Kultursommer an der Isar Probelauf für frische Ideen zur Stadtgestaltung!

Gipsy, Blues, Rock, Elektro-Pop... und alles live: Das Flussufer wird zur Bühne. Der Kultursommer an der Isar feiert das Wiedererwachen der Kultur und will verschüttete Lebensräume in der Münchner Innenstadt wiederbeleben. Ein Interview mit den Veranstaltern.

Von: Andrea Mühlberger

Stand: 09.07.2021

Endlich wieder Livemusik: Am Kulturstrand an der Isar in der "Frischluftschneise" | Bild: Urbanauten

Am 9. Juli ist der "Kultursommer an der Isar" am Münchner Westufer gestartet: ein Riesenprojekt mit sechs großen und kleinen Bühnen, vom Deutschen Museum bis zur Reichenbach-Brücke (das bitte nicht zu verwechseln ist mit dem vom Freistaat an 900 Orten geförderten "Kultursommer 2021").Erst vor wenigen Tagen gaben die Behörden grünes Licht für das Kultur- und Gastro-Festival. Veranstalter Benjamin David (Kulturstrand, Kulturlieferdienst, Urbanauten) und Gastwirt Peppi Bachmaier (Fraunhofer, Herzkasperl-Zelt Oide Wiesn) verraten im Interview, worum es dabei eigentlich geht: um die Wiedereroberung verschütteter Lebensräume in der Stadt.

Andrea Mühlberger: Bayerischer Kultursommer, Sommer in der Stadt, Kultursommer an der Isar - nach langer Durststrecke gibt es jetzt fast schon ein Überangebot an Kultur. Wie will sich der Kultursommer an der Isar da abheben? 

Benjamin David: Vielleicht beginne ich mit der Idee: Es gibt den innerstädtischen Isar-Raum rund um das Deutsche Museum und am Westufer, an der Innenstadtseite, gibt's unglaublich viel Autoverkehr – 44.000 Autos am Tag. Als Vorsitzender von Isarlust e.V. denke ich schon ganz lange, dass man aus diesem Westufer mehr machen Könnte. Und dann stand in der Zeitung, dass der Peppi Bachmeier seit 15 Monaten sein Fraunhofer Theater zu hat. Und da habe ich ihn gefragt, ob er nicht mitmachen will, bei einem Kultursommer an der Isar – mit insgesamt sechs Kulturbühnen am Ufer und Mini-Gastronomie zur Refinanzierung – aber auch weil wir gern mal ein Bier trinken… 

Peppi Bachmaier: Wir haben nach wie vor wenig Chancen, bei uns im Fraunhofer die Leute reinzubringen, ins Theater oder Lokal, weil momentan immer noch alle instinktiv lieber draußen sitzen wollen. Deswegen finde ich es sehr gut, dass wir mit unserem "Fraunhofer Isarflimmern" dabei sind. Das Programm wird sehr gemischt sein, Gipsy, Blues, Rock – aber kein Kabarett oder Theater, dafür ist es hier ringsherum zu laut. . 

Andrea Mühlberger: Stichwort laut: Beim Kultursommer an der Isar stehen die Bühnen am Westufer auf so kleinen Grünflächen. Das wird nicht alle freuen, die da wohnen?  

 Benjamin David: Rein juristisch handelt es sich nicht um Grünflächen, sondern um "Straßenbegleitgrün". Das sagt ja schon alles… Man muss sich dabei klarmachen: An diesen Uferstellen hat seit 150 Jahren nichts mehr stattgefunden! Vor 150 Jahren war das noch der Isarboulevard, wo man flanierte und spazierte, es gab insgesamt 15,16 Ausflugslokale. Dann kam die autogerechte Stadt. Und heute ist das gesamte westliche Isarufer mit seinen tollen alten Bäumen "Straßenbegleitgrün". Das werden wir diesen Sommer ändern. Und was den Lärm betrifft: Im nördlichen Teil, rund um das Europäische Patentamt und das Deutsche Museum, könnte es tatsächlich etwas lauter werden, mit elektronischer Musik. Da sind aber kaum Anwohner. Und im südlichen Teil, da machen Peppi Bachmeier und der Martin Jonas vom Fraunhofer Theater ihre, ich sag mal einfach: Anwohner-Musik, oder eine besondere Art von Heimatmusik?

Peppi Bachmaier im Interview auf dem "Straßenbegleitgrün"

Peppi Bachmaier: Also wir machen einfach Musik. Heimat weiß ich jetzt nicht, das typische Programm aus dem Fraunhofer halt oder aus dem Herzkasperl-Zelt. Auf gut Münchnerisch könnt man sagen: Musik für junge Leute. Jedenfalls freue ich mich, wenn die bei denen ankommt und darauf getanzt wird. Da herrschte ja in letzter Zeit großer Mangel… Jetzt sehe ich eine Riesenchance und Freude – für die Musiker, aber auch fürs Fraunhofer, endlich wieder was machen zu können.  

Benjamin David: Tatsächlich ist es für uns Kulturveranstalter eine unglaublich schwere Zeit – was die finanzielle Planung betrifft. Mein Eindruck ist, dass vielleicht ein bis zwei Prozent der Konzerte, die es normalerweise in so einem Sommer gibt, aktuell überhaupt stattfinden können. Das heißt, dass 98 Prozent der Dinge, von denen Musiker,  DJs, Filmschaffende, Schauspieler leben, die entfallen ja weiterhin. Und insofern sind wir schon sehr stolz, dass wir den Kultursommer an der Isar auf die Reihe kriegen, zusammen mit fünf Partnern. Aber letzten Endes stehen wir mit unserem eigenen Geld voll im Risiko. Wenn es in zwei, drei Wochen wieder einen Lockdown gibt, habe ich 50.000 Euro Schulden.

