Thomas Macho über unser Verhältnis zum Tier "Warum wir Tiere essen": Zwischen Kuscheltier und Kühlregal

Wir lieben Tiere, aber wir essen sie auch. Und zerstören damit unsere Umwelt. Diese schizophrene Beziehung behandelt der österreichische Kulturwissenschaftler Thomas Macho in seinem Buch "Warum wir Tiere essen". Die Lösung muss dabei keinesfalls Verzicht sein.

Von: Andrea Mühlberger

Stand: 21.04.2022

Ein Ferkel im Stall. | Bild: BR/Max Hofstetter

Der Krieg Russlands gegen die Ukraine sorgt für eine Zeitenwende in Europa. Nur rücken in dieser Zeitenwende andere globale Krisen, wie die Klimakrise, in den Hintergrund. An der wiederum sind wir unter anderem durch unseren exzessiven Fleischkonsum maßgeblich beteiligt. Tatsache ist: Die CO2-Emissionen durch Massentierhaltung wirken sich dabei sogar schlimmer aus als der weltweite Transport-Verkehr. Höchste Zeit also für eine "Fleischwende". Und einer, der dafür in seinem neuen Buch "Warum wir Tiere essen" Argumente liefert, ist der österreichische Kulturwissenschaftler und Philosoph Thomas Macho.

Andrea Mühlberger: In Ihrem Buch gehen Sie nicht nur von nüchternen Zahlen aus, sondern von der komplexen Beziehungsgeschichte zwischen Mensch und Tier. Komplex, weil Sie sich aufblättert zwischen Kuscheltier und Kühlregal, Geschmack und Gewissen. Eine Antwort von Ihnen auf die Frage, warum wir Menschen Tiere essen, ist ja die, dass wir sie in Form von Würsten, Burger-Patties, von flach geklopften Schnitzeln oder Sushi-Häppchen gar nicht mehr als Tiere wahrnehmen und erkennen. Warum brauchen wir denn eigentlich diese Selbsttäuschung?  

Thomas Macho: Weil sie nicht zu unseren Vorstellungen passt, weil sie nicht zu unseren Phantasien passt. Wir lieben Tiere, solange wir sie in Filmen sehen. Wir lieben Tiere, als unsere Schoß- und Heimtiere, aber von den im Kastenstand gehaltenen Schweinen oder von den oft ebenfalls unter schwierigsten Bedingungen gehaltenen Rindern, wollen wir wenig wissen.  

Also anders gesagt: Wir beißen rein in den Burger und verdrängen dabei, dass er von einem Tier kommt, das mal lebendig war wie wir. Mit Gefühlen, mit Rechten auf gutes Futter, auf genug Platz im Stall – das aber für unseren Verzehr getötet wurde. Gleichzeitig können wir unserem Hund, unserer Katze in die Augen schauen, verhalten uns wie Freunde, streicheln und füttern sie. Ist das nicht ein bisschen schizophren?  

Das ist ein bisschen schizophren. Und auf diese Schizophrenie zielt auch die Argumentation meines Buchs: Wir müssen diese voneinander separierten Teile wieder zusammenbringen. Das heißt: Wir müssen die Realität, die Nutztiere in unserer industriellen Welt und übrigens eigentlich erst seit dem späten 19. Jahrhundert so dramatisch erleiden, wieder in Verbindung bringen mit unserer Tierliebe und diesem Gefühl, dass Tiere uns eigentlich nahestehen.  

Aber wir müssen es auch wieder mit dem Töten von Tieren zusammenbringen, schreiben Sie. Dieses Töten müsste eigentlich wieder sichtbar gemacht werden. Da denke ich übrigens auch an Ihren gerade verstorbenen Landsmann, den Künstler Hermann Nitsch, der mit seinem "Orgien-Mysterien-Theater" im Prinzip genau darauf abzielt, die Rohheit der Schlachtungen wieder bewusst zu machen... 

Ich finde nicht nur bemerkenswert, dass er die Rohheit und das Blut und die Augenscheinlichkeit von Schlachtungen in seinen Inszenierungen nachvollzogen hat. Er hat auch daran erinnert, dass die Tötungsschuld, die wir eben immer empfunden haben, wenn wir Tiere schlachten oder töten, dass die rituell abgefedert werden musste. Nitschs Performance-Kunst ist auch eine Ritual-Kunst gewesen.  

Aber würden wir denn dann eigentlich weniger Fleisch essen, wenn wir uns dieses Tötens der Tiere wieder mehr bewusst wären?  

Also es gibt Zahlen, die sagen, dass zwischen 60 und 85 Prozent aller Fleischesser kein Fleisch essen würden, wenn sie dafür Tiere töten müssten.   

Sie schreiben in Ihrem Buch von einem Schweinezüchter, der Leute, die bei ihm Schweinefleisch kaufen wollen, quasi dazu zwingt, diese Tiere auch wieder selber zu erlegen... 

Ja, das ist sicher eine große Ausnahme. Ich glaube, die einfachere Lösung wäre, weniger Tiere zu essen und mit dem Schuldgefühl, dass man dann vielleicht wieder stärker empfindet, einfach vernünftig umzugehen. Das kann auf altertümliche Art natürlich eine Form von Ritual sein. In den Religionen zumindest das Tischgebet oder so etwas. Das kann aber auch ganz einfach der Preis sein, den wir dafür zahlen. Das heißt: Das Gefühl, dass wir etwas kaufen, was deshalb wertvoll und teuer ist, weil es eben mit dem Leben eines Tieres in Zusammenhang steht, dass getötet werden musste.

