Micky Maus Heft wird 70 Vom "Opium in der Kinderstube" zum Bestseller

Am 29. August 1951 erschien das erste Micky-Maus-Heft in Deutschland. Ein Meilenstein für die Comicgeschichte in Deutschland. Am Anfang gab es durchaus Widerstand, Comics hatten einen sehr schlechten Ruf.

Von: Martin Zeyn

Stand: 23.08.2021 | Archiv

Micky Mouse | Bild: picture-alliance/dpa

Von Hitler ist bekannt, dass er Filme wie "Schneewittchen" und "Bambi“ sehr schätzte. Auch während des Nationalsozialismus gab es in Deutschland bis zum Kriegseintritt der USA kurze Disney-Zeichentrickfilme zu sehen. Aber trotz einer europäischen, ja deutschen Tradition der Bildergeschichten (Wilhelm Busch, dessen "Max und Moritz" zu dem populären US-Zeitungscomic "The Katzenjammer Kids" wurde) fremdelten die Nazis mit Comics. Eine Haltung, die nach 1945 anschlussfähig war: Die CDU lancierte ein Gesetz, um der "bedrohenden Entwicklung gewisser Auswüchse des Zeitschriftenmarktes“ entgegen zu wirken.  

Es gab zwar Anfang der 50er Jahre schon Hefte, aber die waren oft dreiste Plagiate (aus Prinz Eisenherz wurde "Hartmuth, der junge Held"), die noch dazu viel schlechter gezeichnet waren als ihre US-Vorlagen. Trotzdem unkte der Spiegel schon vom "Opium der Kinderstube" und zitierte den in den USA berühmt-berüchtigten Kinderpsychologen Frederic Wertham mit der Aussage: "Meine klinischen Studien haben mich überzeugt, daß durch die comics der Brunnen spontaner Kinderphantasie vergiftet wird."  

Erika Fuchs – die Frau hinter Mickys Erfolg 

Nicht einmal eine richtige Eindeutschung für Comics gab es, der Versuch, den sperrigen Begriff "Buchfilm" durchzusetzen, scheiterte. In diesem Umfeld erschien am 29. August 1951 die erste Ausgabe von "Mickey Maus – Das bunte Monatsheft". Die verkaufte Auflage betrug stattliche 135.000 Exemplare, die Druckqualität war deutlich besser als bei der Konkurrenz – von der erzählerischen Qualität mal ganz abgesehen. Der Preis betrug stattliche 75 Pfennige – die Hälfte des damaligen durchschnittlichen Stundenlohns.  

Deutschland war und blieb lange ein Comicentwicklungsland. Übernommen wurden am Anfang die Comics aus dem US-amerikanischen Pedant, übersetzt und ausgewählt von Erika Fuchs. Auch sie spürte am Anfang heftigen Gegenwind, wie sie dem BR im Interview erzählte: "In der ersten Zeit wurden Comics sehr angefochten. In der Schule wurde immer gesagt, dass sei eine Päng-Bumm-Sprache, weil eben die Geräusche extra drin gezeichnet werden. Das hat dann einer vom anderen abgeschrieben. Man sah deutlich, dass nie einer sie gelesen hat." 

Ihre Lautmalerleien, die oft aus verkürzten Verben entstanden "Ächz“ öder "Stöhn“, begeistern bis heute ihre in die Jahre gekommenen Fans, ebenso wie legendäre Knittelverse à la "Dem Ingeniör ist nichts zu schwör." Fuchs war eine promovierte Kunsthistorikerin. Was ihren Übersetzungen anzumerken ist, denn die gingen sehr frei mit dem Original um, aus dem profanen No wurde ein "Mitnichten", aus Dollar Taler und von den bildungsbürgerlichen Einsprengseln findet sich nichts bei Carl Barks oder anderen Disney-Zeichnern. Für die hartgesottenen, stark in der FAZ vertretenen Donaldisten (genauer: Die Deutsche Organisation nichtkommerzieller Anhänger des lauteren Donaldismus) war das ein Grund für den Erfolg und die Anerkennung von "Micky Maus" in Deutschland. Vielleicht hat es aber auch einfach dem Erfolg nicht geschadet. 

