Beethoven als Comic Götterfunken – Gezeichnet

Ludwig van Beethovens Musik ist gigantisch. Seine Biographie voller Schicksalsschläge. Drei Comics illustrieren dieses gewaltige Leben mit einem frechen Blick auf den Meister, der am 17.12.1770 ins Taufregister eingetragen wurde.

Von: Niels Beintker

Stand: 14.12.2020 | Archiv

Der Klang der Musik als expressionistische Linien | Bild: Avant Verlag/ Mikaël Ross

Wie gemein! Ein Kobold soll er sein. Das jedenfalls mokiert einer, der "diesen van Beethoven" voller Aufregung zum Konzertsaal laufen sieht. Er wird nicht irgendein Konzert geben. Sondern sein Debüt in Wien, unter der Leitung von Joseph Haydn, seines großen Förderers. Am 29. März 1795 trat Beethoven erstmals öffentlich auf, mit einem eigenen Klavierkonzert. Am Ende wird er begeistert gefeiert. Von wegen Kobold! Diese Banausen.

Wie lässt sich diese Musik malen?

Beethovens Musik als expressionistisches Farbenspiel

Der aus München stammende Comic-Künstler Mikaël Ross erzählt diese Episode in seinem Beethoven-Comic "Goldjunge", gerade im Avant-Verlag erschienen. Und ihm ist dabei ein Kunststück gelungen: Der Zeichner vermag es, die Wirkung der Musik auf das stumme Papier zu übertragen, mit einem freien, expressiven Spiel von Strichen, Linien und Farben. Man sieht den eben noch von den Wienern geschmähten Komponisten am Flügel – und plötzlich brechen sich die gegenstandslosen grafischen Assoziationen Bahn. Man kann erahnen, dass hier – vor unseren Augen – etwas Besonderes geschieht. Eben große Musik. "Was kann ein Künstler mehr erreichen als Beethoven", sagt Mikaël Ross. In den Passagen, die sich ausdrücklich der Musik widmen, hat er immer wieder die klassische Comic-Erzählform – also Bild für Bild – aufgebrochen. Er wollte, sagt er, die Seiten sprengen. "So muss es damals auf die Menschen gewirkt haben. In einer Zeit ohne Smartphone, ohne Audioaufnahmen, ohne Dauerbeschallung, setzt sich so jemand an ein Klavier und spielt diese Musik. Es muss völlig verrückt gewesen sein."

Schwere Kindheit

Die Beziehung zum Vater? Schwierig.

Die Passagen zur Musik stehen dabei in deutlichem Kontrast zu einer insgesamt dunklen Geschichte. Mikaël Ross – in diesem Jahr mit dem Max-und-Moritz-Preis, dem wichtigsten deutschen Comic-Preis, ausgezeichnet – beschäftigt sich in erster Linie mit der Kindheit und Jugend des Komponisten und stützt sich dabei unter anderem auf das "Fischersche Manuskript", einen Bericht der Nachbarn und Vermieter der Familie in Bonn. Klar, es gibt heitere Szenen, etwa den Winterspaß mit den Brüdern in den Rheinauen in Bonn. Die Dunkelheit überwiegt dennoch: die Pocken-Epidemie in Bonn, der frühe Tod der Mutter, der mehr als ambivalente Vater.

Johann oder Jean van Beethoven – "kurfürstlicher Hoftenorist" in Bonn – war der festen Überzeugung, er müsse aus seinem Sohn einen zweiten Mozart machen. Er zog das Kind etwa – so zeigt es der Comic – mitten in der Nacht aus dem Bett, damit es am Klavier spielt – eben wie das gewünschte Vorbild. Der Vater dachte dabei vor allem an sich. "Das war ein drittrangiger Lokalmusiker", erzählt Mikaël Ross. "Er denkt: ‚Mein Sohn ist ein Goldjunge, mit dem kann ich richtig Knete machen.‘ Und er checkt nicht, dass er tatsächlich ein Wunderkind vor sich hat." Aus dieser Konstellation erwächst eine große traurige Spannung im Comic.

Herrliche Hauptfigur

Aller Tragik und Schwere begegnet Mikaël Ross aber immer wieder mit komischen und frechen Augenblicken (und das nicht nur in den Szenen, in denen Beethovens Koliken oder die cholerischen Ausbrüche Thema sind). Der Zeichner, der für sein Buch als Hommage an das ausgehende 18. Jahrhundert vorrangig mit Feder und Tusche gearbeitet hat, verbindet die extremen Pole in der Biographie des jungen Künstlers so mit souveräner Leichtigkeit. Dazu kommen eine tolle Bildsprache und auch eine herrlich gestaltete Hauptfigur. Auch dafür gab das "Fischersche Manuskript" Inspiration.

