Hagia Sophia Bloß keine Kreuzzugsrhetorik

Die Hagia Sophia in Istanbul war 900 Jahre eine Kirche, über 500 eine Moschee und 85 Jahre ein Museum: Ab dem 24. Juli 2020 soll sie wieder zur Moschee werden - und damit ein Ort für Kampf der Kulturen? Ein Plädoyer für mehr Gelassenheit

Von: Martin Zeyn

Stand: 17.07.2020 | Archiv

Hagia Sophia  | Bild: Muhammed Enes Yildirim/Anadolu Agency

Ein respekteinflößender Bau, der bis heute die Silhouette von Istanbul bestimmt. Und für viele überraschend: immer noch ein Zankapfel. Angesichts ihrer Prächtigkeit soll der Eroberer Istanbuls, Sultan Mehmed, gefordert haben, eine noch größere Moschee zu bauen, um zu zeigen, welche Religion die mächtigere sei.

Was ist original nach 1.500 Jahren Nutzung?

Die Mosaike in der Hagia Sophia wurden übermalt, auch um das strenge islamische Bilderverbot durchzusetzen, außerdem Minarette dazu errichtet. Ansonsten blieb der Bau so wie er ist. Mehr noch: die Hagia Sophia wurde zur Blaupause für Moscheen-Neubauten weltweit - einer meiner Lieblingsbelege dafür, dass kulturelle Aneignung manchmal doch ein Respektsbeweis ist. Erst 1934 verwandelte die Türkei die Hagia Sophia in ein Museum, hat sie also den beiden Religionen weggenommen und der Menschheit übereignet.

Daran muss erinnert werden, wenn wir von der Verwandlung in die Moschee sprechen - es ist nicht der Originalzustand. Aber was ist an einem Bau, der fast 1.500 Jahre überdauert hat, original? Sind die arabischen Namensschilder von Mohamed und Allah, die dort hängen, weniger original, als die mittelalterlichen Mosaiken, die auch nicht den Bau schmückten, als er 537 fertiggestellt wurde. Die Hagia Sophia dokumentiert, profan gesagt, unterschiedliche Nutzungen. Die Abdrücke der Geschichte leugnet Erdoğan, wenn er die Hagia Sophia (schon der Name ist griechisch) jetzt wieder zu einer Moschee macht. Er restituiert nicht, er amputiert.

Eine Kathedrale als architektonischer Vandalismus

Die Mosaiken von Heiligen, Engeln und der Gottesmutter Maria sollen allerdings erhalten bleiben und nur während der Gottesdienste abgedunkelt werden. Damit geht Erdoğan sorgsamer mit dem Erbe um als etwa die Spanier, die mitten in die Mezquita von Cordoba, der schönsten Moschee, die ich kenne, eine Kathedrale bauten – ein Akt des architektonischen Brutalismus, ja Vandalismus. Nebenbei bemerkt, hatte dieser islamische Bau auch schon woanders geplündert: die Säulen, die die berühmten Hufeisenbögen abstützen, sind umgearbeitete römische Säulen.

"Wer unter euch ohne Schuld ist, der werfe den ersten Stein", heißt ein zentraler Bibelsatz, der öfter ausgesprochen, als wirklich beherzigt wird. Leider haben die monotheistischen Religionen große Erfahrung darin, sich gegenseitig spinnefeind zu sein. Im Umgang miteinander, der leider oft ein Gegeneinander ist, leben die Gläubigen nicht selten eine andere Bibelpassage: "Warum siehst du den Splitter im Auge deines Bruders, aber den Balken in deinem Auge bemerkst du nicht?" Allerdings gibt es auch innerreligiöse Konflikte, die kaum weniger blutiger waren. Es ging oft ganz profan um Macht und Geld. Aber manchmal gab es auch intellektuelle Debatten, in denen um Wahrheit und Aufrichtigkeit gerungen wurde: etwa der Bilderstreit, der auch in Konstantinopel erbittert ausgetragen wurde. Die Frage, was abgebildet werden darf, gab es auch im Islam. Nachzulesen im wunderbaren Roman "Rot ist mein Name" des Istanbuler Schriftstellers Orhan Pamuk. Darin erzählt der Nobelpreisträger, wie islamische Buchmaler fasziniert sind von der "fränkischen" Malweise, die die räumliche Darstellung revolutionierte (bzw. antike, vulgo heidnische Kenntnisse wiederentdeckte). Etwas zu verändern, ist also nicht per se ein Akt der Vernichtung. Manchmal geht es wirklich darum, die Ursprünge wieder sichtbar zu machen. Oder schlicht voneinander zu lernen.

"Kein Zeichen von Stärke"

Das aber war bestimmt nicht das Ziel von Erdoğan. Der versucht, die jahrtausendealte Geschichte der Stadt auf 600 Jahre einzudampfen und spricht von der "Vollendung der Eroberung" - so als könne man die Historie einfach umschreiben. Und degradiert damit den Kirchenbau, der eher das Miteinander zweier Religionen zeigen könnte, zu einer Insignie der eigenen Überlegenheit.

Nun sind es meistens die Unsicheren, die auf der eigenen Superiorität beharren müssen, findet Deniz Yücel: "Das sind die populistischen Notgroschen, die er aufbraucht. Die ökonomische Lage ist schlecht. Sie wird absehbar noch schlechter werden. Dieses wilde Um-sich-Schlagen des Regimes gerade, das ist kein Zeichen von Stärke." Lassen wir also Erdoğans Triumphgeheul verhallen, ignorieren wir die, die vom Kampf der Kulturen sprechen. Denn die Hagia Sophia hat schon Schlimmeres überstanden, woran die Schriftstellerin Asli Erdoğan erinnert: "Sie trotzte beinahe zwei Dutzend Belagerungen, zwei Pestpandemien, etwa zehn starken Erdbeben, überlebte zahllose Kriege, Schlachten, Intrigen, Kämpfe, sah hunderte Könige kommen, regieren und gehen und hat etliche Sprachen, Religionen und Monumente willkommen geheißen." Sie wird auch den historischen Wimpernschlag Erdoğan überstehen. Und vermutlich wird manche*n Besucher*in die Umwandlung sogar klammheimlich freuen: Gut, sie müssen die Schuhe ausziehen, sparen sich aber den Eintritt.