Hörspiel "Das neue Vertrauen" "Digitale Ratings sind längst Alltag"

Social Media weiß mehr über uns als wir selbst – das zeigte der oscarprämierte Kurzfilm "The Invention of Trust": Daten werden zum Ranking und entscheiden über Job und Liebe. Alex Schaad über die Hörspiel-Adaption seiner seine Story.

Von: Ralf Homann

Stand: 05.03.2021 13:25 Uhr

Porträt von Filmemacher und Autor Alex Schaad | Bild: picture-alliance/dpa/Sven Hoppe

Der Studentenoscar 2016 war seine größte Auszeichnung: Mit dem Film "Invention of Trust" präsentierte Alex Schaad, der damals an der Hochschule für Fernsehen und Film HFF in München war, eine wunderbare Dystophie über Datenklau im digitalen Zeitalter. Der Kern der Story: Michael Gewa, ein junger Lehrer, erhält ungefragt ein Ranking seiner Persönlichkeit auf der Grundlage der Datenspur, die er im Internet hinter sich herzieht. Eine Art Schufa-Auskunft über seine Persönlichkeit, die nicht gut ausfällt. Hinzu kommt eine Form der Erpressung: Er könne ja Premium-Kunde werden, dann würde das Ranking besser. Es ist eine Katastrophe: Sein Arbeitsplatz, seine Beziehung, seine Freundschaften, sein Ruf, sein Leben – alles gerät ins Schlingern. Jetzt gibt es die Geschichte als Hörspielfassung, umgesetzt von Alex Schaad und Aline Bender. Im Interview verrät Alex Schad, was ihn als Filmemacher am Medium Hörspiel reizt und wie sich seine Sicht auf digitale Plattform in den letzten fünf Jahren geändert hat.

Ralf Homann: Wie wurde aus "Invention of Trust" ein Hörspiel?

Alex Schaad: Dadurch, dass ich vom Film komme, ist ein Hörspiel ein wahnsinnig interessanter Prozess. Du brauchst auf einmal eine Übersetzbarkeit für Dinge, die vorher banal erschienen. Wenn eine Kamera auf eine Figur gerichtet ist und die Figur guckt glücklich, dann fühle ich etwas dabei. Aber das Glücklich schauen, das kann ich ja nicht in ein Hörspiel übersetzen. Wir erzählen aus einer Welt heraus, die sehr über Big Data und Social Media funktioniert. Und die findet ja über Laptops und Handys Stadt. Beides macht leider aber keinerlei Geräusche. Also wenn im Film unser Protagonist eine Mail durchlesen konnte, kann er das im Hörspiel nicht mehr. Und während er früher noch eine SMS schreiben konnte, kann er das jetzt nicht mehr, weil man eine auditive Übersetzung dafür erfinden muss. Aber da hat uns dieses Mittel von der "Siri-Alexa-Stimme" sehr geholfen, weil dadurch Big Data und Social Media eine Person innerhalb unseres Kosmos wird.

Es fällt auf, dass dieses Hörspiel sehr viele unterschiedliche akustische Räume hat. Wie habt ihr das gemacht?

Da möchte ich allen Beteiligten ein Kompliment aussprechen, weil das eine tolle Zusammenarbeit war und wir probiert haben, möglichst naturalistisch an diese Räume heranzugehen. Das war im Kontext einer Schule oder eines Bürogebäudes manchmal schwierig, weil man da einen riesengroßen Raum mit Hunderten von Schülern erzählen muss. Da haben aber die Beteiligten Sounddesignerinnen einen großartigen Job gemacht. Sie haben diese Räume in minuziöser Arbeit mit ganz vielen Effekten aus verschiedenen Richtungen zusammengebaut. Das war auch der größte Zeitfaktor in der Postproduktion von diesem Hörspiel.

Der Film und das Hörspiel sind unterschiedlich angelegt. Zum Beispiel ist im Film die Erpressung, die durch den Datenbestand möglich wird, stärker. Dafür sind aber im Hörspiel die Auswirkungen viel dramatischer.

Grundsätzlich hängt sehr viel damit zusammen, dass ich 2015, als der Film entstanden ist, eine kritischere und fatalistische Meinung diesem Thema Big Data und Social Media gegenüber hatte. Ich habe das alles noch stärker verteufelt, als ich das jetzt tue. Und mit den fünf Jahren, die dazwischen lagen, wollte ich in dem Hörspiel vermehrt porträtieren, dass es natürlich die negativen Seiten gibt. Die finden bei diesem Lehrer statt. Aber, und das ist quasi diese neue Entwicklung für das Hörspiel: Es gibt durchaus auch positive Auswirkungen davon, dass Leute ein potenzielles Ranking bekommen. Etwa wenn sie darin gut abschneiden. Wie das den Beruf einer Frau innerhalb einer Männerdomäne verändert, die beruflich übergangen wird. Während der Film die Geschichte eines Lehers war, ist das Hörspiel die Geschichte eines Paares. Er bekommt das Rating und leidet darunter. Seine Freundin erhält aber aufgrund ihres Ratings neue berufliche Chancen. Da geht es um die Frage, wie die Beziehung der beiden darunter leiden wird und ob sie diese Diskrepanz innerhalb des Ratings übersteht.