Ein Comic über den jungen Beethoven

"Wenn man sich die Porträts anschaut, dann findet man in 15 verschiedenen Bildern 15 verschiedene Menschen", sagt Mikaël Ross. "Man fragt sich, ob die jeweils die gleiche Person porträtiert haben." Der Chronist der Kindheit, der Bonner Bäckermeister Fischer, habe auch das Erscheinungsbild des jungen Beethoven beschrieben. "Er sagt: eine gedrungene Person, fast kein Hals, eine ganz ausgewölbte Stirn, strenger Blick, muskulös, vorn herübergebeugt. Das war für mich ein guter Anhaltspunkt. So konnte ich den Charakter entwickeln." Mikaël Ross hat unter anderem eine Ausbildung als Theaterschneider absolviert und an verschiedenen Opernhäusern gearbeitet. Über Beethovens Musik sagt er, diese sei für ihn vor der Arbeit an "Goldjunge" ein weißer Fleck gewesen. So aber konnte er diesen "Musikschatz" mit einem frischen Blick entdecken. "Das war für mich eine unglaubliche Überraschung. Die Klaviersonaten zum Beispiel haben mich überwältigt. Sie waren auch der Grund, um zu sagen: Ich möchte mich weiter mit dieser Figur beschäftigen."

Nach dem Tod wird's pietätlos

Im Gegensatz zu Mikaël Ross ist Beethovens Musik für den bei Bremen lebenden Comic-Autor und Schriftsteller Peer Meter ein Lebensbegleiter. "Die ist so genial", schwärmt er im Gespräch über die gemeinsam mit dem Zeichner Rem Broo verfasste Graphic Novel "Beethoven. Unsterbliches Genie", erschienen bei Carlsen. Wo Mikaël Ross sich für die Kindheit interessiert, widmet sich das Autoren-Duo den letzten Lebenswochen des Komponisten, der am 26. März 1827 in Wien stirbt. Etwa dem wenig schönen Umgang mit dem Verstorbenen: So haben Verehrer vom Kopf des Toten so viele Locken abgeschnitten, dass der ganz kahl gewesen ist. Schrecklicher Starkult.

Beethoven vom Ende her erzählt

Genau um diese Ambivalenz von Verehrung und Maßlosigkeit ging es Peer Meter. Er hat das Szenario für den Comic geschrieben und ist dabei einer Sentenz Thomas Bernhards gefolgt: "Ist es Komödie? Ist es Tragödie?". Die Lektüre zeigt: irgendwie beides. "Ich habe als bestes Beispiel Michael Jackson vor Augen", erklärt Peer Meter. "Der war überhaupt kein Mensch mehr, sondern eine Figur ohne Leben. Das ist das, was ich bei Beethoven auch zeigen wollte." Zum Beispiel, wenn sich die Menschen gegenseitig mit Beethovens angeblich letzten Worten überbieten (herrliche Passagen im Comic). Oder wenn man die feine Wiener Gesellschaft am Totenbett sieht. Vordergründig sprechen sie würdevoll über den Verstorbenen. In den Denkblasen aber äußern sie zutiefst hinterfotzige Gedanken. So beklagt einer in der Runde, was der Welt durch Beethovens viel zu frühen Tod verloren gehe – und nennt ihn in Gedanken einen "primitiven Hanswurst, einen vertrottelten alten Narren". Überhaupt ist dieses Spiel von Schein und Sein ein Leitmotiv des herrlich-schrägen Comics.

Mythos um die vertauschten Schädel

Das gilt auch für das Objekt, das mehr und mehr in den Fokus der Geschichte rückt: der Schädel des Komponisten. Die grotesken Details entdecke eine jede und ein jeder selbst, etwa bei den Szenen der Obduktion des Leichnams durch den Wiener Anatom Doktor Wagner und seinen Gehilfen Anton Dotter. Eigentlich sollen die beiden Beethovens Taubheit ergründen, bei Peer Meter und Rem Broo wird darüber gleich der ganze Kopf Beethovens entwendet und durch einen anderen Schädel ersetzt.

"Die Geschichte mit dem vertauschten Kopf war mein Einstieg", sagt Peer Meter. Er kannte sie zuvor nicht und dachte zunächst: Noch so eine frei erfundene Legende. "Dann habe ich in der Recherche festgestellt: Beethovens Kopf ist wirklich vertauscht worden. Sogar zweimal. Diese Pietätlosigkeit wollte ich einbauen. Aber auf humoristische Art." Eine brave biographische Künstlergeschichte wird hier nicht erzählt.

