Lust im Lockdown "Die Situation ist ja eigentlich Stress pur"

Wie steht's um die Lust im Lockdown: Haben wir mehr Sex, weil wir sonst nichts zu tun haben – oder killt die Jogginghose unsere Libido? Die Paartherapeutin Beatrice Wagner berichtet über Seelensex und das allerstärkste Aphrodisiakum.

Stand: 22.01.2021 | Archiv

Paar im Ehebett | Bild: colourbox.com

Der Corona-Lockdown verbaut alte Gewohnheiten und eröffnet neue Möglichkeiten: Weniger Abwechslung da draußen – Lokale, Museen, Sporthallen, alle geschlossen – könnte ja auch dazu führen, sich zur Abwechslung mehr mit dem Partner/ der Partnerin zu beschäftigen. Barbara Knopf hat mit der Paar- und Sexualtherapeutin Beatrice Wagner über die Lust im Lockdown gesprochen.

Barbara Knopf: Ganz pauschale Anfangsfrage: Hat der Lockdown einen Einfluss auf die Lust und auf den Sex?

Beatrice Wagner: Das hat er natürlich. Aber die Frage ist natürlich: Wie ändert es sich - und da kann ich gar keine pauschale Antwort geben. Das hängt erst einmal von der persönlichen Einstellung zu dem Ganzen ab. Wie gehe ich überhaupt mit diesem Lockdown um, wie geht es mir persönlich? Das hat einen Einfluss auf die Paarbeziehung.

Irgendwie sind wir alle schlecht dran in dieser Pandemie. Man muss wahrscheinlich unterscheiden, ob man eine Familie hat oder ob man Single ist, ob man Jugendlicher ist oder im Alter ist. Bei Familien könnte ich mir vorstellen, Homeschooling in Kombination mit Homeoffice – da ist es schwierig, die Lust aufrechtzuerhalten?

Das ist eine ganz, ganz üble Situation. Das ist ja eigentlich Stress pur. Und ich kann mir gut vorstellen, dass diese Paare am Abend eher Lust auf eine Mütze Schlaf haben als noch auf irgendwie eine schöne Nummer.

Und sie müssen Home-Sex machen. Man könnte ja jetzt empfehlen, sie sollen mal woanders hingehen, aber das können sie ja nicht.

Da muss man einfallsreich sein…

Bei den Singles ist es auch nicht ganz einfach, die können niemanden treffen. Die Dating-Plattformen sind trotzdem aktiv. Aber ich stelle mir das schwierig vor, jedem Kontakt haftet ja eine gewisse Gefährlichkeit an.

Ja, der Gedanke: der andere könnte es jetzt sein, der könnte diesen Erreger bringen... Die Dating-Plattformen sind schon irgendwie aktiv, wobei ich auch feststelle, dass da eine Ermüdung da ist. Ich glaube, bei den meisten Menschen ist so ein bisschen die Luft raus. Die einen sagen, ach nee, es ist mir zu anstrengend jetzt wieder nach einem neuen Partner zu suchen. Und beim anderen Bereich – und das sind tatsächlich die Menschen, die auch zu mir in die Praxis kommen, merke ich: Paare, die schon mal mit Hilfe der therapeutischen Interventionen gewisse Fortschritte erlangt haben, lassen sich jetzt eher wieder in ihre alten Gewohnheiten zurückfallen. Die Paare, die es aber vorher ganz gut hingekriegt haben, die vorher schon ganz zufrieden miteinander waren, die sich immer viel zu erzählen haben, die überstehen diese Situation recht gut. Die anderen, bei denen es früher schon gekriselt hat, da ist die Situation jetzt wie ein Katalysator. Da liegen jetzt wirklich die Nerven blank. Man mag den anderen eigentlich nicht mehr sehen, kann aber jetzt auch nichts machen. Man kann ja jetzt den anderen nicht einfach vor die Tür setzen. Das ist ja alles irgendwie unflexibel geworden, auch die Wohnungssuche.

Und man muss ja auch sagen: Man schöpft ja nicht nur aus sich, was Lust, Verführung, Sinnlichkeit betrifft, und alle äußeren Reize entfallen. Also zum Beispiel, wenn man auf Kulturveranstaltungen geht und sich etwas Schöneres anzieht als nur den Jogginganzug, wenn man flirtet, was einen belebt - all das findet ja jetzt nicht statt.

