Meron Mendel über Nahostkonflikt Empathie für beide Seiten entwickeln

Die deutsche Gesellschaft ist gespalten: Auf der einen Seite die Manifestation uneingeschränkter Solidarität mit Israel, auf der anderen der offene Antisemitismus. Meron Mendel über die Verstrickung der Deutschen und nötige Lösungen.

Von: Joana Ortmann

Stand: 18.05.2021

Meron Mendel, Leiter der Bildungsstätte Anne Frank in Frankfurt am Main . Aufnahme von 2014 | Bild: picture alliance / Daniel Reinhardt/dpa | Daniel Reinhardt

Gestern haben sich die EU-Außenminister zusammengeschaltet, um über die Eskalation in Nahost zu sprechen. Gleiches Thema heute Mittag im Bundestag auf Antrag der Koalition. Die Erwartungen an beide Runden, die europäische und die deutsche, sind eher klein. Zu groß sind die Gräben in der Bewertung des Konflikts. Meron Mendel ist Historiker, Erziehungswissenschaftler und Direktor der Bildungsstätte Anne Frank in Frankfurt.

Joana Ortmann: Herr Mendel, Sie benutzen für das Aufeinanderprallen der verschiedenen Positionen in den letzten Tagen den Begriff der "rauschhaften Emotionalität" auf allen Seiten. Was meinen Sie damit genau, und warum ist das gefährlich?

Meron Mendel: Ja, wir erleben so eine Art von Fußballstadien-Mentalität, wie ich es nenne, wo viele Leute ganz schnell eine Mannschaft suchen, mit der sie sich identifizieren können. Und zwar immer voll und ganz, sei es pro Palästina oder pro Israel. Das ist vor allem durch die sozialen Medien sehr stark hochgeschaukelt worden. Man gerät ganz schnell in eigene Echokammern, wo nur Bilder von einer Seite kommuniziert werden, und man ist deswegen sofort sicher, dass die Anderen die Bösen sind.

Sie deuten das Ganze sogar psychologisch und sagen, dass der Konflikt in Wirklichkeit eine Projektionsfläche für alle Beteiligten ist, um sich ihrer Identität zu vergewissern. D.h. abstrakt gesprochen: Jeder ist eigentlich nur bei sich und insofern gar nicht mehr in der Lage, offen zu sein.

Ja, das sehen wir sowohl, wenn wir über die Mehrheitsgesellschaft sprechen. Zum Beispiel der Versuch bestimmter Gruppen, die Geschichte wieder gut zu machen und dieses Mal auf der richtigen Seite der Geschichte zu sein. Daher bekunden bestimmte Teile der Bevölkerung eine uneingeschränkte Solidarität mit Israel, wobei nicht bemerkt wird, dass eine Politik von Ministerpräsident Netanjahu unterstützt wird, die auch nationalistisch und rechts gerichtet ist. Auf der anderen Seite erleben wir – vor allem bei Migrantinnen und Migranten, die muslimisch geprägt sind – den Versuch, sich eine Gruppenzugehörigkeit zu verschaffen. Eine kollektive Identität, die weniger religiös oder auf eine gemeinsame Abstammung bezogen ist als auf einen gemeinsamen Feind – und zwar Israel. Und deswegen sehen wir auch bei den Demonstrationen vom vergangenen Wochenende, wie sich Gruppierungen zusammenschließen, die eigentlich nichts miteinander zu tun haben. Was sie vereint ist, ist der Hass gegenüber Israel.

Vor diesem Hintergrund: Wie sehen Sie dann Deutschlands Rolle? Wir haben den Schutz Israels als Staatsräson. Das hat Angela Merkel 2008 nochmal ganz explizit gesagt. Und jetzt erleben wir dieses Schwanken: Die Verpflichtung, den Reflex einer kritischen Begleitung und einen ganz offenen Antisemitismus. Wie kommt man aus dieser Verstrickung raus?

