Stimmen von Intellektuellen zu den Protesten in Belarus Die Kunst und der Widerstand

Die Wucht der seit Wochen anhaltenden Proteste in Belarus ist enorm. Sie bringt die Diktatur Alexander Lukaschenkos mächtig ins Wanken, sie holt immer mehr Menschen auf die Straße. Und ihr Einfluss reicht heute schon bis in die belarussische Volkskunst.

Von: Christine Hamel

Stand: 18.09.2020 | Archiv

Ein älterer Demonstrant spricht in Minsk mit einem Polizisten. | Bild: dpa-Bildfunk/Sergei Grits

Die Künstlerin Rufina Bazlova stickt mit rotem Garn keine Hähne, Rosen oder abstrakte Muster mehr auf weißes Leinen, sondern Gefängnistransporter und Massen, die sich an den Händen halten und die rot-weiße Flagge tragen oder vor knüppelnden Kriegern fliehen. Agitprop in traditionellem Kreuzstich 2020. Auch die Sprache hat sich verändert. Der Regisseur Mikita Ilinczyk hat in dem russischen Online-Magazin "Republic" ein neues belarussisches Wörterbuch zusammengestellt: A wie Awtosak heißen die kastenförmigen Gefangenentransporter, in denen die Protestierenden verschwinden. Sie dienten als Angstmacher, schreibt Ilinczyk. Die Massen skandieren aber "Lukaschenko w awtosak" – Lukaschenko in den Awtosak. Denn gedacht ist so ein Awtosak eigentlich für Verbrecher.  Weitere Stichworte sind H wie Henkersknechte und S wie Sascha 3 Prozent. Sascha ist die Kurzform von Alexander. Bei Internetumfragen im Vorfeld der Wahlen im August erzielte Alexander Lukaschenko ganze drei Prozent.

Dichterin in der erlernten Sprache

Die belarussische Dichterin Valzhyna Mort bebt, wenn sie von den ungeheuerlichen, ungesetzlichen Vorgängen in Minsk, Gomel, Hrodno oder Pinsk erzählt: "Leute, die verhaftet werden, werden tatsächlich eher entführt. Die Polizei trägt Uniformen ohne Erkennungszeichen und gibt keine Informationen heraus zum Schicksal der Verhafteten. Sie stecken die Leute einfach in Vans. Den Verhafteten wird jede Rechtshilfe untersagt und in den Gefängnissen sitzen politische Häftlinge, denen selbst medizinische Hilfe, die sie dringend brauchen, vorenthalten wird. Das Strafmaß wird bei Gerichtsverhandlungen ganz nach der Logik von Lotterien erteilt. Falls ein Video belegt, dass du eigentlich nur spazieren gegangen bist und dich auch der Verhaftung nicht widersetzt hast, wird es garantiert ignoriert. Und wenn du Journalist bist und an dem Ort gearbeitet hast, an dem man dich verhaftet hat, wird das auch ignoriert."

Valzhyna Mort gehört zu den bedeutendsten Stimmen der weißrussischen Literatur. Ihre Poeme: präzise, kraftvoll, widerständig. 1981 in Minsk geboren, lebt sie heute in Washington und schreibt neben Belarussisch auch auf Englisch. Russisch ist ihre Muttersprache, Belarussisch, das Valzhyna Mort einmal als eine "Sprache, die der Musik hinterherläuft" definiert hat, hat sie erst als Kind in der Schule gelernt.

Plötzlich gibt es eine Zukunft für Belarus

Nicht nur in Minsk, sondern im ganzen Land verteidigen Menschen die Idee einer freiheitlichen Demokratie: Die Protestmärsche sind friedlich, es sind Märsche für Würde, Frieden und für den Stopp der Staatssanktionen und der Polizeigewalt. Die Regierung hat alle politischen Anführer inhaftiert oder sie dazu gezwungen, das Land zu verlassen. Aber die Leute können sich gut selbst organisieren. Das ist Teil ihres kulturellen Codes, der aus der Partisanenbewegung und der damit verbundenen Selbstverantwortung kommt. Unabhängige Informationen beziehen die Protestierenden vor allem aus dem Messengerdienst Telegram.

In einem Hof zwischen Plattenbauten im Norden von Minsk gründeten Aktivisten daraufhin einen Platz des Wandels, Ploschtscha Peramen. Der Ort, der auch einen Instagram-Account hat und an dem abends oft Konzerte stattfinden, ist das Herz der Proteste. Wenn die Obrigkeit die Konterfeis der DJs übermalt, sind sie Stunden später wiederhergestellt. Auch die Bändchen werden schnell wieder angeknotet. Die Stadtverwaltung ist sich tatsächlich nicht zu schade, Mitarbeiter zu schicken, die mühevoll über Stunden Knoten lösen. Der Platz des Wandels erweist sich bislang jedoch als unverwüstlich - eine klassische Schöpfung von Kulturpartisanen. Die Dichterin Volha Hapeyeva erklärt, was es damit auf sich hat: "Das Konzept der Partisanen kehrt heute in eher metaphorischem Sinn wieder.

