Ausstellung im Schwulen Museum Funktionieren Intimität und Nähe digital?

Intimität hat es schwer in der Pandemie. Bietet Kunst eine Abhilfe für die fehlenden Berührungen? Und kann ein Wiegenlied intim sein?

Von: Simone Reber

Stand: 05.02.2021

Spyros Rennt, Hanging out at Ludo’s, 2020, Fotografie 40 x 60 cm. Mehrere Beinpaare nebeneinander. | Bild: Spyros Rennt / Schwules Museum Berlin

Eröffnung im Schwulen Museum Berlin: Der Kurator Peter Rehberg führt auf Facebook durch die Ausstellung "Intimacy. New Queer Art from Berlin and Beyond". Eine Arbeit ist ein Gemälde des kanadischen Künstlers Sholem Krishtalkas, der sich selbst in seiner Berliner Wohnung gemalt hat. Er liegt allein auf dem Bett und schaut auf sein leuchtendes Handy. Spricht er per facetime mit seinem Partner, chattet er mit einer Gruppe Freunde oder studiert er die Nachrichten in der App? Man weiß es nicht.

Hilft die digitale Öffentlichkeit?

Gerade wird das Verhältnis zwischen öffentlichem und persönlichem Raum neu vermessen. Dabei variieren die Interpretationen von Intimität. Für Peter Rehberg bedeutet Intimität, "dass etwas in Gang gesetzt wird. Das muss kein körperlicher Vorgang sein, das kann auch etwas Affektives sein oder etwas Psychisches. Aber es ist eine Erfahrung, bei der etwas verändert wird. Das ist mir ganz wichtig. Es geht dann auch immer um Fragen von Verletzbarkeit, von Grenzüberschreitung. Intimität hat in diesem Sinne auch ein transformatives Potential." Die Kunst macht Intimität sichtbar und gelangt im Falle der Ausstellung auf digitalem Weg zum Publikum. Das Besondere an queerer Intimität ist ihr anderes Verhältnis zur Öffentlichkeit, sagt Peter Rehberg: "Es ist in der Tat eine Besonderheit für queere Minderheiten, also für Minderheiten, deren Status durch ihre sexuelle Orientierung oder ihre Gender-Position bestimmt ist, dass sie ihre Form der Intimität nicht ohne weiteres im öffentlichen Raum zeigen können."

In einem Video inszeniert Vika Kirchenbauer Intimität als riskantes Spiel mit der Verletzlichkeit, als Gratwanderung zwischen Übermut und Übergriff vor aller Augen. Ein Paar kitzelt eine gefesselte junge Frau – wohl die Filmemacherin selbst, die den verstörenden Schabernack öffentlich macht. Der Kurator Peter Rehberg: "Intimität ist nicht immer harmlos. Wir wollten mit der Ausstellung auch zeigen, dass Intimität ein Risiko beinhaltet, das auch Verletzung heißen kann. Ich glaube, die Szene des Kitzelns, die bei Vika Kirchenbauer verhandelt wird, berichtet davon. So dass wir schwer sagen können, womit haben wir es überhaupt zu tun. Ist das ein kindliches Spiel, ist das eine Form von unterdrückter Sexualität, ist das eine Art von Zwanghaftigkeit?"

Intimität des Sterbens

Die Intimität des Sterbens ist in der Ausstellung zu sehen und die Nähe zu den Verstorbenen. Der kanadische Künstler AA Bronson inszeniert sie als spirituelle Begegnung. Sein Foto zeigt ihn mit seinem Partner in den Dünen von Fire Island. Auf der Insel im Bundesstaat New York ziehen sich Menschen, die an AIDS erkrankt sind, aus dem Leben zurück. Hier wird die Asche der Toten verstreut. Nackt, mit blau angemalten Körpern und langen schwarzen Bärten gedenkt das Paar seiner Freunde. Zwischen den Bäumen taucht ein weißer Geist auf.

Irma Joanna, "Souled in Stardust", 2017

Die finnische Medienwissenschaftlerin Susanna Paasonen definiert Intimität ganz allgemein als ein Gefühl von Nähe. Dieses Gefühl kann man auch für Menschen entwickeln, denen man physisch noch nie begegnet ist, sagt Paasonen, zum Beispiel für Popstars oder Schauspielerinnen: "Aber mich interessiert auch die intime Beziehung zu technischen Geräten. Ich sehe sie nicht nur als Werkzeuge, sondern als Dinge, mit denen wir leben. Und zwar oft in großer Nähe. Wir schlafen sogar mit unseren Handys ganz nah am Bett."

Die Professorin an der Universität Turku erforscht, welche neuen Formen von Beziehungen sich in den sozialen Netzwerken entwickeln und wie sich die sogenannten "Gemeinschaftsstandards" von Facebook und Co. auf intime Kontakte auswirken. Kaum bekleidete Körper zum Beispiel werden zensiert, wenn sie nicht den Bildern der Unterwäsche-Firma Victoria’s Secret entsprechen. Unmerklich beeinflussen die Netzwerke so das Konzept von Intimität: "Das sind kommerzielle Dienstleister. Sie geben sich zwar als öffentlicher Raum aus, als Mittel der Kommunikation. Aber so wie sie operieren, sind sie Werbeplattformen. Und wie alle Medien, die durch Werbung finanziert werden, verkaufen sie ihre Kundengruppe an die Werbung. Insofern wollen sie ihren Wert aufrechterhalten und haben ein Interesse daran, dass das eine respektable Plattform ist und keine Porno-Seite. Und natürlich wollen die Werbeleute die Verbindung zu Konsumenten, die zum Selbstverständnis ihrer Marke passen."