Satter Bilderrausch

Rem Broo wählt für seinen Beethoven kräftige Farben

Der Comic "Beethoven. Unsterbliches Genie"  beginnt zwei Tage nach dem Tod des Komponisten. Ein Verehrer aus Frankreich – Louis Lefebrve – sucht nach Beethoven, fährt kreuz und quer durch Wien. Angeblich ist er ein Freund. Er will verhindert haben, dass Beethoven seine 3. Sinfonie Napoleon widmete. Dumm nur, dass diese Geschichte nicht ganz stimmt. Lefebrve ist eine fiktive Figur, eine von mehreren. Sie werden realen Personen aus Beethovens Umfeld zur Seite gestellt, darunter Anton Schindler, Sekretär und Biograph, die Haushälterin Sali, Doktor Andreas Wawruch, der Beethoven in den letzten Lebenswochen behandelte. Der Zeichner Rem Broo hat für diese wilde Geschichte eine opulente Bildsprache gefunden: satte, kräftige Farben. Zudem gibt es ausladende Seiten, etwa mit Wiener Stadtszenen. Für einzelne Rückblenden wiederum, etwa vom Arzt Wawruch, hat Rem Broo einen jeweils eigenen Zeichenstil verwendet. In diesem Bilderrausch wird die Geschichte eines Menschen und Künstlers am Ende seines Lebens erfahrbar, manchmal skurril, aber auch voller Traurigkeit und Schmerz.

Beethoven-Anekdoten als Bilderbogen

Die berühmte Geschichte von der Widmung der 3. Sinfonie an Napoleon greift auch Moritz Stetter in seinem Comic-Buch über den Komponisten auf. Der Band "Mythos Beethoven" – erschienen bei Knesebeck – enthält einzelne Szenen, die auf persönlichen Erinnerungen an Begegnungen mit Beethoven basieren. Etwa von Bettina Brentano oder Carl Czerny, der in seinem Lehrer ein Abbild von Robinson Crusoe gesehen haben will. Die Bilder – grafisch markant, mit dickem schwarzen Strich und wenigen Farbflächen – stehen im Vordergrund der einzelnen Episoden. Eigentlich könnte man auch von einem Beethoven-Bilderbogen sprechen.

Beethoven bleibt standhaft, Goethe knickt ein

Moritz Stetter zeigt, wie enttäuscht Beethoven war, als er von der Selbstkrönung Napoleons zum Kaiser erfuhr. Die Folgen: Ein veritabler Wutausbruch – nicht der einzige in dieser Geschichten-Sammlung – und das halb zerrissene Titelblatt der entstehenden "Sinfonia Grande". Dazu die durch Beethovens Schüler Ferdinand Ries überlieferten Worte, Napoleon werde nun – als selbst ernannter Kaiser – die Menschenrechte mit den Füßen treten und ein Tyrann werden. Das passt zum Bild des Freidenkers. Wie auch – ein paar Episoden später – eine angeblich verweigerte Verbeugung vor der Kaiserin, beim Teplitzer Spaziergang mit Goethe. Noch so eine berühmte Anekdote.

Biographie in Musik

Die verschiedenen Szenen, die Moritz Stetter gesammelt und interpretiert hat, verweisen immer wieder auf berühmte Kompositionen Beethovens: Hier Klaviersonaten wie die "Pathétique" (Nr. 8) oder "Apassionata" (Nr. 23), dort die großen Sinfonien, die "Eroica" (Nr. 3), die "Pastorale" (Nr. 6) und schließlich die neunte mit dem großen Schlusschor über Schillers "Ode an die Freude". Moritz Stetter zeigt in seinen schließlich ganzseitigen Bildern, wie diese große Musik in unterschiedlichen historischen Epochen gedeutet wurde und dabei auch vereinnahmt.

Man sieht Goebbels brüllen und Wilhelm Furtwängler dirigieren. Man sieht Nazis mit hässlichen Fratzen, was an die Bilderwelten von George Grosz erinnert. Man sieht aber auch, wie der vierte Satz zur Europa-Hymne erklärt wird und die Deutschen, ein nun einig Volk von Brüdern, mit dieser großen Musik feiern.

Zuletzt ganz aktuelle Bilder: die Proteste während des G-20-Gipfels in Hamburg, derweil die Staats- und Regierungschefs in der Hamburger Philharmonie sitzen. Genauso wie die Chöre für die Pflegerinnen und Pfleger in diesem Frühjahr – auch für sie wurde, an vielen Fenstern, der Schlusschor gesungen. Gut, dass auch daran erinnert wird.

Goldjunge – Beethovens Jugendjahre. Von Mikaël Ross, Avant-Verlag

Beethoven - Unsterbliches Genie. Von Peer Meter und Rem Broo, Carlsen-Verlag

Mythos Beethoven. Von Moritz Stetter, Knesebeck-Verlag