Von Rita Falk bis Stefan Zweig Höhenflug der Literaturverfilmungen

Von "Kaiserschmarrndrama“ über die "Schachnovelle“ bis zur "Schule der magischen Tiere“ - Bestsellerverfilmungen füllen aktuell die deutschen Kinosäle, und nun steht mit "Hannes“ wieder eine Rita-Falk-Romanadaption vor dem Kinostart. Was macht aber eine erfolgreiche Adaption aus? Von extremer Werktreue bis zur völligen künstlerischen Freiheit sind die Ansätze höchst verschieden.

Von: Florian Kummert

Stand: 22.11.2021

Schachnovelle | Bild: StudioCanal

Mit "Kaiserschmarrndrama“ landete eine Literaturverfilmung in diesem Sommer ganz oben in den Kinocharts. Basierend auf Rita Falks Krimi-Reihe um den bayerischen Chaos-Polizisten Franz Eberhofer lockte der Film seit dem Kinostart im August über eine Million Besucher an. Der Erfolg der Buchvorlagen sorgt hier für Verleih und Filmemacher für Profit an der Kinokasse.

Und nun soll eine neue Rita-Falk-Verfilmung erneut das Publikum in die Lichtspielhäuser locken. Diesmal keine Gag-Parade eines neuen Eberhofer-Krimis, sondern das Drama "Hannes“. Regisseur Hans Steinbichler schwärmt über die Zusammenarbeit mit der Romanautorin: „Der gute Geist von Rita Falk schwebt über uns, wirklich. Rita gibt Vertrauen, mit der Rita kann man reden, die ist immer gradaus raus, und so haben wir den Film gemacht, in komplettem Einverständnis.“

Statt Eberhofer-Gaudi nun ein Drama von Rita Falk

Von zwei besten Freunden erzählt die Romanverfilmung. Hannes und Moritz sind sogar am selben Tag geboren, Moritz, der verpeilte Chaot, und Hannes, der Überflieger. Zwei, die das Leben genießen, bis zu einem verhängnisvollen Ausflug mit dem Motorrad. Hannes fährt die alte, schlecht gewartete Maschine von Moritz und stürzt. Mit einem schweren Schädel-Hirn-Trauma liegt er im Koma. Moritz ist täglich an seiner Seite, übernimmt Hannes’ Zivi-Stelle und schreibt dessen Tagebuch fort. Rita Falk hat das Buch eigentlich als ihr Debüt geschrieben, doch kein Verlag wollte den ernsten Roman der damals noch unbekannten Autorin veröffentlichen. Erst durch den Erfolg der Eberhofer-Reihe konnte Rita Falk dann "Hannes“ auf den Markt bringen.

"Warum ich die Geschichte schreiben wollte, war, dass ich selber eine Geschichte erlebt habe, die ich nicht verarbeitet habe. Ich habe eine Freundin verloren, da waren wir beide 30, die ist bei einem Motorradunfall ums Leben gekommen, und irgendwie hab ich das jahrelang nicht richtig verarbeitet. 'Hannes' ist mein wichtigstes Buch, es war mein Debüt, und es ist auch mein persönlichstes Buch, also, es liegt mir sehr am Herzen und es geht mir mit dem Film ähnlich."

Rita Falk

Den Film vertraute sie Regisseur Hans Steinbichler an, seit „Hierankl“ Spezialist für atmosphärisch präzise Dramen. Wie ist es aber für sie als Autorin, so ein Herzensprojekt in fremde kreative Hände zu geben?

Rita Falk: "Wenn man das Vertrauen hat, ist es gar nicht schwer, loszulassen, beziehungsweise ich lass ja auch nie ganz los, also ich hab ja auch immer noch mein Auge drauf, meine Hand drauf, ich les die Drehbücher, ich schau mir die Casting-Mappen an, ich lass also so ganz los nie.“

Bestseller für das Boxoffice

Wo Rita Falk draufsteht, auf Buchcovern wie auf Filmplakaten, da ist also garantiert viel Rita Falk drin. Auf populäre Buchvorlagen stürzen sich Produzenten und Regisseure immer gerne - vor allem im Kinderfilm.

Aktuelles Beispiel: "Die Schule der magischen Tiere“ von Margit Auer. Werktreue ist bei so einer Umsetzung Pflicht, weiß Regisseur Gregor Schnitzler: "Die Autorin hat Millionen von Leserinnen und Lesern, und all die muss ich zufriedenstellen, weil die etwas von mir erwarten. Und zwar ihre Fantasie dort zu sehen.“

"Die Schule der magischen Tiere“: eine quietschbunte Bestsellerverfilmung, angereichert mit Gesangseinlagen. Mit bislang 1,3 Millionen verkauften Tickets der erfolgreichste deutsche Neustart der Corona-Ära. Der zweite Teil ist bereits abgedreht und soll im Herbst 2022 in die Kinos kommen.

