschen schade, dass sie genau in die Zeit fällt, in der ich mit meiner Band durch Deutschland touren wollte, aber mei, so ist das eben und wie gesagt: andere trifft das sehr viel schlimmer. Seitdem hat sich Vieles verändert. In etwa zwei Wochen, am 13. März, wird es seit genau einem Jahr unmöglich gewesen sein, ein normales, unbestuhltes Konzert zu spielen.

Vor einem Jahr nämlich, am 13. März 2020 befinden wir, meine Band und ich, uns auf der A9 zwischen Bayreuth und Nürnberg. Mein Telefon klingelt und Booker Marc erklärt, dass wir nicht weiter nach Augsburg zu fahren brauchen. Dort wären wir an diesem Tag aufgetreten. Alles abgesagt. In der Zwischenzeit hat ist aus dieser Tourabsage die Unmöglichkeit sich selbst zu präsentieren geworden, unbefristet.

Öffentliche Aufmerksamkeit ist ein knappes Gut, das war wahrscheinlich immer so, aber ohne Konzerte ist es besonders schwer sie sich zu verdienen oder sie aufrechtzuerhalten. Demnächst wird das Augsburg-Konzert zum dritten Mal verlegt werden, ich hoffe sehr, die Leute werden sich dann noch dafür interessieren, wenn es irgendwann stattfindenkann. Inzwischen können alle Künstler eine Bühne gebrauchen, auch die die nicht auf Geld angewiesen sind. Aber welche Bühne?

Die Empörung scheint abgeklungen zu sein und worüberauch, letztlich kann ja niemand was dafür. Am 11. März 2020, zwei Tage vor demTelefonat auf der A9, spielen wir in Chemnitz das dritte Konzert der ersten eigenen zusammenhängenden Tour. Sie hat überraschend gut begonnen und sollte uns im März eigentlich durch ganz Deutschland führen. Unterwegssein als Musiker ist nicht neu für uns, allein 2019 haben wir über 40 Konzerte gespielt. Aber eine echte eigene Tour! Das ist eine große Sache, wir sind aufgeregt.

An diesem Abend in Chemnitz sind Regensburger Freunde als Vorband dabei, niemand von uns war jemals in der Stadt. Das Konzert ist überraschend gut besucht. Die Stimmung ist toll, unter uns sowieso, es fühlt sich an wie eine Klassenfahrt, wir sind erleichtert und euphorisiert. Anschließend Indie-Disko im Club. Prost! Es ist ziemlich voll. Die Leute schwitzen, tanzen, und freuen sich. Der Club liegt sich gröhlend in den Armen, dazu unvermeidlich: Mr. Brightside, Bassisten können tanzen wie Jennifer Lopez. Es ist eine tolle Nacht.

Musikgeschäft ist kurzlebig

Irgendwann ist Schluss hier, wir schrauben den Rauchmelder ab und machen im Hotelzimmer weiter. Am nächsten Tag spielen wir in Jena, ein bisschen müde, aber froh das mitmachen zu dürfen, mit allem was dazugehört. Auf einem Fernsehbildschirm im Frühstücksraum erzählt eine Passantin sie hätte keine Angst vor "Konora". Ich denke: Ich eigentlich auch nicht.

Inzwischen habe ich ein bisschen Angst. Zum Beispiel, dass für meine Band und mich alles vorbei ist, bevor es so richtig angefangen hat. Das Musikgeschäft ist schnelllebig. Ich habe Angst, dass die Leute sich dann, wenn Konzerte irgendwann wieder möglich sind, nicht mehr für die Musik interessieren, die ich anbieten kann. Ich habe Angst, dass sich Konzerte für mich dann vielleicht nicht mehr lohnen. Ich habe Angst, dass gerade die ein, zwei oder drei Jahre meines Lebens ohne Konzerte stattfinden müssen, in denen ich sie hätte geben können, nicht nur der Konzerte, sondern auch des Abenteuers wegen, die sie für mich bedeuten. Aber wem erzählt man das? Niemand kann was dafür.