Was ist das Hörspiel "Das neue Vertrauen"? Realität, Odyssee, Zukunftsvision oder Science-Fiction?

Ich glaube, es ist immer mehr eine Gegenwartsbeschreibung. Vor allem, wenn wir in Länder wie China blicken. Dort gibt es ja dieses Rating-System. Es wird schon angewandt, und dahingehend werden bestimmte Biografien von Menschen verändert, weil man auf ein Rating System schauend feststellt: Verdient dieser Mensch eine größere Wohnung, einen besseren Job, eine bessere Schulbildung? Es ist aber auch bei uns in Deutschland in abgemilderter Form längst Alltag. Beispielsweise, dass ein Student aus München online mehr für einen Flug zahlen muss als ein Student aus Leipzig.

Im Hörspiel fällt der Satz: Wenn du nicht dafür bezahlst, dann bist du nicht der Kunde. Sondern Du bist das Produkt, das verkauft wird. Was heißt das konkret?

Dieser Satz ist tatsächlich ein zentrales Thema. Das war er schon beim Film und ist es bis ins Hörspiel geblieben. Wir benutzen Facebook, Instagram und WhatsApp, die ja ironischerweise alle drei zusammen gehören. Aber wir bezahlen kein Geld dafür. Also muss uns klar sein: Wenn uns eine Dienstleistung umsonst angeboten wird, dass da mit irgendwelchen Mechanismen Geld verdient wird. Und diese Mechanismen sind wir. Die Daten, die wir in diese Plattformen einspeisen, sind die Daten mit unseren Aktivitäten, die zu Werbezwecken verkauft werden. Sobald wir eine Plattform umsonst nutzen, haben wir keinerlei Anspruch mehr darauf, dass nicht mit unseren Daten Geld verdient wird. Durch die Aktivitäten von etwa allen 20-Jährigen auf Facebook schaffe ein extrem präzises Meinungsbild. Woran sind 20-jährige interessiert? Womit kann ich bei ihnen eine bestimmte Meinungsmache betreiben? Womit kann ich werben? Womit kann ich sie füttern? Das ist der typische Mechanismus, dass diese Werbungen so präzise gesetzt werden, wie sie es noch niemals wurden. Weil es so viele Daten gibt.

Welchem Gesellschaftssegment muss man angehören, um sich diesem Prozess nicht zu unterwerfen?

Wir alle können uns in gewisser Weise schützen, indem wir diese Sachen nicht in Anspruch nehmen. Also ich glaube, man muss nicht unbedingt aus einem wohlhabenden Haushalt stammen, um sich besser schützen zu können. Wir müssen nur von der denke wegkommen, zu sagen: Ich füttere Facebook und Instagram permanent mit allen möglichen Informationen. Wo ich im Urlaub war, was ich gerne esse, was ich mir neues gekauft habe. Wenn wir aufhören würden, diese Plattformen zu benutzen, wäre das ein großer Schritt in Richtung Datensicherheit. Es gibt gute Alternative zu Google, und es gibt gute Alternativen zu WhatsApp, und wir müssen sie einfach nur nutzen. Sie sind nicht teuer.

Sie kosten aber dann doch Geld.

Es würde tatsächlich einen extremen Aufwand bedeuten, sich aus Social Media komplett rauszuhalten und aus dem Internet. Und gar nicht mehr nachvollziehbar zu sein als digitale Person. Das ist wahrscheinlich ein Aufwand, der so teuer ist, dass wir ihn kaum abschätzen könnten. Ich meine aber vielmehr die alltägliche Sicherheit, dass man nicht bewusst und unüberlegt diese Plattformen füttert.

Dürfen wir dann noch Suchmaschinen benutzen? Allein die Suche nach einem Grippemedikament zeigt schon, dass wir krank sind. Im Hörspiel schaut der Lehrer gerne Pornos. Und daraus konstruiert ein Algorithmus dann eine Persönlichkeitsstruktur, von der er sagt: Das ist ja gar nicht korrekt.

Ich weiß, dass das Sehen von Pornos ein bisschen totgeschwiegen wird in unserer Gesellschaft. Aber trotz allem ist es ja so, dass dieser Lehrer im Hörspiel völlig alltägliche Dinge tut. Er macht nichts Kriminelles, und er macht nichts Geheimes oder Verbotenes, sondern ziemliche Banalitäten, aus denen ihm dann dieses Rating erstellt wird.

Das Interview stammt aus der artmix.galerie, dem Bayern 2-Podcast rund ums Thema Medien, Kunst und Wissenschaft.