Werktreue oder sich vom Buch lösen?

Aber nicht jede Literaturverfilmung hält sich eng an die Vorlage. Die aktuelle Verfilmung der "Schachnovelle“ etwa weicht stark von Stefan Zweigs Originaltext ab. Sich beim Adaptieren vom Buch zu lösen ist immer ein mutiger Schritt, der viele Fans der Vorlage verärgern mag, aber oft auch den spannenderen Film ergibt. Ein Weg, den Regisseur Philipp Stölzl mit der "Schachnovelle“ gegangen ist, die beim Bayerischen Filmpreis zweifach prämiert wurde: als beste Produktion und Oliver Masucci als bester Hauptdarsteller.

Philipp Stölzl, Regisseur: "Die Novelle beschreibt eigentlich was sehr Innerliches, nämlich diesen Mann, der allein in Isolationshaft in einem Hotelzimmer eingesperrt ist und eigentlich alle Sinne entzogen bekommt. Langsam wird er Schritt für Schritt zermürbt und fällt in den Wahnsinn. Das ist natürlich etwas, was die Literatur toll beschreiben kann, was aber erstmal total unfilmisch ist. Es ist nur ein Mann, es wird nicht geredet, es geht um geistige Vorgänge und nicht um äußere Vorgänge. Das war natürlich eine Herausforderung, aber auch eine große Freude, sich einem so scheinbar unerzählbaren Stoff zu widmen und ihn erzählbar zu machen.“

Ob in Spielfilmen oder aktuell auch in Serien - das Interesse an Literaturadaptionen ist enorm hoch. Bekannte Buchtitel oder Autoren sind oft ein erster Erfolgsgarant, für die Vermarktung wie für das Einspielergebnis.

Dann gibt es aber auch Autoren, die die Buchverfilmung als bewusst eigenständige Kunstform sehen. 2018 hat Josef Bierbichler seinen Roman "Mittelreich“ selbst verfilmt, und forderte vehement einen anderen Titel, nämlich "Zwei Herren im Anzug“. Im kinokino Extra "Seeuferblues“ erzählt Josef Bierbichler, wie es zum neuen Titel kam: „Im Film wird der Roman Mittelreich nicht in voller Länge erzählt. Der Film hätte 4 Stunden gedauert, womit ich kein Problem gehabt hätte, aber die Filmleute, die den dann verkaufen müssen, hatten damit Problem und haben gesagt, das ist zu lang. So ist mir ein neuer Fokus eingefallen, der sich auf die Auseinandersetzung zwischen Vater und Sohn konzentriert. Und dadurch war es zwingend nötig, dem Film auch einen anderen Titel zu geben, weil er nicht mit dem Roman 'Mittelreich' was zu tun hat. Aus dem Roman "Mittelreich“ sind die Materialien für den Film, der im Grunde eine reduzierte Geschichte erzählt.“

Bierbichler - der Unangepasste, der sich wenig um Marktkonventionen schert. So wie sein Film. Irritierend, eigenwillig. Grausam und poetisch. An den Kinokassen kein Erfolg aber auf jeden Fall: eine der ungewöhnlichsten Literaturverfilmungen der vergangenen Jahre und in diesem Fall alles andere als werkgetreu. Im BR Fernsehen ist am 24. November nun erstmals auf ausdrücklichen Wunsch von Josef Bierbichler die Festivalfassung von „Zwei Herren im Anzug“ zu sehen, die kürzer ist als die im Kino und auf DVD veröffentlichte Schnittversion.

"Zwei Herren im Anzug“ - Premiere der Festivalfassung im BR Fernsehen

Wie überträgt sich also ein Buch am besten auf die Leinwand? Schauspieler Heiner Lauterbach, der in Rita Falks Romanverfilmung "Hannes“ eine Nebenrolle als Arzt hat, findet: "Ich glaube nicht, dass es da ein Allgemein-Rezept gibt, das sagen würde, halte dich strikt an die Originalfassung oder verwirklich dich da selber, das hängt stark mit dem Roman zusammen.“

Einen der Hauptprobleme, die viele Buchfans mit den dazugehörigen Verfilmungen haben, erkennt Johannes Nussbaum, der in "Hannes“ das titelgebende Unfallopfer spielt: "Ich mein, wir geben dem Buch ja ein Bild, das heißt die Fantasie des Lesenden geht immer verloren, aber das ist ja der Deal.“

"Hannes“: wuchtige Bilder statt emotionale Tiefe

Bei "Hannes“ ist der Originaltitel des Romans erhalten geblieben, ein Text, der aus einer Abfolge von Tagebucheinträgen besteht. Beim Sprung auf die Leinwand ging aber leider die emotionale Tiefe von Rita Falks Vorlage verloren. Ein Manko, das diese Literaturverfilmung etwas mit dem wettmacht, was das Kino am besten kann: mit der Wucht der Bilder.