Klassiker-Neuauflage Gertrude Steins Autobiografie ihrer Liebhaberin

Eine Autobiografie verfasst ein Autor oder eine Autorin für gewöhnlich über sich selbst. Die Schriftstellerin und Salonherrin Gertrude Stein sah es weniger eng – und schrieb die Autobiografie ihrer Lebensgefährtin Alice B. Toklas.

Von: Eberhard Falcke

Stand: 04.06.2021

Schwarzweißbild mit zwei etwa sechszigjährigen Frauen, die festlich in die Kamera blicken | Bild: Picture Alliance/AP

Die Entstehungsgeschichte dieses Buches lässt sich gut als scherzhafte Anekdote erzählen. Sagt die berühmte Autorin zu ihrer Lebensgefährtin: "Ach, ich habe nicht die mindeste Lust, meine Autobiografie zu schreiben. Schreib doch du deine, dann komme ich da ja auch ausführlich vor." Jahre vergehen. Sagt die berühmte Autorin: "Also Alice, jetzt hast du immer noch nicht angefangen. Weißt du was? Ich mach es selber und schreibe deine Autobiografie für dich."

Genauso geschah es. Darum steht auf dem Titelblatt der "Autobiografie von Alice B. Toklas" als Name der Verfasserin Gertrude Stein.

An Genies mangelte es nicht

Schon bald nach dem ersten Zusammentreffen 1907 in Paris fand Alice nach ihrer Ankunft aus San Francisco Aufnahme als Geliebte, Mitarbeiterin und Gefährtin von Gertrude Stein. An Bewunderung ließ sie es nicht fehlen:

"Ich kann sagen dass ich nur drei Mal in meinem Leben einem Genie begegnet bin und jedes Mal erklang in mir eine Glocke und in jedem Fall war es bevor sie allgemein als Genie anerkannt waren. So begann mein neues erfülltes Leben."

Die drei Genies, von denen hier die Rede ist, sind Pablo Picasso, Gertrude Stein und der Philosoph Alfred Whitehead. Tatsächlich mangelte es im Salon der Kunstsammlerin und Schriftstellerin in der Pariser Rue de Fleurus 27 weder an Genies noch an deren Erzeugnissen. Nach der Nippeshändlerin vom Montmartre gehörten die Amerikaner in Paris, Gertrude und ihr älterer Bruder Leo, seit 1903 zu den ersten Kunden von Picasso, Braque, Matisse oder Cézanne, deren Bilder damals noch für wenig Geld zu haben waren.

Toklas' Rolle im Salon war eindeutig

Die fleckigen Wände von Steins Atelier waren bald mit Ikonen der modernen Kunst gepflastert. Dieses bescheidene Domizil im 6. Arrondissement, dem geistigen Zentrum der Metropole, war eine Pilgerstätte für Künstler, Literaten, Bewunderer und Neugierige. Spätere Berühmtheiten hatten dort zahlreiche einprägsame Auftritte. Es entwickelten sich geistige Freundschaften aber auch denkwürdige Gegnerschaften oder Intrigen. Die Rolle von Alice B. Toklas bei alledem wird so beschrieben:

"Ich habe neben Frauen von Genies, von Beinahegenies, von Möchtegerngenies gesessen. Die Genies kamen und sprachen mit Gertrude Stein und die Frauen saßen bei mir. Alle hatten Frauen, und ich habe mit ihnen allen zusammengesessen und gesprochen."

Stein schätzte das eigene Werk hoch ein                                                  

Gertrude Steins stellvertretend verfasste Toklas-Autobiografie kam 1933 heraus und wurde zu ihrem erfolgreichsten Buch. Anders als ihre Avantgardetexte, zu deren Stil sie sich von den Abstraktionen des Kubismus anregen ließ, bietet diese Lebenserzählung trotz stark reduzierter Kommasetzung keinerlei Leseschwierigkeiten.

Die Spiegelungseffekte der travestierten Autobiografie – "Ich gesehen durch die Augen von Alice aber mit meinen Worten" – sind leicht zu begreifen, ihr spezieller Humor ebenso wie die perspektivischen Maskenspielereien. Zugleich hatte das Buch eine weitere wichtige Funktion: Gertrude Stein schrieb damit ihre Legende als Kunstheilige und eine Werbeschrift in eigener Sache. Sie selbst bewertete ihr Werk als den "Beginn der modernen Literatur".

T.S. Eliot fiel aus dem Sessel

Nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs durchquerten Gertrude und Alice unermüdlich ganz Frankreich mit einem Ford-Lastwagen, um Hilfsdienste für französische Kriegsverletzte zu leisten. In den Zwanzigerjahren dann erweiterte sich das Who's Who im Stein'schen Salon um die Expats, die jungen Amerikaner der "Lost Generation" wie Hemingway, Fitzgerald oder John Dos Passos, und zahlreiche weitere Literaten.

"Ezra Pound sprach über T.S. Eliot. Bald darauf sprachen alle über T.S. Gertrude Stein war nicht besonders erpicht zu Lady Rothermere zu gehen und T.S. Eliot kennenzulernen, aber wir alle bestanden darauf. Da läutete es und herein kamen Lady Rothermere und T.S. Eliot."                                

T.S. Eliot führte einen trickreichen Abwehrkampf gegen Gertrude Steins literarische Annäherungsversuche. Ezra Pound fiel im Verlauf eines heftigen Disputs aus dem Lieblingssessel der Gastgeberin und war damit für sie erledigt.

Einblicke in die klassische Moderne

Für kulturhistorisch Interessierte ist dieses doppelte vexierbildhafte Selbstporträt von Gertrude Stein und Alice B. Toklas ein Muss. Was daran wahr ist, bietet faszinierende Einblicke in die Frühzeit der klassischen Moderne. Und wo es an der reinen Wahrheit fehlt, gibt es amüsante, vielsagende Erfindungen im Überfluss.

Gertrude Stein: Autobiografie von Alice B. Toklas. Aus dem Amerikanischen von Roseli und Saskia Bontjes van Beek. ebersbach & simon, Berlin 2021. 336 Seiten, 24 Euro.