Debatte um Boris Palmer Warum Cancel Culture ein Totschlagargument ist

Ist Boris Palmer Opfer einer Sprachpolizei geworden? Oder benutzt er den Begriff "Cancel Culture" nur, um einen Fehltritt zu verbergen? Ein Kommentar.

Von: Martin Zeyn

Stand: 10.05.2021 | Archiv

ARCHIV - 26.11.2018, Baden-Württemberg, Tübingen: Boris Palmer (Bündnis 90/Die Grünen), Oberbürgermeister der Stadt Tübingen, gibt ein Interview.     (zu dpa "Palmer: «Keine Ahnung, welches Erdbeben ich da mal wieder auslöse»") Foto: Sebastian Gollnow/dpa +++ dpa-Bildfunk +++ | Bild: dpa-Bildfunk/Sebastian Gollnow

Die Sache ist klar: Ein grüner Kommunalpolitiker benutzt das N-Wort. Und würzt das Ganze noch durch einen Hinweis auf das Genital des schwarzen Fußballspielers und eine sexuelle Nötigung gegenüber einer weißen Frau. Die aber ist bisher nicht bewiesen – einziger Beleg ist ein Facebookpost von dem nicht einmal geklärt ist, ob tatsächlich eine echte Person dahintersteht. Für die Grünen ein No-Go, weil es die Partei diskreditiert.  

Über Parteiinterna hinaus interessant wird der Skandal erst durch die Verteidigungstaktik des Tübinger Oberbürgermeisters Boris Palmer. Die Rhetorik, derer er sich bedient, lohnt eine genaue Betrachtung. In der Welt am Sonntag schrieb er: "Die Welt wird einfach nicht besser, wenn man Menschen gesellschaftlich ächtet und ihre berufliche Existenz vernichtet, weil sie einen ungeschickten Satz gesagt haben, den man absichtlich falsch versteht.“ Diese Rechtfertigung war nicht nur auf Palmer selbst gemünzt, sondern auch auf Dennis Aogo, der in einer Moderation gesagt hatte: "Spieler trainieren bis zum Vergasen“. Palmer verteidigt die Entgleisung eben jenes Mannes, dem er sexuelle Nötigung vorgeworfen hat. Ergo: Niemand könne Palmers Aussage auf die Goldwaage legen, weil er ja den schwarzen Fußballer verteidige. Ja, wirklich? Palmers Post "Hat Frauen seinen N****s***** angeboten" bedient sich rassistischer Vorurteile. "Ungeschickt", wie Palmer schreibt, ist daran nichts. Für derlei Kommentare müsste jeder Mitarbeiter seinen Hut nehmen, egal ob bei den Grünen oder  - sagen wir mal – BMW.  

Satire rechtfertigt nichts 

Also legt Palmer nach, sowohl Aogos als auch seine Aussage seien "absichtlich falsch“ verstanden worden. Und verschiebt damit Ursache und Wirkung. Nicht die Äußerung sei das Problem, sondern deren Interpretation. Tatsächlich existiert, das wissen wir aus der Psycholinguistik, so eine Grauzone. Allerdings nicht bei einem Satz, der drei Rassismen vereinigt. Allein die Häufung spricht dafür, dass der Satz genauso gemeint war.

Das scheint auch Palmer geahnt zu haben, also bringt er "das Stilmittel der Satire“ für sich in Anschlag. Nun ja, eigentlich sollte jeder Politiker, bevor er ein Amt bekleidet längst wissen, dass bei bestimmten Fragen dieses Stilmittel lieber nicht benutzt werden sollte. Schon gar nicht, wenn damit eine unbewiesene Anschuldigung verbreitet wird. Was ist von einem Politiker zu halten, der Satire benutzt, um über einen Angehörigen einer Gruppe zu sprechen, die alltäglicher Diskriminierung ausgesetzt ist? Und der nicht kapiert, dass er Satire unterlassen sollte, die nur dank Ressentiments und Rassismen "lustig“ ist, also nur "funktioniert", weil sie Menschen diskreditiert.  

Eine Binsenweisheit: Politiker werden an ihren Worten gemessen. Palmer fürchtet genau das. Seinen Kritikern unterstellt Palmer "Jakobinertum“. Er inszeniert sich als Opfer einer Hetzjagd, sieht in sich einen Leidtragenden der "um sich greifenden“ Cancel Culture. Die leicht zu durchschauende Taktik: Nicht der, der es geschrieben hat, ist schuld, sondern die, die ihn kritisieren. Eine Entschuldigung sieht anders aus. So ein Politiker ist nicht nur für die Grünen ein Problem.