Gleichzeitig sagen Sie: Wenn wir völlig auf Fleischkonsum verzichten, ist das auch nicht so ideal, weil wir dann ja einen wichtigen Teil von uns aufgeben – der Mensch ist halt mal ein Raubtier und ein Fleischesser...  

Zumindest war er immer sehr identifiziert mit den Raubtieren. Die Idee war, dass wenn wir zu radikal werden, dass das selbst so eine Art von Immunisierung und Abgrenzung gegenüber anderen Lebewesen darstellt. Während die ältere Form des Bewusstseins über Essen und Töten von Tieren eben bedeutet hat, zum Beispiel den Tieren, die getötet wurden, zu versichern, man werde ihnen selbst einmal als Nahrung dienen: "Wir sind auch sterblich. Ihr werdet uns auch essen." Vielleicht nicht die Raubtiere, sondern nur die Würmer, aber es wird irgendeine Art von Austausch, von Stoffwechsel geben.  

Also dieses "Fressen und gefressen werden", das wir dann ewig weiterspielen? 

Genau. Ich will hier aber keineswegs Argumente gegen Veganismus oder Vegetarismus vorbringen. Ich finde es toll, dass zumindest die jungen Menschen heute verstärkt den Vegetarismus und Veganismus praktizieren. 

Manche mehr, manche weniger: Aber Fakt ist ja, dass in Europa jeder Erwachsene im Schnitt fast 60 Kilo Fleisch pro Jahr konsumiert. Warum essen wir denn eigentlich überhaupt so viel Fleisch? 

Weil wir es gar nicht bemerken. Und weil wir es nicht bemerken, weil es entritualisiert und alltäglich stattfindet, essen wir plötzlich dreimal täglich irgendwelche Fleischprodukte, ohne daran zu denken, was für Hintergründe und Voraussetzungen das hat, insbesondere mit Blick auf die Klimakrise.  

Sie schreiben unser "bewusstloser Kannibalismus" – also dass wir uns gar nicht mehr der Tatsache bewusst sind, dass wir Tiere essen, wenn wir Fleisch essen – , der führt, wenn wir nicht aufpassen, dazu, dass wir unsere mögliche Zukunft auf diesem Planeten eben auch "verzehren". Wie können wir diese Entwicklung stoppen? Wäre "Meat-Shaming" eine Alternative für Sie?  

"Meat-Shaming" ist eine mögliche Alternative, weil die großen moralischen Revolutionen in unserer Geschichte – dazu hat der Philosoph Kwame Anthony Appiah ein sehr interessantes Buch geschrieben, zur Frage der Ehre –, eher durch Scham als durch Schuld allein provoziert wurden. In dem Augenblick, indem es peinlich wird, wie beim "Flight-Shaming" jetzt schon – in dem Augenblick wird man es zwar vielleicht nicht völlig unterlassen, aber man wird es vielleicht seltener tun. 360 Millionen Tonnen Fleisch werden pro Jahr an Fleisch verzehrt! Und man darf nur daran erinnern, was ohnehin gerade in Deutschland auch diskutiert wurde, weil es der zuständige Agrarminister öffentlich mehrfach betont hat, dass wir etwa 60 Prozent unserer Böden nur für den Anbau von Futtermitteln nutzen.  

Welchen Weg müssen wir denn jetzt gehen, Herr Macho?  

Wir müssten eigentlich alle Wege gehen, die sich öffnen. Das heißt, vielleicht erweist sich die Kombination von veganer oder vegetarischer Ernährung und Novel-Food, Wurst-Fleischersatz, an dem derzeit in vielen Startup-Unternehmen experimentell geforscht wird, als wirksamer Weg. Und letzten Endes werden wir zu einer Praxis zurückkehren müssen, bei der man Fleisch halt nicht mehr jeden Tag und schon gar nicht dreimal am Tag isst, sondern vielleicht wirklich nur an Festtagen und zu besonderen Anlässen, dafür aber dann auch mehr Geld dafür zahlt.  

Und wenn uns das gelingt, wie regeln wir dann unsere Beziehung zwischen Mensch und Tier? Wie bringen wir die wieder ins Lot?  

Zum Beispiel durch eine erhöhte Sichtbarkeit. Das könnten auch Maßnahmen der Bildung und Erziehung sein. Wenn Tiere artgerecht gehalten werden, ist es ja auch viel leichter möglich, die Kinder frühzeitig mit den Tieren in Beziehung zu bringen, mit denen sie dann am Mittagstisch konfrontiert werden.  

Wie halten Sie es denn selber mit dem Fleischgenuss? 

Sehr selten. Also mir fällt gar nicht mehr auf, wenn ich kein Fleisch esse, sondern mir fällt auf, wenn ich dann ausnahmsweise doch mal eins esse. Und das finde ich, ist schon ein guter Weg.   

Das Gespräch lief in der kulturWelt auf Bayern 2. Hier können Sie nachhören und abonnieren!