Ja, da kann man natürlich auch was machen. Aber es kostet eine gewisse Disziplin. Ein Schriftsteller aus China hat mal diesen schönen Satz geprägt, „sich einander wie Gäste verehren“ und diesen Ausdruck finde ich einfach wunderbar. Wenn man sich im Homeoffice und am Frühstückstisch eben nicht gehen lässt, nicht gleich in die olle Jogginghose reinschlüpft, die man schon tagelang trägt, sondern sich einfach für den anderen auch schön macht, das macht sich auch mit einer inneren Einstellung bemerkbar. Man selber zeigt dem anderen, du bist es mir wert, dass ich mich nur für dich schönmache. Ja, was rate ich noch? Es klingt ein bisschen paradox, aber es ist ganz wichtig, dass man sich trotzdem eine Freiheit aufrechterhält. Sei es nur, dass man sich für ein paar Stunden irgendwie verabschiedet, ins andere Zimmer geht. Oder wenn man in einer Einzimmerwohnung lebt, sich einen Kopfhörer auftut und sagt, du lass mich jetzt wirklich mal ein, zwei, drei Stunden alleine. Ich muss nachdenken, ich will mein Tagebuch schreiben, ich will mir ganz alleine mal diesen Film angucken. Der Mensch braucht den Rückzug in sich selber, um sich wieder in Ordnung zu bringen.

Man muss ja auch in Beziehung treten zu den eigenen inneren Bedürfnissen, zu denen ja der Sex dann gehört.

Sie steuern zielstrebig auf den Sex los… was ich festgestellt habe: Diese Geschäfte für Sex-Toys boomen gerade, also das ganze Sexspielzeug, Fesselspiele, künstliche Dildos, was auch immer man darunter versteht. Das zeigt schon, dass Paare versuchen, sich von außen Anregungen zu holen. Ich rede mit einem gewissen Vorbehalt in der Stimme, weil ich tatsächlich meine: Das ist aber noch nicht alles. Wenn ich für mich ausgiebig alleine sein kann, habe ich hinterher auch wieder Lust, ausgiebig und intim mit meinem Partner Sex zu haben. Und das ist für mich persönlich das Haupt-Aphrodisiakum. Dieses Wunder, den geliebten Partners bei sich zu haben, das ist doch etwas, was man mit sehr wenig Aufwand immer wieder neu produzieren kann. Ich klinge irgendwie so pastoral, das will ich gar nicht.

Ich finde das sehr schön in Verbindung mit dem Thema Sex!

Vielleicht liegt es daran, dass ich hier wirklich eine Art Sendungsbewusstsein habe: für uns selber wieder mehr Zeit und für die Partnerschaft wieder mehr Zeit zu haben!

Das heißt, dieses beschleunigte Leben, das wir hatten, dass alles möglich ist, vielleicht auch alles toll sein muss – das war eigentlich auch ein bisschen sexfeindlich?

Das ist sexfeindlich, der Sex wird da irgendwie immer weniger. Wir tendieren schon ein bisschen dahin, dass auch der Sex rationalisiert wird. Da kommen wir zum Stichwort Pornografie. Die durchschnittliche Verlaufszeit in einem Pornoportal sind zehn Minuten. Und in den zehn Minuten habe ich dann schnell meine Sexualität, ich rufe die Stichworte auf, die mich höchstmöglich antriggern, mache meine Masturbation -und dann habe ich´s doch wieder geschafft! Da bleiben natürlich der ganze Seelensex und das Liebevolle total auf der Strecke.

Die legendäre amerikanische Sexualtherapeutin Ruth Westheimer hat mal eine Lanze gebrochen für die Masturbation, sie hat gesagt, man solle erstmal die Erregung abbauen, dann sorgt man gut für sich –und ist ein zufriedener Mensch.

Moment, ich habe nichts gegen die Masturbation gesagt, überhaupt nicht, sondern ich habe von der Internetpornografie gesprochen, dem Fastfood der Sexualität. Masturbation ist Klasse. Masturbation ist eigentlich immer gut.  Masturbation macht eine fröhliche Laune. Masturbation macht schön und ist jugendlich - da gibt es nichts dagegen einzuwenden!

Beatrice Wagner ist Paar- und Sexualtherapeutin in München und Icking, Lehrbeauftragte für Medizinische Psychologie an der Ludwig-Maximilians-Universität in München und Buchautorin von Titeln wie „Kein guter Sex ohne Unlust.“ Hier können Sie das Gespräch aus der kulturWelt nachhören.