Meinung Warum Mode während Corona wichtig ist

Mode ist keine Nebensache, findet unser Autor. Auch und gerade während der Pandemie. Deswegen zieht er sich jeden Morgen was anderes an – so wie vor Corona. Eine Marotte oder doch mehr?

Von: Martin Zeyn

Stand: 07.01.2021 | Archiv

Eine Maske mit Perlenaugen und dreizackiger Krone | Bild: picture alliance / Photoshop

Corona hat uns alle fest im Griff. Das nervt. Auch mich. Neun Monate Ausnahmezustand mit mal mehr, mal weniger Einschränkungen machen müde. Mein passiver, höchst friedlicher und zutiefst hygienischer Widerstand: Mode.

Home wear ist nicht Mode

"Wer eine Jogginghose trägt, hat die Kontrolle über sein Leben verloren", sagte 2012 Karl Lagerfeld. Ein starker Satz! Der den Designer übrigens nicht hinderte, Models in Jogginghose mit sehr großem, folglich eher undezentem Chanel-Schriftzug über den Laufsteg zu schicken. Mode lebt von der Anpassung, wusste Lagerfeld aus langjähriger Erfahrung. Und wenn wir eines gerade müssen, dann unser Leben anpassen. Also eigentlich perfekte Zeiten für die Mode, oder?

Doch die Mode scheint gerade nur eine Antwort auf die Pandemie zu kennen: home wear. Das kommt mir aber nicht nur zu einfach, sondern sogar unmodisch vor. Denn tatsächlich kommt der Trend zur bequemen Jogginghose und zum Schlabber-Sweater nicht aus Paris, Mailand oder London. Auch zitiert home wear nicht die Streetwear der Rapper in den 80er oder die echt fiese Mode der 70er (Ich darf das sagen, ich war dabei, anders als die David Kramer, der für Celine folgendes Statement entwarf: "I Have Nostalgia For Things I Probably Have Never Known"). Die aktuelle home wear-Welle ist weder ein cleveres, postmodernes Zitat, noch entspringt sie modischem Genie. Im Gegenteil: Sie ist eine Kapitulationserklärung, wenn auch eine bequeme.

Mode als visuelles Zwiegespräch

Nein, in den vergangenen neun Monaten habe ich nicht einmal eine Jogginghose getragen. Nicht, weil ich Kontrollverlust fürchte. Nicht, weil ich keine habe (habe sehr wohl eine für das Fitnessstudio, weil da morgens kräftig durchgelüftet wird. Und zwei Anzugjogginghosen, aber das ist eine andere Geschichte, eine der Dekonstruktion und der différance – die Erklärung bitte bei Derrida nachschlagen, aber Sie können mir glauben, vor dem Spiegel weiß ich genau, was der Philosoph damit meinte).

Dieses Kleidungsteil habe ich gemieden, weil ich dem Virus nicht zubilligen wollte, alle Bereiche meines Lebens zu kontrollieren. Ich wollte Herr über mich selbst bleiben, wenigstens optisch. Ganz gleich, ob mich jemand sehen würde. Ganz gleich, ob bei den Videokonferenzen nur meine Schultern und mein Kopf auf dem Bildschirm zu erblicken waren.

Eigentlich ist Mode eine Art visuelles Zwiegespräch mit meiner Umgebung. Eine Form der Kommunikation, auf die ich genauso viel Achtsamkeit verwende wie für höfliche Begrüßungen. Diese Art von Gesprächen gibt es kaum noch, wenn wir mal von den verhuschten Treffen auf dem Flur absehen, bei dem nur eines zu beachten ist: Wie halten wir den Mindestabstand von 1,5 Meter ein. Da spielt das Motiv auf dem T-Shirt oder das weiche Material des Wollmantels keine Rolle.

Männermode spielte schon immer mit dem Unsichtbaren

Lederjacke und bunte Sakkos. Auch Foucault liebte es extravagant.

Nun, bei Herrenmode war Mode schon immer gerne unsichtbar bzw. spielte sich im Verborgenen ab. Jener besagte weiche Wollmantel ist außen mausgrau, hat aber innen ein grünes Innenfutter, eine lila Einstecktasche und blaue Ärmel. Zugeknöpft ist davon nichts zu sehen. Eigentlich finde ich diesen Umgang mit Farbe als verklemmt und konterkariere ihn gerne mit auffälligen Strümpfen, Schuhen und Hosen (Die Andeutung „Hose mit Zebramuster“ muss hier genügen). Aber in Corona-Zeiten empfinde ich diesen Umgang mit Farbe als Fingerzeig. Nicht aufgeben! Sich kleine Freuden zubilligen, wann immer es geht! Sich als Person zu behaupten, auch wenn die Krankheit gerade alles tut, um uns allein auf ein Merkmal zu reduzieren: ein guter Wirt zu sein. Was doch nichts anderes meint, als ein ebenso hässliches wie fast unsichtbares Accessoire herumzutragen. Nicht mit mir! Schöne Dinge zu tragen, schlicht, sich schön zu machen, ist ein Akt der Selbstbehauptung – und geht konform mit allen Hygienevorschriften! "Die Sorge um sich selbst" hat das Michel Foucault genannt (und dessen Sakkos waren selten mausgrau).

Mode mehr als ein ästhetisches Statement

Auch mein Interesse an Mode hat stark nachgelassen. Ich sehe mir nicht mehr Modenschauen an und blättere kaum noch in Magazinen (lesen lohnte sich schon früher höchst selten). Aber das heißt für mich eben nicht, diesen Teil von mir aufzugeben: jenen, der sich nach Außen gewendet hat in Form von Kleidung. Es ist ein zugegeben kindisches Statement: Du verdammte Pandemie bekommst mich nicht klein!

Aber ich brauche selbst solche Ausrufe. Denn es ist nicht leicht, nach neun Monaten Zuversicht zu bewahren. Dafür sind mir alle Fluchten recht – alle, die niemanden anderen gefährden. Und Mode war schon immer einer meiner Lieblingsfluchtwege. Um für ein paar Augenblicke zu vergessen, was die Welt gerade aktuell an Zumutungen für mich parat hält. Und dass ich dabei noch immer nicht die Kontrolle über mich verloren habe.

PS: Und wer immer männlich und mutig für eine natürliche Verbindung hält - ein rascher Blick in das Schaufenster eines beliebigen Herrenausstatters zeigt es deutlich: Männer sind Schisser.