Deutsche Gedenkkultur Wir sind nicht Erinnerungsweltmeister

Kein Gebiet ist so gut erforscht wie der Nationalsozialismus. Fast alle Schulklassen besuchen mindestens eine KZ-Gedenkstätte. Alles gut? Sind wir Erinnerungsweltmeister? Ein Kommentar

Von: Martin Zeyn

Stand: 15.04.2021 | Archiv

Die Sonne scheint vor dem Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust durch das Denkmal für die ermordeten Juden Europas.  | Bild: picture alliance/dpa | Fabian Somme

Also, die bittere Pille gleich zu Beginn, dann haben wir es hinter uns. Nein, wir sind nicht Erinnerungsweltmeister. Wir sind, wie beim Impfen, nur Mittelfeld. Okay, immer noch werden fast alle Klassen, wenn nicht gerade Corona regiert - einmal in die nahegelegene KZ-Gedenkstätte geschickt – von den Konzentrationslagern hatten wir ja genug. Zu sehen gibt es nicht überall etwas, da viele Gemeinden nach dem verlorenen Krieg wenig Interesse daran hatten, eine Gedenkstätte einzurichten und die verbliebenen Gebäude zu erhalten. Aber trotzdem tragen viele Deutsche die Nase sehr hoch. Denn wie die jüdische Autorin Mirna Funk erzählt, kommen jetzt Leute zu ihren Lesungen, die mit der deutschen Schriftstellerin nicht über ihr Buch, sondern über die israelische Besatzungspolitik reden wollten. Eben weil sie Jüdin ist, und der müssen halt die Leviten gelesen werden.

Richter über alle Völker?

Einige unserer Landsleute finden offenbar, die mehr als 70jährige Erinnerungskultur an die Shoah mache uns zu perfekten Richtern über alle Völker, die nicht so sorgsam und tiefschürfend ihrer Schuld gedenken – und geradezu zwangsläufig richtet diese Moralpredigt sich an die Nachfahren derer, die uns armen Deutschen die schwere Last aufgebürdet haben, Täter gewesen zu sein. Wobei wir uns trotz solcher Überkompensation immer noch auf der Notenskala der besten Völker zwischen zwei und drei minus bewegen. Wäre da nicht unsere Kolonialverantwortung… Da sind wir, pardon, gerade mal Anfänger der Vergangenheitsaufarbeitung.

Beim Gedenken nicht so sehr auf Stein vertrauen

Und manchmal haben wir einfach versagt und den einfachsten Weg gewählt. Wie etwa beim Holocaustmahnmal in Berlin. Den Auftrag vergaben wir an einen Architekten, der offenkundig keine Ahnung von aktuellen Denkmaldebatten hatte. Egal, mit dem Eisenman bekamen wir eine perfekte Kranzabwurfstelle und Jugendgruppen aus aller Welt einen mega Ort für ein Instagram-Foto. Tja, und wenn wir das Ganze nach dem Wahlsieg der Fliegenschiss-Partei nicht mehr wollen, fällt das Umwidmen ganz leicht. Einfach einen Zaun hochziehen, Eintritt verlangen und das Ganze als neuen Abenteuerspielplatz verkaufen – die Partycrowd bezahlt locker 5 Euro, um endlich legal Fotos von oben auf das Stelenfeld machen zu können.

Damals hat mir ein ganz anderer Entwurf für ein Mahnmal viel besser gefallen. Das Künstlerpaar Stih und Schnock wollte einen Bus zu den Orten der Vernichtung fahren lassen. Abgelehnt wurde das wegen der Sorge, dass vielleicht nur wenige Menschen so eine Tour unternehmen würden – die Busse also leer blieben. Tja, diese Wahrheit über die deutsche Erinnerungskultur wollte niemand finanzieren.

Wir wollen als die Besten gelten – und dafür muss unser Gedenken möglichst groß und spektakulär sein. Das gilt auch für die Einheitswippe oder das Berliner Stadtschloss. Mein Vorschlag für die Zukunft: Lieber etwas kleiner planen – und Demut statt Großmannssucht beim Gedenken walten lassen.

Der Beitrag lief am 15.4. im KulturLeben.