Klaus Wagenbach Der "rote Klaus" wird 90

Er ist eine Verleger-Legende: Klaus Wagenbach, der Gründer des "unabhängigen Verlags für wilde Leser", feiert am 11. Juli seinen 90. Geburtstag. Antonio Pellegrino hat mit ihm gesprochen.

Von: Antonio Pellegrino/Kirsten Böttcher

Stand: 07.07.2020 | Archiv

"Hedonismus, Geschichtsbewusstsein, Anarchie" - so formulierte Klaus Wagenbach die Absichten seines 1964 gegründeten Verlags mit den liebevoll gestalteten Büchern in rotem Einband. Für ihn selbst seien diese drei Begriffe "eigentlich ganz normale Pflichten eines deutschen Intellektuellen", wenn er diesem Land, sei es auch kritisch, zugetan sei. Dem Berliner Charakterkopf, stets rot besockt, ist es gelungen, im Nachkriegsdeutschland seinen unabhängigen Verlag durch alle Höhen und Tiefen zu führen, dabei sein ausgesuchtes Programm durchzusetzen und schließlich einen sanften Führungswechsel zu vollbringen. Seit 2002 leitet Susanne Schüssler den Verlag.

Wie der "rote Klaus" seinen Weg durch das Nachkriegsdeutschland bis durch die Türen des S. Fischer Verlags gegangen ist und später seinen eigenen Verlag etablierte, erzählte er Antonio Pellegrino im Jahr 2010.

Antonio Pellegrino: Der französische Filmemacher Truffaut hat man ein Buch geschrieben über den Filmemacher Alfred Hitchcock und hat ihn gefragt: Wie haben Sie das gemacht, Herr Hitchcock? Wie haben Sie es alles geschafft, Herr Wagenbach, über 40 Jahre immer präsent zu sein im politischen Diskurs und vor allem europaweit einen der renommiertesten Verlage zu gründen und zu führen? Wie haben Sie es geschafft?

Klaus Wagenbach: Also, ich beschränke mich auf zwei Dinge. Ich gebe zu: Ich habe ein paar Kurven in der Biografie. Man kann es nur aushalten mit einem großen Glücksgefühl. Und das war da. Das bezieht sich auf den 8. Mai 1945. Dumm war nur, dass dann der Hunger kam. Den Hunger hatte Deutschland ins Ausland verlagert. Indem wir den anderen das Essen weggenommen haben, hatten wir selber was zu essen. Das hörte natürlich auf, so dass der Hunger ins Land kam. Für den Einzelnen war das schwierig. Man musste klauen, und ich war katholisch! Alles, was nicht niet- und nagelfest war, wurde geklaut. Ich habe dann in einer Apotheke gearbeitet. Ich habe Kondome verkauft.

Sie haben mit Kondomen gedealt...

Ja. Die waren in so einem Patronengurt eingeschweißt. Ich hatte keine Ahnung, wozu sie dienen. Ich war 14 Jahre alt, damals wurde man erst mit 21 Jahren ein Herr. Es war eine freie Zeit. Es war eine bedrohliche Zeit. Man konnte sich aber dagegen wehren. Man musste nur in jenen Mülleimer gucken und auf jeden Baum, ob da noch einen Apfel dran war. Es war eine improvisierende Zeit.

Daneben stehen lohnt sich!

Der italienische Regisseur Roberto Rossellini hat 1947 vor Ort diesen berühmten Film gedreht: "Germania Anno Zero", "Deutschland im Jahre Null". Können Sie sich daran erinnern?

Klaus Wagenbach mit Antonio Pellegrino (im BR, 2010)

Ja. Deutschland sah seltsam aus, und merkwürdigerweise waren alle keine Nazis gewesen. Ich kannte die aber vorher! Man hat sehr viel über die Wandlungs- und Betrugsfähigkeiten von Menschen gelernt. Damals habe ich Menschen kennengelernt, was mir später geholfen hat. Aber es ist ein wiederkehrendes Phänomen. Wenn man etwas außerhalb des Mainstreams steht, da kann man was erleben! In der allgemeinen Meinung lernt man eigentlich nichts. Aber wenn man so ein bisschen daneben steht, das lohnt sich. Ich kann es nur empfehlen.

In den 60er Jahren standen Sie aber nicht daneben, sondern da waren Sie sehr präsent - im geteilten Deutschland.

Der politische Einschnitt war eigentlich ein bisschen früher, nämlich der Auschwitz-Prozess in Frankfurt, den der damalige Generalstaatsanwalt Fritz Bauer angefangen hat. Zwanzig Jahre nach dem Krieg erfuhren viele Deutsche - und viele wussten es natürlich vorher, aber sie haben geschwiegen - was wir eigentlich angerichtet haben in Auschwitz, und das führte zu Fragen. Das war der Vorlauf, und zwar ein nationaler. Es war der Vorlauf auf die Studentenbewegung, denn die Elternhäuser schwiegen. Sie sagten: Wir waren im Krieg, wir haben furchtbar gelitten. Und nach dem Krieg waren alle Opfer. Mein Haus war auch weg! Ich habe von meiner Jugend nicht einmal einen Knopf, kein Spielzeug, die ganze Jugend untergegangen!