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Mikey Mouse History- "It all started with a mouse"

Mickey, der Retter von Disney 

"It all started with a mouse“ – alles begann mit einer Maus. Diese Aussage machte Walt Disney wiederholt. Die Figur war aus der Not geboren, Disney hatte sich die Rechte zu seiner "Oswald“-Zeichentrickfilm-Reihe nicht gesichert, die lagen beim Vertrieb. Also musste ein neuer Star her. Statt einer Katze sollte es diesmal ein Nager sein – trotz der Bedenken, so ein Tier könne kaum Sympathien auf sich ziehen. Gezeichnet hat Disney diese Figur übrigens nicht – das übernahm nach seinen Vorgaben der Mitarbeiter Up Iwerks. 1928 hatte Mickey seinen ersten Auftritt in "Steamboat Willie“ – und konnte reden und pfeifen, denn seit einem Jahr gab es den Tonfilm. Zu Disneys großen Eigenschaften gehörte, immer offen für technische und erzählerische Wagnisse zu sein. Regelmäßig lieh er Mickey seine Stimme in den Zeichentrickfilmen. Der Erfolg von "Steamboat Willie“ erlaubte es, ein Studio aufzubauen. Was Disney seiner Figur niemals vergaß. Schneewittchen brachte ihm einen Oscar ein, Donald Duck wurde bald populärer, aber Mickey Mouse ist und bleibt das Signet des Konzern. Allerdings hat sich die Figur massiv verändert. Am Anfang war Mickey eine ziemliche anarchische Figur, geprägt vom manchmal groben Slapstick der Stummfilmära. Das änderte sich bald, wie der Disney-Biograf Andreas Platthaus erzählt: "Es gab zu Anfang der 30er Jahre eine unglaublich rigide Bewegung, die für Sitte und Ordnung stritt, und die haben bei Disney protestiert und haben gesagt, es sei undenkbar, ihre Kinder in Filme zu bringen, in der eine Figur, die ihre Kinder abgöttisch liebten, die so brutal mit Tieren umgeht, der furchtbare Dinge widerfahren, weil sie bestraft wird. Dementsprechend ist Mickey Mouse umkonzipiert worden von Disney: Es musste ein braver Bürger aus ihm gemacht werden. Micky wurde immer braver – und unattraktiver im Kino."

Spätzünder Deutschland

Nicht nur im Kino. Tatsächlich dürfte auch der Erfolg der Comics eher an den Donald-Geschichten begründet liegen als an den relativ harmlosen Gags, die dem Saubermann Mickey noch erlaubt waren. Um die Comics interessanter zu machen, bekam er eine Reihe von Nebencharakteren an die Seite gestellt: Donald, Pluto, Goofy, Daniel Düsentrieb und den wunderbar grotesken, Mottenkugeln essenden Außerirdischen Professor Gamma. In Deutschland war das Heft zwar spät gestartet, in Italien erschien "Topolino" schon seit 1932, in Frankreich das "Journal de Mickey" seit 1934, aber auch das Wirtschaftswunderland liebte das Comicheft. Die Auflage stieg schnell, das Erscheinen wurde von monatlich auf alle zwei Wochen umgestellt. Das zog Nachahmer an. 1952 wurde das erste Tarzan-Heft in Deutschland publiziert – die Geschichten zwar voller Rassismen und Stereotype, aber wunderbar von Burne Hogarth gezeichnet. Es sollte zwar trotzdem bis in die 90er Jahre dauern, bis so etwas wie eine eigenständige deutsche Szene entstand (die sich ausdrücklich nicht an Disney orientierte), aber dass es überhaupt Comicleserinnen und –leser hierzulande gibt, liegt auch im Erfolg von "Micky Maus" begründet. 

Der ausgemusterte Mickey 

Wobei die besten Tage des Heftes lange zurückliegen. 800.000 Exemplare betrug die Auflage kurz nach der Wende – im vergangenen Jahr lag sie gerade mal bei knapp 73.000. Der Grund ist einfach – und selbst unter den Fans kaum umstritten: zu wenig gute Geschichten. In den USA gibt es schon lange keine Ausgabe mehr. In einem Interview hatte Disney seinen Liebling 1965 quasi in die Rente geschickt: "Mickey is not active now". Für die lustigen Taschenbücher waren vor allem italienische Zeichner am Werk, aber auch hier zeigte sich, dass andere Figuren mehr Spielraum fürs Erzählen boten. Und auch Humor unterliegt dem Zeitgeist - und der Kosmos der Ducks und Maus' wirkt heute sehr weit entfernt von dem, was Kinder und Jugendliche bewegt.

Mickey ist heute kaum mehr als ein Pappkamerad, der kleine Kinder in Vergnügungsparks begrüßt. Walt Disney erwies sich als ein überfürsorglicher Vater, der, um seine Figur zu schützen, sie so beschnitt, dass sie langweilig wurde. Hinzu kommt der Siegeszug der Mangas, der japanischen Comics, die zeitgemäßer und viel differenzierter Leserbedürfnisse befriedigen. Vielleicht wäre es mal an der Zeit, sich an den anarchischen Nager der Zeichentrickfilme zu erinnern. Aber nach dem Erwerb von Marvel interessiert sich der Disney Konzern eher für Superhelden als für die Figur, mit der die Erfolgsgeschichte begann: Mickey Mouse.