Künstler agieren wie Partisanen

Unabhängige Künstler müssen in Belarus wie Partisanen auftreten. Sie müssen sich verstecken und nach einem indirekten Ausdruck suchen für das, was sie sagen wollen. Ausstellungen können am Eröffnungstag abgesagt werden, daher laden die Künstler nachts zu sich nach Hause ein, um ihre Werke zu zeigen. Belarussen sind darin geübt, denn ihr Land war in der Geschichte oft Durchmarschgebiet mit ständig wechselnden, meist despotischen Machthabern. Oft fällt in Gesprächen der Begriff 'Paranoia' - sie lebten in einem paranoiden Land. Meist ist das der Versuch, einen Schrecken jenseits aller Vorstellungskraft zu beschreiben, der bis heute anhält.

Volha Hapeyeva, deren Gedichtband "Mutantengarten" auf deutsch vorliegt, ist nach Teilnahme an einem Kongress in Litauen ins Visier des KGB geraten. Der Geheimdienst in Belarus trägt auch weiterhin den Namen aus der Sowjetzeit - eine bruchlose Tradition: "Es ist eine Besonderheit moderner Diktaturen, dass sie raffinierter geworden sind. Nicht so dumm jedenfalls, wie man meinen könnte. Wenn man länger in Belarus lebt und sich in bestimmten Kreisen bewegt, oder wenn man Ideen verbreitet, die nicht der Regierungslinie entsprechen, wird man sehr schnell mit einer anderen Realität vertraut. Der KGB weiß alles über Dich, sie kommen, um ein Gespräch mit Dir zu führen, sie können Dich einschüchtern oder Dich mit verschiedenen Methoden umschmeicheln. Viele arbeiten auch für den Geheimdienst und schreiben Dossiers. Ich glaube, sie haben für jeden Belarussen eine Akte angelegt. Zu mir sind sie auch gekommen. Ich war so schockiert, dass ich niemandem davon erzählen konnte. Ich hatte Angst und ich habe keinem mehr vertraut. Ihre wichtigste Aufgabe ist es, Angst zu schüren. Angst ist ihre wichtigste Waffe."

Proteste als Kunstform

"Die Choreographie der Proteste, die wir alle gemeinsam entwerfen, ist im Moment unsere wichtigste Kunst", sagt der Künstler und Kurator Aliaxey Talstou. "Wir stecken alle mittendrin und die Situation ändert sich jeden Moment. Morgens hast Du die Idee, abends eine andere. Sonntags bist du glücklich, montags bist du traurig, weil wieder Leute von den Sonntagsprotesten verhaftet worden sind. Auch einige Künstler landeten hinter Gittern. Nadja Sayapina, zum Beispiel. Sie hatte im August an einem Protest teilgenommen, den Künstler organisiert hatten. Die Polizei ist zu ihr nach Hause gekommen. Das bedeutet, dass sie Videos auswerten. Damit demonstrieren sie ihre Macht gegenüber den Künstlern. Die Message: Jeden von euch kann es treffen. Eine Art der Einschüchterung. Aber es sind nicht so viele, die Angst haben. Denn die Proteste sind der einzige Weg nach vorn."

Ob sich die Protestierenden und Streikenden durchsetzen können, ist ungewiss. Alexander Lukaschenko hat in Sotschi gerade Wladimir Putin getroffen, der bereit ist, ihm zu Hilfe zu kommen, wenn "die Lage außer Kontrolle gerät". Autokraten verstehen es naturgemäß als Kontrollverlust, wenn sie nicht mehr ungestört von oben nach unten durchregieren können. Minsk ist inzwischen voll mit Moskauer Polittechnologen. Belarussische Journalisten in den Staatsmedien, die sich weigerten, nicht über Polizeigewalt zu berichten, wurden entlassen und durch russische Ideologen ersetzt. Deren alternative Fakten, werden sich nicht mehr in den Köpfen der Belarussen verfangen, so viel steht fest. Zu groß und berauschend ist die Erfahrung: Wir sind die Mehrheit. Die friedliche, gesetzestreue Mehrheit.

Dieser Beitrag wurde für das Kulturjournal auf Bayern 2 geschrieben.