Das goldene M 50 Jahre McDonald's in Deutschland

Bier und Big Mac, Pommes aus der Kartoffelsorte "Idaho" oder vegane Burger: McDonald's in Deutschland war und ist mehr als Fast Food. Die Speisekarte spiegelt auch, wer wir als Gesellschaft sein wollen.

Von: Ronja Dittrich

Stand: 02.12.2021

Erste McDonals Filiale in Deutschland: München Giesing | Bild: McDonalds

Wenn eine Straße nach Martin-Luther benannt ist, dann könnte man in ihr eine Revolution erwarten. Die kleine Münchner Straße oberhalb des Giesinger Bergs enttäuschte diese Hoffnung zunächst viele Jahre und führte ein beschauliches Leben. Bis zu jenem 4. Dezember 1971, als ihr großer Tag kam. Es war ein kalter Wintermorgen, als in der Hausnummer 26 eine amerikanische Botschaft ihre Tore öffnete. Keine, an der eine US-Fahne angebracht war. Dafür ein Symbol, das in bester amerikanischer Tradition ebenfalls zu raunen schien: "Gebt mir eure Müden, eure Armen, eure geknechteten Massen… Hoch halt’ ich mein Licht am gold’nen Tore!" Denn golden war es: das "M", das über dem Eingang thronte. Der erste McDonald's in Deutschland war eröffnet. Walter Rettenwender hat an diesem Tag aufgesperrt: "Ich war natürlich schon im Stress. Ich war 22 Jahre alt und wurde aus Amerika rübergeschickt."

Dolmetscher zwischen Amerikanisch und Bayerisch

Mitarbeiter in Uniform

Walter Rettenwender ist Österreicher, der eigentlich nach Ohio ausgewandert war und bei McDonald's arbeitete. Als es darum ging, nach Deutschland zu expandieren, fiel jemandem in der Zentrale ein: Wir haben da doch den "Walter", der kann ja Deutsch. Am Anfang war "Walter" dann vor allem ein Übersetzter zwischen zwei Kulturen: der amerikanischen und der bayerischen. Er erklärte den Gästen, dass man den Burger ohne Messer und Gabel isst – "wie eine Leberkäs-Semmel." Und eine Sache hatte der US-Konzern unterschätzt: was es bedeutet, wenn der Hausvermieter eine bayerische Brauerei ist: "Entweder ihr nehmt das Bier oder kriegt das Objekt nicht, so ungefähr", erzählt Walter Rettenwender, "und der Präsident von McDonald's International fand das gar nicht lustig, weil es gibt eben die Prinzipien... u.a.: kein Alkohol."

Bayerisches Bier und Burger

Alkohol verkaufen, in einem Familienrestaurant? Für Amerikaner "unbelievable". Doch genau so kam es. Neben dem bayerischen Bier gab es nur sechs weitere Produkte auf der Karte: Hamburger, Cheeseburger, Cola, Limo, Kaffee – und natürlich Pommes Frites. Sehnsuchtsobjekte, wie Roland Barthes sie einmal in "Mythen des Alltags" nannte. In Walter Rettenwenders Alltag werden sie vor allem eine Herausforderung. Er erinnert sich an den erste Besuch von den amerikanischen Einkaufschefs in der Großmarkthalle: "Wo Berge von Kartoffel aufgestapelt waren und der gesagt hat: None of these! ist für McDonald's brauchbar. Wir haben also zuerst auch die Pommes Frites eingeflogen, für kurze Zeit."

Die Kartoffelsorte "Idaho" musste in Deutschland erst als Saatgut anerkannt werden. In den ersten Jahren kamen vor allem die hier stationierten Amerikaner zum Essen – die Deutschen waren zunächst skeptisch. Amerika, das war damals vor allem der Vietnamkrieg. McDonald's musste draufzahlen. Und expandierte trotzdem. Heute gibt es hierzulande 1.448 Filialen. Nicht immer waren deren Eröffnungen so friedlich wie in München. In Berlin-Kreuzberg gab es heftige Proteste – und vor vier Jahren einen Anschlagsversuch.

Der Regensburger Professor für Kulturwissenschaft Gunther Hirschfelder hat dafür eine Erklärung: McDonald's sei für viele zum Synonym geworden. Für einen Rindfleisch-Konsum, der die Erde auffrisst, Raubbau an der Natur betreibt und für den Menschen nicht gut ist "Ja, McDonald's polarisiert, und das liegt einfach daran, dass wir heute viel mehr Konflikte über das Thema Essen und Trinken austragen, als damals, als McDonald's gegründet wurde. Damals war die Grundfrage für viele jüngere Menschen: Bin ich rechts oder bin ich links? Bin ich Sozialist oder bin ich Kapitalist? Heute ist die entscheidende Frage: Wie esse ich? Bin ich Veganer oder esse ich den Big Mac? Und all das spiegelt sich eben auch in den Auseinandersetzungen um McDonald's. Es geht nicht nur um den Burger, sondern es geht darum, die Welt zu erklären."

McDonald's als Spiegel der Gesellschaft

Werbeplakat von 1971

McDonald's geht es natürlich noch immer um den Burger – aber jetzt gibt es den eben auch vegan und in umweltschonenderer Verpackung. So ist McDonald's in den vergangenen 50 Jahren immer auch ein guter Spiegel gewesen: Für das, was wir als Gesellschaft sein wollen. Die Filiale in München Giesing wirkt heute noch immer ein bisschen wie ein Relikt aus den 1970ern: zwischen Bowlingbahn und dem Grünwalder Stadion. Für die Fußballfans war der "Macie" immer Teil ihres Viertels – hier versteckte man sich bei Auseinandersetzungen vor der Polizei, hier fand man Trost, wenn das Runde mal wieder nicht ins Eckige wollte. Lothar Langer vom Fanprojekt der 60er: "Gerade bei den Amateurspielen oder als wir in der trostlosen Bayernliga-Zeit in den 1980er Jahren. Da ist man dann zur Halbzeit rausgerannt, hat sich das Zeug geholt, ist wieder zurück ins Stadion gerannt und war dann happy, dass man drei Big Mac und fünf Milchshakes hatte."

Andy Warhol hat in den 1980ern mal gesagt: "Das Schönste in Tokio ist McDonald's. Das Schönste in Stockholm ist McDonald's. Das Schönste in Florenz ist McDonald's. Peking und Moskau haben noch nichts Schönes." Wir müssen uns Giesing als einen schönen Ort vorstellen.