Aleida Assmann über Putins Vernichtungskrieg "Eine ganz neue Perversion in der Geschichte"

Nach Genozid folgt oft Memozid, heißt: Erinnerungsmord. Doch Putin verschleiert das Massaker von Butscha nicht, er zeichnet die verantwortlichen Soldaten mit Ehrentiteln aus. Im Gespräch erklärt die Kulturwissenschaftlerin Aleida Assmann seine Beweggründe.

Stand: 20.04.2022

11.04.2022, Ukraine, Butscha: Ein Ermittler trägt eine Weste mit der Aufschrift «War Crimes Prosecutor» («Ankläger für Kriegsverbrechen») und beginnt damit, neben Leichen aus einem Massengrab hinter der Kirche St. Andreas Beweise für Kriegsverbrechen zu sammeln. Foto: Carol Guzy/ZUMA Press Wire/dpa +++ dpa-Bildfunk +++ | Bild: dpa-Bildfunk/Carol Guzy

Mit der russischen Großoffensive im Donbass hat der Krieg in der Ukraine eine neue Stufe der Eskalation erreicht. Diese folgt der Perversion, dass nämlich der russische Präsident Putin gestern die Soldaten, die mutmaßlich für das Massaker in Butscha verantwortlich sind, mit einem Ehrentitel ausgezeichnet hat. Gleichzeitig ist es keine Woche her, dass US-Präsident Biden Putin Völkermord vorwarf. Tobias Ruhland spricht mit der Kulturwissenschaftlerin Aleida Assmann, Friedenspreisträgerin des Deutschen Buchhandels von 2018, über die scheinbare Auslöschung eines Landes.

Tobias Ruhland: Im Zuge von Bidens Rede taucht jetzt verstärkt der Begriff Genozid am ukrainischen Volk auf…

Aleida Assmann: Richtig. Es ist nicht nur von Genozid, es ist auch schon länger von einem Vernichtungskrieg Putins gegen die Ukraine die Rede. Man kann wirklich sagen, dass hier lauter Begriffe wieder aufgerufen werden, die wir aus der gar nicht so weiten Geschichte kennen. Das alles kulminierte einst im Zweiten Weltkrieg mit dem Genozid als Schlüsselbegriff. Bei einem Genozid ist es eigentlich so: Er wird verschleiert, weil niemand dafür verantwortlich sein möchte. Dass Putin ihn nun heraushebt und zu einem Ehrenzeichen macht, das ist eine vollkommen entgegengesetzte Entwicklung.

Man hat gesehen, dass viele Spezialisten nach Butscha geschickt wurden, die überhaupt erst mal den Befund wahrgenommen haben, die die Evidenz eingesammelt haben, um es vor Gericht zu bringen. Denn auf einen Genozid kann leicht ein Memozid folgen, das heißt ein Erinnerungsmord. So hat sich auch Hitler ausgedrückt, kurz vor Kriegsbeginn des Zweiten Weltkriegs sagte er: "Wer spricht denn heute noch von den Armeniern?". Im Jahr 1915 gab es den Genozid an den Armeniern bereits mitten im Ersten Weltkrieg und die Idee, dass man über die nicht mehr spricht, dass man sie vergisst, das war die Sicherheit, die Hitler hatte, um einen weiteren Genozid zu vollziehen, nämlich an den Juden. Und dass jetzt ein Genozid auch noch mit einem sich Brüsten und einem Herausstreichen der Helden verbunden ist, ist tatsächlich eine ganz neue Perversion in der Geschichte.

Putins Rhetorik hat sich ja auch verändert dahingehend, dass er in der Vergangenheit von der Ukraine als "unechtem Staat" und "erfundenem Land" gesprochen hat. Inzwischen spricht er auch von "De-Ukrainisierung"...

Die Nichtanerkennung der Ukraine als Staat hängt damit zusammen, dass er das Konzept des Nationalstaats nicht anerkennt. Und die Aberkennung von Nationalstaaten kann man eigentlich nur aus einer Perspektive verstehen, nämlich aus der Putins, dass er nicht in einem solchen Staat lebt, sondern in einem Reich. Und ein Reich hat keine festen Grenzen. Ein Reich ist ein Machtkomplex, der sich immer wieder ausdehnt, aber der eben Grenzen nicht respektiert und schon gar nicht die Grenzen eines Nationalstaats.

Wenn Orte kollektiver Erinnerung, also Städte und Denkmäler, in diesem Fall der Ukraine, ausgelöscht werden – was passiert da?