Wir müssen uns ehrlich die Frage stellen, was diese viel beschworene Staatsräson eigentlich bedeutet. Aus meiner Sicht ist so eine Staatsräson gar nicht einzulösen. Stellen wir uns den Fall der Fälle vor, dass deutsche Soldaten an die Grenze von Israel ziehen und für Israel kämpfen? Das ist natürlich ein Horror-Szenario, das auch nie eintreten wird. Und auch die Verpflichtung einzugehen, für die Sicherheit eines anderen Staates einzustehen – für die Ewigkeit und ohne Bedingungen – das ist ein offener Scheck, der nicht einzulösen ist. Das ist nicht mal an das Fortbestehen der israelischen Demokratie geknüpft. Von daher bleibt nicht viel übrig, außer einer Art von routiniertem Lippenbekenntnis der deutschen Politik, immer an der Seite Israels zu stehen. Und dabei wird oft übersehen, dass die israelische Regierung eine hoch problematische Politik vollzieht.

Offenbar ist es für Deutschland schwer einzugestehen: Wir können das nicht mehr einlösen, diese Staatsräson. Wir müssen in aller Verbundenheit mit Israel anders reagieren. Genau diesen Schritt schaffen die regierenden Politiker:innen nicht.

Ja, und dann fließt es sozusagen in so eine Art von Symbolpolitik hinein, wenn israelische Fahnen auf Rathäusern und Landtagen gehisst werden, was wiederum keine Brücken baut für die Teile der Bevölkerung, die eher Sorgen um die palästinensische Bevölkerung haben. Mit der Manifestation der uneingeschränkten Solidarität für eine Seite versperren wir uns selbst die Möglichkeit, über die Situation so zu sprechen, dass eine Empathie für die Bevölkerung beider Seiten möglich ist. Diese Entwicklung sehe ich schon seit vielen Jahren, spätestens seit dem ersten Gaza-Krieg. Und wir müssen vielleicht mit Hinblick auf den nächsten Konflikt – der leider sicherlich auf uns zu kommt – erst einmal mit uns als Gesellschaft in Deutschland in einen inneren Dialog treten und fragen: Wie positionieren wir uns überhaupt zu diesem Konflikt? Vor allem mit der Prämisse, dass es darum geht, Empathie für beide Seiten zu entwickeln.

Wenn der Nahostkonflikt in seiner ganzen Komplexität von der Politik so offen reflektiert würde, wie Sie das jetzt tun, hätten wir dann vielleicht auch andere Formen zur Verfügung, wie wir mit dem Antisemitismus umgehen können, der ja da ist?

Das Problem ist: Der Antisemitismus ist nicht zu verschweigen und nicht zu ignorieren. Wir müssen ganz klar die Grenze ziehen, wo es nicht mehr um Israel geht, sondern um die Synagogen, gegen die Juden, die hier leben. Das wird zum einen auch sehr stark gemacht durch die Propaganda der türkischsprachigen und arabischsprachigen Medien. Wir haben gestern die Äußerungen vom türkischen Präsidenten Erdoğan gehört, als er sagte: "Das ist der Natur der Juden, die Natur der Israelis, dass sie Kinder morden wollen". Hier muss die Politik klare Grenzen setzen. Zugleich aber geht es auch darum, diese – vor allem jungen – Männer, zu erreichen. Nicht erst, wenn sie schon auf der Straße sind, nicht erst, wenn sie schon vor der Synagoge sind, sondern man muss in die Bildungsarbeit investieren. Und wo ich noch sehr viel Luft nach oben sehe, sind die sozialen Medien. Influencer, die heutzutage die Propaganda verbreiten, müssen angesprochen werden. Es wäre hilfreich, wenn man versucht, auch ihnen die Grenze zu zeigen zwischen Sympathie mit den Palästinensern und Antisemitismus und dadurch auch zu versuchen, stärker in ihre Zielgruppe hineinzukommen – in die Lebenswelten von jungen Muslimen hier in Deutschland.

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