Meinung Ist Literatin Streeruwitz eine Querdenkerin?

Sind die Hygienevorschriften mit den Nürnberger Rassegesetzen vergleichbar? Marlene Streeruwitz zieht diesen Vergleich. Ist sie auf die Seite der Corona-Leugner gewechselt? Oder wird ihr Text missverstanden?

Von: Martin Zeyn

Stand: 04.01.2021 | Archiv

Eröffnung mit Marlene Streeruwitz anl. "Schandwache" zur Bewachung der Graffiti am Lueger-Denkmal (künstlerisch-performative Aktion in Kooperation mit politischen Organisationen) am Montag, 05. Oktober 2020, in Wien | Bild: picture alliance  HERBERT PFARRHOFER

Die Schriftstellerin Marlene Streeruwitz hat in der österreichischen Zeitung "Der Standard" einen Kommentar verfasst. Darin findet sich folgende Passage: "Die Terminologie des Hygienestaats führt zum Verlust der Grundrechte. Vorübergehend, heißt es. Aber das war genau das, was die Nürnberger Rassengesetze erzielten: der Entzug der Bürgerrechte."

Streeruwitz sollte wissen: An Nazi-Vergleichen kann man sich leicht verbrennen. Sie unterstellt im Folgenden der österreichischen Regierung, dass sie mit ihren Verordnungen die Demokratie aushöhlt. In den Köpfen der Mächtigen gebe es immer noch das alte Bild von Regierung: Wir bestimmen, damit der dumme Pöbel nichts Falsches machen kann. Deshalb habe sie für sich entschieden, dass sie persönlich sich dem Testen verweigern wolle.

Dann aber nimmt der Text eine überraschende Wendung. Streeruwitz schildert, dass sie sich jedoch umentschieden und dabei mit Erstaunen festgestellt habe, dass sie das Prozedere als überaus professionell und erleichternd empfunden hat: "Ein freundliches Strömen war das in dieser Teststraße. Die Freiwilligkeit jeder einzelnen Person ein Beitrag und zu spüren. Keine und keiner ging schneller weg. Verließ den Ort. Flüchtete. Das war ja auch nicht notwendig. Dieser Test war ein Akt der Selbstbestimmung in der Gemeinsamkeit mit den anderen, die sich testen ließen."

In Eile geschrieben?

An dieser Stelle hätte die Autorin oder eine vernünftige Redakteurin mit hinreichend Zeit eingreifen müssen. Wenn Streeruwitz das Testen als wunderbares Erlebnis von Gemeinschaft beschreibt, das den Bürgersinn gegen einen Obrigkeitsstaat in Stellung bringt, dann kann doch der Vergleich mit den Rassegesetzen nicht stimmen, die einen Teil der Gesellschaft zu Rechtlosen erklärte. Ist der Text vielleicht in Eile geschrieben, worauf auch ein paar Fehler und grammatische Schwerfälligkeiten hindeuten?

Doch es gibt noch einen weiteren Stein des Anstoßes in ihrem Text. Denn die Autorin führt einen weiteren Begriff ein, der zu Missverständnissen geradezu einlädt: die "Querrevolution". Der hat mit der Querdenkenbewegung nichts zu tun, nur versäumt es Streeruwitz, das einmal klar zu sagen. Nur wer genau liest, bekommt mit, die Autorin plädiert sehr wohl für das Abstandhalten: "Die Querrevolution bedeutete die vollkommen coole Anerkennung der anderen Personen. Und ziemlich pragmatisch so. In der Einhaltung des Sicherheitsabstands allein ist das schon enthalten."

Mal abgesehen von der unschönen Grammatik, die nur so tut, als wäre sie mündlich: Dieses Plädoyer für ein entspanntes Abstandhalten von Bürgerinnen und Bürgern, die damit ihre Kompetenz und ihren Gemeinsinn zeigen, könnte ich jederzeit unterschreiben.

Keine Querdenkerin

Nein, Streeruwitz ist nicht ins Lager der Wissenschaftsleugner gewechselt. Zumindest glaube ich das ihrem Kommentar entnehmen zu können. Dass ich mir da selbst nicht sicher bin, liegt am Text der Autorin selbst – der lädt zu Missverständnissen ein. Das ist mehr als schade, denn ihr Plädoyer für Mündigkeit und Entspanntheit wäre ein wichtiger Debattenbeitrag gewesen. Diese Chance hat sie vergeben. Aber vielleicht setzt sie sich ja noch mal ran – ich würde den neuen Kommentar für eine Gemeinschaft, die staatliche Autorität in Frage stellt, in jedem Fall lesen.