Interviews im Wald Die Waldgeister der Meinungsfreiheit

Wer sich heutzutage von deutscher Öffentlichkeit und Medien mundtot gemacht fühlt, lässt sich von ihnen im Wald interviewen. Warum eigentlich immer dort?

Von: Quentin Lichtblau

Stand: 16.06.2021

Wie es hineinschreit...? Hans-Georg Maaßen im Wald | Bild: Screenshot/ Hallo Meinung

Wir müssen ein Sprichwort korrigieren: Dass es aus dem Wald herausschallt, wie man in ihn hineinruft, war immer falsch – sowohl im realen, als auch im übertragenen Sinne. Viel akkurater für unser heutiges Medien-Zeitalter wäre folgende Variante: Wie man in den Wald hineinruft, so zeichnet es ein Reporter auf. Zumindest, wenn man sich Sorgen um die vermeintlich bedrohte Meinungsfreiheit macht, ein bisschen diffus über irgendeine Unterwanderung des deutschen Volkes raunt, oder sehr konkret die Juden für alles Übel der Welt verantwortlich macht.  

Für all solche Gedanken gibt der Wald offenbar die ideale Kulisse ab: Unlängst spazierte der rechtspopulistische Thüringer Bundestagskandidat Hans-Georg Maaßen ganz geerdet im olivgrünen Parka mit einem Youtuber-Filmteam durch den Wald, forderte dabei die Abschaffung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks und "kritisierte" nicht näher genannte Politiker, welche die Bürger "teilweise" zu "Untertanen" umerziehen wollten. 

In seiner Ästhetik fast deckungsgleich, wenn auch optisch noch ein wenig überdrehter, war ein sogenanntes "Reitgespräch" in eben jenem öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Dort ritt ARD-Moderator Denis Scheck im gedeckt braungrünen Förster-Kostüm mit der Schriftstellerin Juli Zeh zwischen Buchen und Birken. Beide beklagten die Zerstörung der deutschen Öffentlichkeit und das Entziehen von "Sprechberechtigungen". Am Sprechen hinderte sie dann zwar niemand, Journalist Scheck und Autorin Zeh sprachen sich vielmehr gegenseitig ihre Sätze zu Ende. Einmal wurden sie aber zumindest von einem bellenden Dackel unterbrochen. 

 Hetzer mal sanft erleben

Eine weitere Sternstunde der Wald-Gespräche ist ein Spaziergang mit dem Koch und Antisemiten Attila Hildmann im Juli vergangenen Jahres – diesmal begleitet von Reportern des Spiegel, die im einleitenden Satz direkt eine Rechtfertigung für den Wald als Kulisse mitlieferten: "Wer Attila Hildmann mal ganz sanft erleben will, muss mit ihm in den Wald gehen." Schon damals hatte Hildmann mehrfach von "Judenstämmen" gesprochen, welche die "deutsche Rasse" auslöschen wollten. Aber hey, halb so wild, schließlich ist er im Wald richtig lieb zu seinem Hund! Spätestens heute, nach monatelanger, widerlichster Volksverhetzung wollen hoffentlich selbst Spiegel-Reporter Hildmann nicht mehr sanft erleben, sondern hinter Gittern. Hildmann entging der Strafverfolgung per Flucht in die Türkei, aus der er nun zum Kampf gegen jüdische Kommunistenilluminaten aufruft. Wobei ihm dafür nun sogar der für Hetze aller Art sehr empfängliche Messenger-Dienst Telegram nach großen Druck von außen die Sprechberechtigung entzog, zumindest in der App-Version. 

Natürlich soll hier ein in hohem Grad krimineller Attila Hildmann oder das AfD-Trojanerpferd Hans-Georg Maaßen nicht mit einem Denis Scheck oder Juli Zeh gleichgesetzt werden. Interessant ist aber doch der Topos, der all diesen geradezu satirisch überinszenierten Gesprächen zugrunde liegt: Wer sich von der vermeintlich menschenfeindlichen, abgehobenen urbanen Moderne abgelehnt oder unterdrückt fühlt, zieht sich ins Unterholz zurück. In den Wald, oder noch besser den Forst (das klingt noch ur-deutscher, besonders mit gerolltem R). Dort hat das freie Wort noch Geltung, die Füchse und Vögel haben ein Ohr für echte Probleme, und so wirklich blöd findet den Wald im Gegensatz zur Großstadt eigentlich niemand. Außerdem schlug hier der Musterteutone Hermann einst die identitätspolitisch-versifften Römer, nicht wahr? 

Gleichzeitig ist ein Haufen Bäume auch das einzig bundesdeutsch vorhandene Stück Natur, das unsere flächenversiegelte Nation noch zu bieten hat – zumindest, wenn man es beim Unterschied zwischen Kulturwald und echtem, bedrohten Naturwald wie etwa dem Hambacher Forst nicht so genau nimmt. Eigentlich verwunderlich, dass die Waldgeister der Meinungsfreiheit beim Einsatz um letzteren immer erstaunlich still sind. Aber möglicherweise geht es ihnen weder um die offene Rede, die Deutschen oder den Wald. Sondern um sich selbst.