Aber ich bin nicht auf die Idee gekommen, mich als Opfer zu sehen. Ich habe mich immer als Glückskind gesehen. Ich habe das überlebt. Ein Drittel oder ein Viertel meiner Generation war tot. Und da fing ich an, zu fragen und hatte das Glück, auch andere Fragen zu stellen, weil meine Eltern mit diesem Nazi-Quatsch nichts zu tun hatten. Und deswegen war ich natürlich besonders empfindlich, wenn ein Rechtsstaat, wie das die Bundesrepublik mühsam Ende der Sechziger Jahre war, wenn der anfing zu prügeln, zu verbieten und zu zensieren. Das betraf vor allem die jungen Leute. Sie wollten einen anderen Staat, eine andere Gesellschaft.

Man soll nicht immer gleich mit der RAF kommen. Man muss schon mitdenken, was vorher in Deutschland passiert ist, und wie die Rechte eingeschränkt waren - sehr lehrreich waren die damaligen Aufsätze von Ulrike Meinhof, die ich veröffentlicht und dafür natürlich auch Prügel gekriegt habe. Ich stand dazwischen und staunte, wie die jungen Leute über den Ku‘damm marschiert sind und "Ho Chi Minh" gerufen haben. Das war absurd.  

Peter Weiss hat den Auschwitz-Prozess verfolgt und literarisch verarbeitet.

Ja. Ich habe diesen berühmten Text über Auschwitz von Peter Weiss erbeten. Ich hatte die Idee, im ersten Jahr des Verlags ein Buch zu machen, das eine Art Ortsbeschreibung von Deutschland sein sollte. Ich habe ungefähr 50 Autoren eingeladen, den Ort zu beschreiben, der für sie der wichtigste war. Für Peter Weiss war es Auschwitz, weil er ihn glücklicherweise nicht erreicht hat.

Klaus Wagenbach, 1972

Auch für Kafka wäre Ausschwitz der "bestimmte" Ort gewesen. Wenn Kafka nicht mit 41 Jahren gestorben wäre, hätten wir ihn umgebracht, den größten Schriftsteller des 20. Jahrhunderts! Irgendwann kamen sehr merkwürdige Texte zusammen, und es wurde ein erfolgreiches Buch. Der Titel lautet "Atlas - Deutsche Autoren über ihren Ort". Es war die letzte gesamtdeutsche Anthologie. Darin gibt es den letzten Text, den Anna Seghers für den Westen geschrieben hat. Was damals nicht sehr opportun war. Stephan Hermlin war sehr tapfer und hat darauf bestanden, dass sein Geburtsort Chemnitz hieß und nicht Karl-Marx-Stadt. Das war 1965.

Anarchie im Buchmarkt

Da hatten Sie gerade mit Ihrer ersten Frau Katja Wolf den Verlag gegründet unter dem Motto "Hedonismus, Geschichtsbewusstsein, Anarchie". Wie würden Sie heute diese drei Begriffe definieren?

Ich würde sie als Fehlbegriffe in Deutschland definieren. Deswegen der Autoren-Import aus Italien! Der war notwendig, weil es dort die besseren Anarchisten und die besseren Hedonisten gab! "Geschichtsbewusstsein" würde ich auch in Italien für ein bisschen wacklig halten, sind auch große Vergesser, wie wir.

Tragen Sie immer noch rote Socken?

Ja. Italienische.

"Die Freiheit des Verlegers"

"Die Freiheit des Verlegers" - unter diesem Titel sind zu ihrem 80. Geburtstag alte und neue Reden, Essays, Kurzgeschichten erschienen. Worin besteht für einen wilden Verleger die Freiheit?

Der Verlagsgründer Klaus Wagenbach mit seiner Frau Susanne Schüssler, der jetzigen Verlagsleiterin in Berlin

Sie müssen sich vorstellen, dass man für ein Buch eigentlich nur zwei Leute braucht. Der Autor zeigt das Manuskript. Der Verleger sagt: Wunderbar, mache ich. Das ist der minimale Konsens. Die Freiheit des Verlegers besteht auch darin, dass er für seinen Freiheitsraum auch Kollegen um sich braucht. Die Freiheit des Verlegers braucht die Freiheit anderer Verleger!

Heute führt Ihre dritte Ehefrau Susanne Schüssler den Verlag. In diesem Verlag gibt es das sogenannte Konsens-Lektorat. Klaus Wagenbach, er ist nicht mehr der Padre Padrone?

Vor Jahren schon habe ich alle Autoren informiert. Ab 01.01.2002 führt Susanne den Verlag weiter. Sie hätten alle Verträge auflösen können! Keiner hat es gemacht, weil sie Susanne schon kannten.

Sie gelten als geizig. Haben Sie andere Tugenden?

Nein. Im Gegenteil, ich achte auf das Geld, aber ich muss mich zurückhalten, Geld zu verschenken. Ich brauche auch kein Geld. Ich brauche eine Schreibmaschine. Ich brauche nicht mal einen Computer! Den Verlag habe ich ja verschenkt, aber wenn Sie einen Verlag verschenken - das dürfen Sie nicht so ohne Weiteres, das war schon eine witzige Situation. Aber mein Abgang ist gut vorbereitet!

Das Buch "Die Freiheit des Verlegers" von Klaus Wagenbach, herausgegeben von Susanne Schüssler, ist natürlich bei Wagenbach erschienen.