Eine Reise durch Georgien "Die Künstler sind auf der Seite der Ukraine"

Viele Georgier fühlen sich der Ukraine eng verbunden, darunter auch viele Kulturschaffende. Ein Reisebericht.

Von: Jochen Rack

Stand: 19.07.2022

Protest von Pro-Europäern und Pro-Ukrainern im Juni 2022 in Tiflis/Georgien | Bild: dpa-Bildfunk/Nicolo Vincenzo Malvestuto

Tiflis präsentiert sich seit Russlands Krieg gegen die Ukraine in blaugelben Farben. Aus Solidarität mit dem angegriffenen Land hängen an zahllosen Häusern und offiziellen Gebäuden ukrainische Nationalfahnen, auch vor dem Parlamentsgebäude am Rustaweli-Boulevard, in dem die vom georgischen Oligarchen Bidzina Iwanischwili gesteuerte Partei "Georgischer Traum" die Mehrheit der Sitze hat. Die georgische Hauptstadt sah große Demonstrationen, man sammelte Spenden, nahm ukrainische Flüchtlinge auf, und viele Georgier zogen in die Ukraine, um als Freiwillige gegen die russischen Truppen zu kämpfen.

Angst vor einem Sieg Russlands

Nicht zuletzt die Erinnerung an die Kriege in Abchasien und Südossetien, die Russland gegen das 1991 unabhängig gewordene Georgien geführt hat, befeuere die Welle der Solidarität, sagt die Tifliser Schriftstellerin Anna Kordsaia-Samadaschwili: "Am Anfang gab es eine große Angst, denn 2008 führten wir Krieg um [das abtrünnige] Abchasien. Deswegen hatte das ganze Land großes Mitleid mit der Ukraine. Jugendliche sammeln Geld für eine Partner-Schule in der Ukraine. Einige meiner Bekannten, die in den 60er, 70er Jahren geboren wurden, zogen in die Ukraine, in den Krieg."

Georgien, Tiflis am 01.03.2022: Ein Demonstrant hält eine ukrainische Fahne vor dem georgischen Parlament während einer Demonstration gegen Russlands Angriff auf die Ukraine hoch. | Bild: Shakh Aivazov/AP/dpa zum Artikel Georgiens Blick auf die Ukraine "Das ist auch unser Krieg"

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Viele Georgier leisteten humanitäre Hilfe, auch in der Kulturszene war die Bereitschaft groß, die Ukraine materiell und finanziell zu unterstützen. Lasha Bakradze zum Beispiel, der in Tiflis das Georgische Literaturmuseum leitet, organisierte in den Räumen seines Hauses eine Spendensammlung: "Künstler haben Bilder verkauft und den Erlös überwiesen, denn noch mehr vielleicht als die georgische Gesellschaft sonst sind die Künstler auf der Seite der Ukraine."

Als Staat, der sich nach zweihundertjähriger Abhängigkeit von Russland befreite, teile Georgien in vieler Hinsicht die geopolitischen Probleme der Ukraine: "Die Ukraine und Georgien haben viel Gemeinsames, und das ist nicht nur, dass wir beide Republiken in der Sowjetunion gewesen sind, vorher noch im russischen Imperium, sondern: Auch wir haben einen Krieg mit Russland erlebt, nicht so brutal vielleicht wie jetzt der, der in der Ukraine geführt wird. Jetzt kontrolliert Russland etwa 20 Prozent des ukrainischen Territoriums, und genauso viel von Georgien hält Russland bis heute besetzt. Vielen Georgiern ist sehr klar, dass dieser Krieg, den das ukrainische Volk gegen Russland führt, ist auch ein Krieg für unsere Freiheit von Russland. Wenn Russland siegen sollte in diesem Krieg, wird es Georgien nicht viel bessergehen als der Ukraine.“

Eine kalte Phase des Kriegs

Anders als die Ukraine könnte Georgien mit seinen dreieinhalb Millionen Einwohnern und einer nur kleinen Armee einen Angriff Russlands nicht abwehren. Man fühlt sich dem imperialistisch agierenden Nachbarn ausgeliefert, meint Lasha Bakradze: "Wir sind im permanenten Kriegszustand mit Russland, das muss man sich deutlich vor Augen führen. Wir habe heiße Phasen des Kriegs 2008 und kalte Phasen. Im Moment haben wir eine kalte Phase, aber es ist Krieg, weil Russland die Grenze in Südossetien permanent vorschiebt, es werden die georgischen Dörfer ganz gezielt entleert. Es werden täglich Menschen gekidnappt und dafür Erpressungsgelder gefordert. Die georgische Minderheit in Abchasien wird brutal unterdrückt, und das ist wirklich nicht das, was man Frieden nennen darf und kann."

Imperiales Gehabe

Die russlandfreundliche Politik der Regierung zeigt sich darin, dass Russen visafrei nach Georgien einreisen dürfen – eine Chance, die viele nach Beginn des Krieges genutzt haben, sei es, um Repressionen zu entgehen oder aus wirtschaftlichen Gründen. Ihr Zuzug aber schafft gesellschaftliche und ökonomische Probleme, meint Lasha Bakradze: "Es sind über 100.000 Russen gekommen, das ist eine große Zahl für Georgien. In Georgien leben 3,5 Millionen Menschen. Viele spüren, dass die Preise gestiegen sind, die Mieten sogar enorm. Natürlich ist das Misstrauen sehr groß, nicht alle Russen, die hergekommen sind, seien gute Russen. Es gibt viele junge Männer darunter, die fürchten, in die Armee eingezogen zu werden. Außerdem gibt es Spannungen zwischen Russen und Georgiern, weil die Russen das imperialistische Gehabe haben: Sie wundern sich, dass die Georgier nicht Russisch sprechen oder sprechen wollen, und das ärgert uns sehr."

Eine ungekürzte Fassung des Beitrags von Jochen Rack hören Sie am 24.Juli im Kulturjournal auf Bayern 2, das sie hier abonnieren können.