In der Tat sind für Nationalstaaten genau diese Dinge sehr, sehr wichtig. Denn: In Städten und in dem, was wir auch das historische und kulturelle Erbe nennen, manifestiert sich ja die Identität einer solchen Nation. Das ist das "Wir", das sich auf diese Geschichte als die eigene Geschichte stützt und sie deswegen auch wertschätzt und bewahrt. In der Ukraine gibt es sieben Welterbe-Stätten und sehr viele Museen und die Sorge ist, wenn man dieses Erbe zerstört, dass man dann auch die Identität dieses Landes mit zerstört. Da gibt es jetzt diesen Begriff, der im Moment sehr wichtig ist, das ist der Begriff des Urbizids, wörtlich: Städtemord. Ein Begriff von dem ehemaligen Bürgermeister von Belgrad, einem gewissen Bogdan Bogdanovich, ein Architekt und Künstler, und der hat diesen Begriff gebraucht angesichts des Jugoslawien Krieges, als eben Städte wie Sarajevo vernichtet wurden und damit ein unglaubliches Erbe, was in jeder Stadt angesammelt ist, nicht nur in einzelnen Kunstgegenständen oder Museen, sondern die Städte selbst sind eigentlich das Erbe. Diese gewaltsame Tabula Rasa eines Krieges, der die Infrastruktur zerstört, der die Städte in Steinwüsten überführt, in Geisterstädte verwandelt: All das ist eine Vernichtung von Geschichte. Es geht auch um die Vernichtung von Kultur. Denn Menschen leben in Gruppen zusammen und was sie verbindet, ist eben auch schützenswert. Das ist ihre Kultur oder Sprache. All das kann man auch zerstören oder unterdrücken.

Das führt uns wieder zum Nationalstaat zurück: Denn eine Nation kann nur zusammenleben, indem sie sich eben auch auf eine gemeinsame Kultur stützt. Und die muss erhalten werden und die muss auch die Chance einer Weitergabe erhalten. Sie braucht eine räumliche Sicherung und dafür gibt es die Grenzen. Und all das wird im Moment überrannt. Diese Idee der Vernichtung, die in diesem Krieg steckt, richtet sich gegen alle diese verschiedenen Dimensionen des In-der-Welt-Seins von Menschen, die zusammenleben auf einem Territorium und auch in ihrer Verschiedenheit der Kulturen, doch so etwas wie eine Gesellschaft bilden, die sich als etwas Gemeinsames versteht.

Genozid und Memozid, Völker- und Gedächtnismord sind gerade zentrale Begriffe: Wie weit strebt Putin das in der Ukraine an?

Indem er diesen Krieg als einen Vernichtungskrieg benennt und diese alten Begriffe bewusst wiedereinsetzt, macht er so etwas wie eine Wiederholung in der Geschichte, die sich nun gegen diesen Nachbarstaat und das Brudervolk wendet. Das ist insofern besonders pervers, weil die Geschichte beider Länder sehr, sehr eng miteinander verwoben ist. Auch im heutigen Gebiet der Ukraine gibt es noch jede Menge Denkmäler, die das sowjetische Erbe dieser gemeinsamen Geschichte dokumentieren und manifestieren, nämlich die Denkmäler der Völkerfreundschaft. Das höchste Symbol der Stadt Kiew, das auf einem Hügel stehend überall sichtbar ist, das ist die Statue der Heimat, also ein patriotisches Symbol einer Frau, die ein Schwert und ein Wappen in der Hand hält. Ein Symbol, das von den Russen dort aufgebaut wurde und zum Symbol dieser gemeinsamen Geschichte geworden ist.

03.04.2022, Ukraine, Butscha: Ukrainische Soldaten inspizieren die Trümmer einer zerstörten russischen Panzerkolonne auf einer Straße in Butscha, einem Vorort nördlich der Hauptstadt. Während sich die russischen Truppen aus den Gebieten nördlich der ukrainischen Hauptstadt zurückziehen, bezeichnen ukrainische Beamte die schweren zivilen Opfer, die in der Stadt Butscha gefunden wurden, als vorsätzliches Kriegsverbrechen, was internationale Verurteilungen nach sich zieht. | Bild: dpa-Bildfunk/Matthew Hatcher zum Artikel Kriegsverbrechen in Butscha Was das Massaker über den Krieg in der Ukraine verrät

Mit Entsetzen sehen wir auf die Bilder aus Butscha und Mariupol. Der Krieg in der Ukraine wird immer brutaler. Die russischen Militäroperationen scheinen einer Taktik zu folgen, die in der Historie schon für viel Leid gesorgt hat. [mehr]

Nun gibt es eine Dekommunisierung in der Ukraine, die sich dann nach dem Zerfall der Sowjetunion in Richtung Nationalstaat veränderte und anfing ihre eigene Geschichte zu pflegen und zu sortieren. In diesem Sinne waren viele Episoden dieser gemeinsamen Geschichte jetzt nicht mehr erwünscht, also: Lenin musste verschwinden. In Kiew ist es ja so, dass die Statue gestürzt wurde. Der Sockel steht aber noch und auf dem steht deutlich der Name Lenin zu lesen. Es ist eigentlich eine sehr klare Art und Weise, um zu zeigen, dass Lenin zwar weg ist, aber auch immer noch eine Schicht der gemeinsamen Geschichte. Diese Idee, man könne nun alles, was entstanden, gewachsen ist und sich miteinander verflochten hat, von einem Tag auf den anderen ausradieren, ist einfach eine totale Wahnidee.

Das Gespräch führte Tobias Ruhland in der kulturWelt auf Bayern 2. Hier können Sie die Sendung nachören und abonnieren!