Meinung Wir brauchen noch viel mehr Umbenennungen!

Wohnen Sie in einer Straße, die nach einem Kolonialverbrecher benannt ist? Eine interaktive Karte der Initiative Schwarze Menschen schafft Aufklärung. Klar ist: Es lohnt sich, den Stadtplan zu durchforsten! Ein Kommentar

Von: Martin Zeyn

Stand: 29.06.2020 | Archiv

Die Initiative "Tear this down" will Straßennamen mit kolonialem Kontext umbenennen | Bild: Illustration: Zoff Kollektiv

Togostraße, Sansibarstraße, Afrikanisches Viertel – was nach schönen Reisezielen klingt, ist deutsche Kolonialvergangenheit. Bis heute erwecken Straßennamen den Eindruck, als wäre der Kolonialismus ein ganz normaler, nahezu unproblematischer Teil der deutschen Geschichte. Schlimmer noch, auch Kolonialverbrechen und -verbrecher werden durch Straßennamen und Denkmäler geehrt: Zum Beispiel Hermann Wissmann, Namensgeber der Wissmannstraße in Leipheim bei Günzburg, der als Befehlshaber der ersten deutschen Kolonialtruppe den Widerstand der ostafrikanischen Küstenbevölkerung brutal niedergeschlagen hat.  

Auf tearthisdown.com macht die Initiative Schwarze Menschen (in Deutschland in Zusammenarbeit mit dem Peng Kollektiv) auf die zahlreichen Verweise in Straßennamen und Denkmälern auf diesen unterschwelligen Kolonialismus aufmerksam. Eine interaktive Karte zeigt dieses kaum aufgearbeitete Erbe – mit zahlreichen Straßen und Plätzen, die nach ehemaligen Kolonien benannt sind – 100 Jahre, nachdem Deutschland sämtliche überseeische Gebiete verloren hat.

"Kolonialismus jetzt beseitigen"

Das Ziel der Karte ist hochgesteckt: den "Kolonialismus jetzt beseitigen". Wobei es nicht darum geht, die Erinnerung zu tilgen, ganz im Gegenteil. Die Initiative fordert einen klaren Perspektivwechsel. Es müsse die Grausamkeit des Kolonialismus sichtbar gemacht werden. Nicht den Verbrechern, sondern den Opfern und dem antikolonialen Widerstand solle gedacht werden. "Wo ein Denkmal fällt, soll ein Mahnmal entstehen oder die Sockel werden befreit, um Platz für Gestaltung von Künstler*innen aus den ehemaligen Kolonien und der hiesigen Schwarzen Community zu schaffen." 

Jemanden mit einem Straßennamen zu ehren ist keine Lappalie. Viele Kommissionen ringen seit langem darum, endlich Diversität zu erzeugen – zu Lasten von Generälen und Demokratieverächtern. Denn eigentlich sollen dadurch nur Personen auf den Schildern erscheinen, deren Verdienste für die Stadt oder das Land unbestritten sind. Oder gilt etwa der zutiefst ironische Satz von Voltaire, nach dem man 100.000 seiner Menschen heldenhaft sterben lassen müsse, um mit einem Denkmal geehrt zu werden?  

Neue Denkmäler braucht das Land 

Geschichte wird von Siegern geschrieben. Aber Geschichte ist nicht statisch – sie muss von jeder Generation neu auf den Prüfstand gehoben werden. Wir als Demokratie haben die Aufgabe, unsere Vergangenheit kritisch zu hinterfragen, um aus Fehlern und Versäumnissen Konsequenzen ziehen zu können. Die Mühe, den Stadtplan zu durchforsten lohnt in jedem Fall. Denn durch eine gezielte Umbenennung ließe sich die Generalsdichte reduzieren – und mit neuen Schildern endlich der Anteil der Frauen an der deutschen Geschichte betonen. Deutschland hat zu lange den Militarismus und den Kolonialismus hofiert – Zeit, das endlich zu ändern. 

Facebook-Vorschau - es werden keine Daten von Facebook geladen.

Capriccio

Warum wir Straßennamen umbenennen solltenDie Stadt München überlegt, bis zu 40 Straßen umzubennen. Unser Autor Martin Zeyn sagt: richtig so! Aber bitte nicht übers Ziel hinausschießen!Gepostet von Capriccio am Dienstag, 14. Januar 2020