Andrea Mühlberger: Aber auch diese ganzen Bühnen drei Monate lang zu bespielen und Programm zu machen, ist doch eine ziemliche Herausforderung? 

Benjamin David: Wir haben hier tatsächlich sechs Tage die Woche Kulturprogramm, von Dienstag bis Donnerstag Live-Musik, kuratiert von Jürgen Reiter, selbst Musiker, am Freitag und Samstag elektronische Musik. Für die ist Felix Adam vom Elektro-Club Harry Klein zuständig. Und am Sonntag haben wir hier so eine Art Open-Stage Live-Musik, mit wechselnden Künstlern. Außerdem gibt’s jeden Morgen Yoga – also wer eine Idee hat, kann gerne mitmachen. Kultur soll wieder stattfinden können -   und ich bin mir sicher, dass die sechs Bühnen sehr lebendige Orte werden, diesen Sommer!   

Andrea Mühlberger: Das Hygiene-Konzept dafür?  

Benjamin David: Das heißt Frischluftschneise. Hier bläst konstant ein schöner leichter Wind. Da kam die Idee für den Kultursommer an der Isar in der Pandemie auch her, weil wir uns gedacht haben: Wo soll Kultur denn bitte stattfinden, wenn nicht hier, wo frische Isar-Luft die Viren verbläst? Nur regnen darf es nicht…   

Andrea Mühlberger: Der Verein Isarlust und die Urbanauten haben ja schon länger Pläne, das Isar-Westufer kulturell zu bespielen und die einzigartige Naturlandschaft der Isar mitten in der Stadt erlebbar zu machen – alles möglichst autofrei. Ist der Kultursommer an der Isar jetzt eine Art Teststrecke für dieses Projekt?   

Benjamin David: Für uns ist das Westufer der Isar, wo jetzt der große Autoverkehr durchrauscht, fast wie am Mittleren Ring – ein unglaublich spannender Ort! Aber ob es uns gelingt, dem Autoverkehr den Schneid abzukaufen? Klar sind diese sechs Kultur-Bühnen eine Teststrecke. Und auf der Haidhausener Seite soll Naturschutz ganz großgeschrieben werden. Aber da soll dann nicht nur der Biber sein, sondern da soll auch mal eine Familie mit den Kindern plantschen dürfen. Wir können das hier einfach einüben als Stadtgesellschaft: Wie schaffen wir es, dass Natur und Kultur, Urbanität und Ökologie, Mensch und Tier koexistieren können auf ganz kleinem Raum? Der Kultursommer an der Isar ist sicher ein Probelauf dafür!  

Peppi Bachmaier: Ich bin da an der Isar aufgewachsen, also beim Deutschen Patentamt, da haben meine Eltern ein Geschäft gehabt. Das Isar-Hochufer und die Kiesstrände waren mein Spielplatz – und der meiner Freunde. Insofern habe ich da natürlich eine ganz starke Verbindung! Da waren wir unterwegs früher! Haben unsere erste Zigarette geraucht. Sogar Schlittschuh gelaufen sind wir – jeden Winter war da Eis drauf. Das gibt's nimmer. Und das haben die Leute vergessen. Das ist schon sehr bedenklich. Aber die schönen Erinnerungen würde man gerne weitergeben… 

Benjamin David: ist 3 Jahre durch die Isar zu seiner Arbeit geschwommen.

Benjamin David: Wie faszinierend das Westufer der Isar hier ist, kann man gar nicht genug betonen. Aber das ist ein Ort, den kennt ihr alle noch nicht! Da fahrt ihr nur mit dem Auto dran vorbei oder heizt mit dem Fahrrad durch! Die wenigsten Leute kennen diesen Ort so wie ich. Ich bin hier drei Jahre lang zur Arbeit geschwommen, die Isar entlang, und habe dabei unter dieses ganze Geäst geschaut und in diese Büsche. Da wohnen Menschen, dutzende Menschen, die dort ihre Hütten gebaut haben und dort überleben. 

Peppi Bachmaier: Auch mein Vater war hier Schwimmen, an der "Arbeitslosen-Riviera", wie es im Volksmund hieß. Wer damals tagsüber Zeit zum Baden hatte, der galt als nicht ganz sauber. Aber mein Vater hatte Arbeit, der musste nur schon so früh anfangen. Heute sind an den Kiesstränden eher zu viele Menschen. Und man fragt sich, warum man da nicht ein bisserl weiterdenkt… 

Benjamin David: Aber es gibt ja diese wunderschönen kleinen Balkon-Situationen, auf 6,8 Kilometer Länge. Nur muss man leider sagen, dass diese Fläche für den Naturschutz weitgehend verloren ist – wegen der Autos, die daneben vorbeifahren. Wer will sich da schon aufhalten! Aber wir glauben, da geht noch was! Vielleicht gelingt es uns im Laufe der nächsten 10, 20 Jahre, diese Balkone zwischen den alten Bäumen wieder zu einem Lebensort für die Menschen zu machen: mit kleinen Kultur-Bühnen, Gastronomie, Cafés. Es muss auch nicht immer eine Kulturveranstaltung sein. Es muss auch nicht immer Bier geben, aber einen Anlass braucht es schon. Zu hoffen, dass sich neben dem Autoverkehr einer auf eine Parkbank setzt – das funktioniert einfach nicht. Deshalb probieren wir das jetzt mal mit dem Kultursommer!  

Drei Monate ist am Münchner Westufer der Isar jetzt täglich Programm, was wann auf den Bühnen gespielt wird, erfahren Sie hier.  

 Das Interview lief am 8.7.2021 im KulturLeben auf Bayern 2.