Promenadologe Martin Schmitz Warum es gut ist, dass wir wieder mehr spazieren

Autos, Flugzeuge haben unser Leben schneller gemacht – und unsere Wahrnehmung. Dank Corona gehen wir wieder mehr spazieren, sagt der Promenadologe Martin Schmitz. Im Interview erzählt er, warum das gut ist – auch in der Stadt.

Stand: 11.12.2020 | Archiv

In Zeiten der Coronakrise beim zweiten Teil Lockdown treffen sich Jugendliche gerne auf ein Getraenk auf der Duesseldorfer Rheinpromenade, Kneipen und Restaurants sind geschlossen. | Bild: icture alliance / Rupert Oberhäuser

"Langsam durch belebte Straßen zu gehen, ist ein besonderes Vergnügen. Man wird überspült von der Eile der anderen. Es ist ein Bad in der Brandung." Der erste Satz aus einem Klassiker der Flanier-Literatur, Franz Hessels Buch "Spazieren in Berlin", geschrieben 1929, klingt derzeit leider sehr historisch, denn wenn etwas den Straßen in dieser Corona-Zeit fehlt, dann das Leben. Die anderen Spaziergänge allerdings gibt es immer mehr. Denn Flanieren ist schließlich das neue Ausgehen. Es ersetzt Musums-, Theater-, Wirtshaus- und Bar-Besuch. Man schöpft Atem. Man trifft Freunde. Man sinniert vor sich hin. Gezwungenermaßen ist spazieren Gehen die Tätigkeit der Stunde. Kommt sie dadurch zu neuer Blüte oder ist sie ihrem Wesen nach dadurch überfordert? Martin Schmitz ist Verleger, aber auch Professor für Spaziergangswissenschaft in Kassel, oder was natürlich noch viel edler klingt: Er ist Promenadologe.

Barbara Kopf: Sie gehen schon von Berufswegen gerne spazieren. Vermutlich aber auch aus Leidenschaft. Wie nehmen Sie denn momentan das spazieren Gehen wahr? Es gibt ja jetzt viel mehr Leute als sonst, die spazieren gehen?

Martin Schmitz: Es fallen im Moment ja eine Menge Wege weg. Die Menschen arbeiten im Homeoffice. Und dann müssen sie aber trotzdem irgendwann mal raus und dann kommt es zu kleinen Spaziergängen, die sonst nicht gemacht würden. Ich muss aber noch eins korrigieren: Ich bin ja nicht Professor für Spaziergangeswissenschaft. Das gibt es nicht. Ich lehre im Fachbereich Design an der Kunsthochschule in Kassel und dort eben die Lehre und Forschung von Lucius Burckhardt, einem Schweizer Soziologen, der 2003 gestorben ist. Und der ist eigentlich der Erfinder der Promenadologie.

Aha, also Promenadeloge sind sie aber. Das ist zumindest richtig. Und was ist dann der Unterschied zum Flaneurtum?

Flanieren kann jeder, spazieren gehen kann jeder. Ich muss vielleicht den Hintergrund etwas beleuchten: Der Pariser Soziologe Lucius Burckhardt hat das im Fachbereich Architektur, Stadt und Landschaftsplanung erfunden. Es geht eigentlich um Wahrnehmung und Planung, Gestaltung. Und er hat sich gefragt: Warum ist Landschaft eigentlich schön? Um da eine eigene Aussage drüber zu treffen, muss man sich ja bewegen. Und die einfachste Form, sich zu bewegen, ist das spazieren Gehen. Also gehen wir durch eine Landschaft und können dann erst wirklich etwas über sie aussagen. So ähnlich wie der Armstrong auf dem Mond. Er hat ja gesagt, das sieht aus wie im Grand Canyon. Und das hat er mitgebracht. Und das passiert heute auch noch: Wir bringen viel Information über eine Vorstellung einer Landschaft oder Stadt einfach schon mit. Kinder interessiert das gar nicht so sehr. Die sind mit einem Stock beschäftigt oder mit einer alten Cola-Dose. Und wir Erwachsene haben aber dann irgendwann im Laufe des Lebens "Landschaft" gelernt aus Filmen, Prospekten, Werbung. Und heute - die Geschwindigkeit hat ja zugenommen - ist Gehen ja nur eine Art der Fortbewegung, die eben sehr einfach ist. Aber wir fliegen und fahren auch und diese Wahrnehmung bei einer hohen Geschwindigkeit hat unsere Wahrnehmung verändert. Und das gibt eine Rückkopplung auf die Gestaltung. Das ist eigentlich die Grundthese von Lucius Burckhardt.

Das heißt, der Spaziergänger sieht mehr und erfährt dadurch auch mehr über beispielsweise Stadträume?

Das wäre wünschenswert. Aber seine Kritik damals in den 80er Jahren war, dass viele Architekten und Stadtplaner und Landschaftsplaner, aber auch Soziologen im Grunde genommen nur noch vom Schreibtisch aus arbeiten. Der Burckhardt sagt spazieren Gehen schafft Schönheit. Die Verbindung von Wahrnehmung und Gestaltung. Je besser oder intensiver wir wahrnehmen, desto besser können wir auch gestalten. Und die hohe Geschwindigkeit, die hat eben dazu geführt, dass wir viel größere Sequenzen wahrnehmen. Die Landschaft huscht an uns vorbei. Und das ist etwas, worauf die Spaziergangeswissenschaft auch hinweist. Wir leben ja heute in einer Welt einer noch nie dagewesenen Mobilität. Und wir leben in einer Welt einer noch nie dagewesenen Kommunikation bzw. medialen Beeinflussung. Und das hat natürlich unsere Vorstellung in den Köpfen - also das, was wir mitbringen - enorm vervielfacht. Die Geschwindigkeit hat eben auch dazu geführt, dass wir eine Menge der realen Umwelt gar nicht mehr sehen bzw. wir finden dann Autobahnkreuze, die Verkehrsinfrastruktur hässlich.

Nun ist das spazieren Gehen in dieser mobilen Gesellschaft, dieser Auto-Gesellschaft, von der Sie gerade gesprochen haben, ein bisschen aus der Mode gekommen. Aber haben Sie das Gefühl, es gibt jetzt die Chance, dass das durch Corona wiederentdeckt wird?

Ja, natürlich. Und nicht nur durch Corona. Aber Wir merken, dass dieses System aus den Fugen geraten ist. Das Gehen ist tatsächlich wieder attraktiver geworden, man sieht immer mehr Leute spazieren Gehen in der Stadt. Das Interesse an der realen Welt hat zugenommen. Nach Second World, eventuell nach den 90er Jahren, die sich ja sehr viel artifiziell abgespielt haben. Also ich kann jetzt nur sagen, nachdem ich 15 Jahre über Spaziergangeswissenschaft rede, auch Bücher zu dem Thema veröffentlicht habe, dass jetzt das, was Burckhardt vorgedacht hat, tatsächlich passiert. Ich hatte letztens gelesen, in Paris hat die Bürgermeisterin von der 15-Minuten-Stadt gesprochen. Das finde ich sehr interessant. Sie meinte damit, dass man wieder in der Stadt wohnt, wo man nicht länger als 15 Minuten zur Arbeit braucht, zum Einkaufen und zu Erholungsbereichen. Das ist die Devise, die jetzt schon ausgegeben wird.