Intimität ohne körperliche Nähe?

Unser Verständnis von privat und öffentlich verändert sich gerade, glaubt Susanna Paasonen. Anfang des Jahrtausends unterschieden die Menschen noch zwischen ihrem Leben online und offline. Inzwischen mischen sich die Kommunikationsformen. Durch die Smartphones sind wir permanent mit dem Internet verbunden. Die Übergänge zwischen Gruppenchats, privaten Mitteilungen und öffentlichem Auftritt sind fließend. Aber in den virtuellen Räumen kann auch eine größere Vielfalt entstehen, glaubt Susanna Paasonen: "Für manche sind sie vielleicht ein sicherer Ort, sich selbst zu zeigen. Es gibt zum Beispiel eine sehr aktive Gemeinschaft von Transvestiten, die wir in Finnland beobachten. Für einige von ihnen besteht der Spaß dieser Plattform tatsächlich darin, dass es nicht um physische Nähe geht. Sondern um Sichtbarkeit und Kommunikation, die dann wiederum sehr intim ist. Aber ich würde sagen, für die meisten Menschen sind die Netzwerke eine Erweiterung ihrer gesellschaftlichen Aktivität."

Der Tastsinn als erster Sinn

Warum kann uns ein Bild berühren, ein Film packen, ein Lied ergreifen und was fehlt uns, wenn uns niemand nahekommt? Merle Fairhurst ist ausgebildete Sängerin, Professorin für biologische Psychologie an der Bundeswehruniversität München, Mutter von vier Kindern und mit einem Maler verheiratet. Völlig unabhängig von der Berliner Ausstellung erforscht die in Südafrika geborene Neuro-Wissenschaftlerin, welche Reaktionen Berührungen auslösen.

Victor Luque "Whole", 2018

Unser erster Sinn ist der Tastsinn. Die erste Kommunikation das beruhigende Streicheln von Mutter oder Vater: "Das ist sehr wenig bekannt, dass wir zwei Tastsinne haben. Wir haben eine Art, Objekte zu erkennen. Und dann diese zweite, die für uns in COVID Zeiten so wichtig ist, diese sogenannte affektive Berührung. Wir reden entweder von affektiver Berührung oder von sozialer Berührung. Affektive Berührung kennen wir von der Art und Weise, wie Mama und Papa uns beruhigt haben, beim Streicheln in einer bestimmten Geschwindigkeit. Und darum haben wir auch eine ganz bestimmte Art von Rezeptoren in unserer Haut. Wenn die stimuliert sind mit dieser ganz bestimmten Geschwindigkeit, nicht zu langsam und nicht zu schnell, haben wir einen ganz komplexen chemischen Cocktail, der ausgelöst wird, aus Dopamin, Serotonin, Oxytocin. Und der uns hilft, unsere Stimmung zu regulieren."

Umgekehrt aber können Körper und Seele an Berührungsmangel leiden, bis hin zur Depression: "Was wir in unseren Stichproben sehen, ist, dass diejenigen, die diesen Mangel spüren, auch lethargischer sind, gestresster und depressiver. Und auf der anderen Seite, die, die sich selbst mehr pflegen, die haben ein Art Selbstregulation übernommen. Sie sind weniger lethargisch, weniger gestresst und weniger depressiv. Was uns sagt, dass die Berührung hilft. Sie hat eine schützende Wirkung in dieser schwierigen Zeit."

Intimität durch Wiegenlieder

Fotografie von Emerson Ricard, ohne Titel, 2018

Merle Fairhurst und ihr Team arbeiten gerade an einer App, mit deren Hilfe Nutzerinnen und Nutzer mehr über Berührung lernen können. In kleinen Videos erklären Wissenschaftlerinnen zum Beispiel die Bedeutung des Oxytocins, des Glückshormons, das durch beruhigendes Streicheln ausgeschüttet wird. Und vielleicht durch ein Wiegenlied. Als Wissenschaftlerin denkt Merle Fairhurst darüber nach, wie digitale Technik den Abstand in der Pandemie überwinden kann. Als Sängerin aber ist sie überzeugt, dass das ein echtes Konzert mit Publikum durch nichts zu ersetzen ist: "Diese Zusammenarbeit zwischen denen, die anhören und der, die vorsingt, ist so wichtig. Dieses non-verbale Gespräch zwischen Augenkontakt oder Atmung. Und das wird auf jeden Fall eine Wirkung haben, nicht nur auf die Zuschauer, sondern auch auf die Musikerin. Das können wir nie ersetzen. Ich denke, dass Zauberei dahintersteckt, ist eigentlich ganz wichtig."

Ein Beitrag aus dem Kulturjournal auf Bayern 2 vom 7.2.2012. Den Podcast zur Sendung gibt es hier.