Kostenloses Streamingangebot ab 24. April Der Kemptener Jazzfrühling wagt den Schritt ins Netz

Es ist sicher "kind of blue" für alle Jazzer, aber auch der Kemptener Jazzfrühling muss dieses Jahr digital stattfinden. Leichter gesagt, als getan. Wie ein Jazzfestival die Veranstalter vor unerwartete Probleme stellt.

Von: Doris Bimmer

Stand: 21.04.2021

Jazzmusikerin Kinga Glyk mit rotem Strich über den Augen | Bild: Peter Hönnemann

"Ich glaub, dass Jazz Dialog ist. Mit den Mitmusikern auf der Bühne. Aber auch dem Publikum", sagt Andreas Schütz, einer der Organisatoren des Kemptener Jazzfrühlings, und umreißt damit schon das ganze Dilemma, in dem er und sein Kollege Gerhard Zipperlen stehen. "Streaming ist kein wirklicher Ersatz", sagt Zipperlen. Und dennoch bleibt den Organisatoren nichts anderes übrig, als den Jazzfrühling dieses Jahr digital und damit ohne Livepublikum stattfinden zu lassen.

Ein Festival, das Musiker verändert

Per Stream zugeschaltet: Bill Frisell

Gerhard Zipperlen und Andreas Schütz vom Kemptener Kleinkunstverein Klecks organisieren schon seit einigen Jahren den Jazzfrühling. "Das ist eine unheimlich tolle Woche, die in normalen Zeiten in Kempten diese Frühlingsatmosphäre widerspiegelt", sagt Zipperlen. Auch für ihn als Musiker sei der Jazzfrühling immer eine besondere Bereicherung. "Mein Musikstil hat sich durch den Jazzfrühling und die dortige musikalische Vielfalt deutlich weiterentwickelt."

Letztes Jahr musste das Festival wegen Corona ausfallen. Ein zweites Aus wollten die Veranstalter nun vermeiden. Man hätte sich dem treuen Allgäuer Jazz-Publikum geradezu verpflichtet gefühlt, das Festival in diesem Jahr zu realisieren. Nur lässt sich das überhaupt organisieren? Die Veranstalter hatten tatsächlich mehr Probleme als erwartet.

Skurrile Absagen

In "normalen Zeiten" umfasst das Programm des Festivals in nur einer Woche rund 60 Konzerte – dieses Pensum ist im Netz nicht ganz möglich: Allerdings nicht, weil die Organisatoren weniger Bands eingeladen hätten. Insgesamt wurden 50 Bands angefragt, trotzdem kassierte Andreas Schütz viele Absagen: "Oft waren Reisebestimmungen, oder bei ausländischen Musikern die Quarantänebestimmungen der Grund. Es gab aber auch skurrile Situationen. Eine Band etwa sagte: Wir haben leider zwei Laien dabei, die für uns aber wichtig sind, aber mit denen dürfen wir bis zum Jazzfrühling gar nicht proben. Für Laienbands ist ja, anders als für Berufsmusiker, das Proben untersagt."

Proben von Laienbands gelten als privates Treffen. Mehr als drei Leute aus zwei Haushalten darf eine Gruppe also gerade nicht umfassen, wenn sie üben und Songs schreiben will. Solche Reglements sind Gift für ein Jazzfestival, auch weil im Jazz viele hervorragende Gruppen oft nur semiprofessionelle Musiker sind. "Wir merkten dann, wie Band für Band aus dem Raster für unser Programm gefallen ist."

Jazzwunder im Line-Up

Dennoch brachten die Veranstalter ein Programm mit 30 Bands und rund 20 Veranstaltungen zusammen. Einige Gruppen spielen vor Ort in Kempten, wie zur großen Jazznacht Tom Hauser und Anton Dirnberger oder zum Start am Samstagabend die Poly Radiation Big Band, die auf dem Jazzfrühling ihr Debütalbum präsentiert. Andere Künstlerinnen und Künstler werden dagegen zugeschaltet. Ein Highlight: Das 24-jährige Jazzwunder Kinga Glyk. Und natürlich Jazzlegende Bill Frisell, die aus einem New Yorker Club zuliefern wird.

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Kinga Głyk - Joy Joy | Bild: Kinga Głyk (via YouTube)

Kinga Głyk - Joy Joy

Gerhard Zipperlen sieht im neuen Online-Format des Kemptener Jazzfrühling gerade für das jüngere Publikum eine große Chance: "Der eigene Stil ist ja schnell geprägt. Etwa durch die Radiosender, die man hört. Und dann verfestigt er sich auch leicht. Insofern finde ich die Streaming-Idee gut, weil die Leute hier in Dinge reinhören und reinfühlen können, die sie sonst vielleicht, wenn sie ein Ticket hätten kaufen müssten, gar nicht hören würden. Insofern ist hier viel Neuland zu entdecken."

Digital als langfristiges Modell?

Alle Konzert-Streams sind grundsätzlich frei zugänglich – es gibt keine Paywall. Stattdessen setzen die Organisatoren des Klecks-Vereins auf die Spendenbereitschaft des Publikums, um den Bands letztlich eine gute Gage zahlen zu können. Streamen bietet da einiges an Möglichkeiten. Langfristig hofft Andreas Schütz dennoch, dass Musiker und Publikum sich wieder real begegnen können: "Ich hoffe nicht, dass die aktuelle Situation dazu führt, dass man sagt, ach ja, Streaming funktioniert doch auch. Da sparen wir uns doch in Zukunft die Reisekosten und bleiben einfach digital. Da würde für mich 80 Prozent von dem, was ich an Musik und dem musikalischen Leben liebe, verloren gehen."