Online-Uraufführung Das Residenztheater streamt "Marienplatz"

Das Münchner Residenztheater hat am Wochenende zum ersten Mal eine Online-Premiere gestreamt: "Marienplatz" von Beniamin M. Bukowski hinterfragt den realen Fall einer Selbstverbrennung 2017 mitten in München.

Von: Christoph Leibold

Stand: 21.12.2020 | Archiv

Thomas Lettow in "Marienplatz" von Beniamin M. Bukowski | Bild: Sandra Then

Ein wenig hat man sich inzwischen ja – notgedrungen – daran gewöhnt: dass Theateraufführungen gerade nicht von Bühnenportalen, sondern den Einfassungen von Computerbildschirmen gerahmt werden. Seltsam bleibt es dennoch, besonders in diesem Fall: Beniamin M. Bukowski hat sein Stück während eines Aufenthalts in München für München geschrieben, sehen kann man die Vorstellung nun aber überall in der Welt.

Bukowskis Stück beruht auf einer wahren Begebenheit, die einige Rätsel aufgibt: Im Mai 2017 übergoss sich am Münchner Marienplatz ein Mann mit Benzin und zündete sich selbst an. Er wählte einen der bekanntesten Orte der Stadt, so als wollte er maximales Aufsehen erregen. Dazu passt aber so gar nicht, dass er es im frühen Morgengrauen tat, als der tagsüber so belebte Platz fast menschenleer war. Erstaunlicherweise fiel das mediale Echo auf diese Selbstverbrennung, die nur kurz für unterschiedliche Spekulationen sorgte, gering aus, ehe die Schlagzeilen verblassten. Die einen mutmaßten, der Mann wollte gegen den Rechtsruck in Deutschland protestieren, die anderen unterstellten, er habe ein Zeichen gegen "Überfremdung" gesetzt.

Welchen Sinn hat ein Opfertod ohne höhere Idee?

Tatsächlich blieben seine Motive unklar. Hier setzt Bukowski mit seinen Fragen an: Was nützt ein drastisches Selbstopfer, wenn nicht klar wird, wozu es geschieht? Bukowski hat sich als Autor, der hinter die Beweggründe kommen möchte, selbst in sein Stück hineingeschrieben. Moritz von Treuenfels spielt ihn mit leichtem Nerd-Appeal als hartnäckigen Wahrheitssucher, während fünf weitere Darstellerinnen und Darsteller in die Rollen der Menschen schlüpfen, die ihm bei seinen Nachforschungen begegnen und mit ihm die Tat rekonstruieren.

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Teaser Marienplatz neu | Bild: Residenztheater (via YouTube)

Teaser Marienplatz neu

In der Inszenierung von András Dömötör finden diese Recherchen zwischen Holzbuden statt. Ausstatterin Sigi Colpe hat Verkaufsstände auf die Bühne des Residenztheaters gestellt wie man sie von Weihnachtsmärkten kennt und wie sie – für gewöhnlich – auch auf dem Münchner Marienplatz zu finden sind. Dabei ist es von nachrangiger Bedeutung, dass der Platz in diesem Advent wegen Corona leer bleiben musste. Eher stehen die Buden selbst für eine Leerstelle: für Weihnachten, dieses Fest ohne Inhalt, dem in einer säkularen Gesellschaft der Glaubenskern abhandengekommen ist. Welchen Sinn aber hat ein Opfertod ohne höhere Idee, in deren Namen er geschieht, sei es eine Religion, sei es eine politische Überzeugung? Weder das eine noch das andere ist im Fall des Marienplatz-Selbstmörders auszumachen.

Die Sinnlichkeit überträgt sich online nicht

Das ist das Mysterium, das Bukowskis Stück umkreist, und András Dömötörs Uraufführungs-Inszenierung ist eigentlich von der dazu passenden Sinnlichkeit eines Hochamtes, mit Musik und kräftig-farbigen Gewändern, nur ist es bei dieser Online-Premiere dann doch wie bei einem Fernsehgottesdienst: Den Weihrauch riecht man halt leider nicht.

Was digitale Formate angeht, so war an den Theatern zuletzt ein gehöriger Lernzuwachs zu beobachten. Das Residenztheater selbst etwa hat mit dem Monolog "Superspreader" eine Aufführung im Repertoire, die als Videokonferenz gezeigt wird, mit einem Schauspieler, der live performt und interagiert mit den Zuschauerinnen und Zuschauern, die nicht nur ihn, sondern auch sich gegenseitig sehen – fast so, als säßen sie nebeneinander im Parkett. Das Theater Augsburg hat sogar als erstes Theater in Deutschland eine Digitalisierungs-Beauftragte eingestellt und experimentiert unter anderem mit Inszenierungen für VR-Brillen. Solche originären Digital-Formate haben Perspektive über Corona hinaus.

"Marienplatz" dagegen ist gefilmtes Theater wie man es seit jeher von gelegentlichen Fernsehaufzeichnungen kennt. Durchaus gekonnt ins Bild gesetzt, aber es fühlt sich doch an wie ein Preview, das neugierig macht auf die eigentliche Premiere – eines hoffentlich nicht allzu fernen Tages.